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Lennard Kämna siegt am Ätna

Der Ausreißerkönig des Frühjahrs gewinnt die 4. Etappe der Italien-Rundfart

Sieg mit Etikette: Lennard Kämna (v.) gewann die Etappe, Juan Pedro López fuhr ins Rosa Trikot.
Sieg mit Etikette: Lennard Kämna (v.) gewann die Etappe, Juan Pedro López fuhr ins Rosa Trikot.

Die Faust war in die Luft gestreckt, der Ober­kör­per auf­ge­rich­tet. Zuvor hat­te Len­nard Käm­na noch beim Blick zurück gese­hen, dass sein Mit­aus­rei­ßer Juan Pedro López ein paar Meter zurück­blieb. Sein Sieg am Ätna, dem höchs­ten akti­ven Vul­kan Euro­pas, nach 172 Kilo­me­tern Fahrt, 162 davon in der Flucht­grup­pe, war per­fekt. Und Käm­na konn­te nach die­ser vier­ten Etap­pe des Giro d’Italia nicht mehr auf­hö­ren zu strah­len. »Ich bin so glück­lich, schon jetzt den Etap­pen­sieg in der Tasche zu haben«, mein­te er, noch über­wäl­tigt vom Geschehenen.

Der Nord­deut­sche erwisch­te am Diens­tag einen per­fek­ten Tag. Trotz aller Ambi­tio­nen sei­nes Teams Bora auf das Gesamt­klas­se­ment erhielt er den Frei­fahrt­schein zum Aus­rei­ßen. Der 25-Jäh­ri­ge war Mit­in­itia­tor des Angriffs, aus dem sich nach etwa zehn Kilo­me­tern eine Grup­pe von 13 Fah­rern gebil­det hat­te. Sie har­mo­nier­ten bei der Fahrt hin zum Vul­kan und kamen mit aus­rei­chend Vor­sprung am Fuß des Ber­ges an. Käm­na ver­hielt sich in der Fol­ge­zeit sehr geschickt: Als einer der stärks­ten Fah­rer blieb er bei der Grup­pe, auch dann, als eini­ge Kon­kur­ren­ten die ers­ten Atta­cken setz­ten. »Ich woll­te so lan­ge wie mög­lich in der größ­ten Grup­pe unter den Aus­rei­ßern blei­ben. Schon zehn Kilo­me­ter vor dem Ziel zu atta­ckie­ren, schien mir wegen des star­ken Gegen­winds zu ris­kant, auch weil der Anstieg nicht so steil ist. López muss­te ich dann etwa einen Kilo­me­ter vor der Ziel­li­nie ein­ho­len, bevor es fla­cher wur­de. Ich bin sehr glück­lich, dass das auch so klapp­te«, beschrieb er die ent­schei­de­nen Sze­nen der vier­ten Etap­pe der Ita­li­en-Rund­fahrt.

Es war ein Ren­nen wie aus dem Rad­sport-Lehr­buch: Initia­ti­ve stets in den rich­ti­gen Momen­ten, ruhi­ges Arbei­ten über lan­ge Stre­cken und auch ein gutes Gefühl für das eige­ne Kräf­te­ma­nag­ment. Beim Sprint um den Etap­pen­sieg konn­te sich Käm­na auf die Eti­ket­te ver­las­sen. Mit­aus­rei­ßer López gab sich mit dem Rosa Tri­kot des Gesamt­füh­ren­den zufrie­den, das ihm die Flucht brach­te, und schien nicht die aller­letz­ten Kräf­te im Spurt zu mobi­li­sie­ren. »Sagen wir, es war ein stil­les Über­ein­kom­men. Es war so schön zu sehen, wie glück­lich er mit dem Wis­sen war, Rosa zu erobern. Jeder von uns war glück­lich, auch für den ande­ren«, mein­te Kämna.

Der Pro­fi vom Team Bora setzt damit sein star­kes Früh­jahr fort. Bereits bei der Anda­lu­si­en-Rund­fahrt und der Tour of the Alps konn­te er eine Berg­etap­pe gewin­nen. Stets nach dem­sel­ben Mus­ter: Käm­na war in der Flucht­grup­pe des Tages und rang dort am Ende die Riva­len nie­der. In Zukunft dürf­te er es weni­ger leicht haben. Aus­rei­ßer­kol­le­gen wer­den stär­ker dar­auf ach­ten, dass er nicht mit von der Par­tie ist. Oder sie wer­den sich Din­ge aus­den­ken, um ihn zu zermürben.

Statt sich um die Zukunft zu sor­gen, gilt für Käm­na aller­dings, die Gegen­wart zu fei­ern. Was aktu­ell nach einer Bil­der­buch­ent­wick­lung aus­schaut, stell­te sich vor genau einem Jahr noch ganz anders dar. Im März 2021 konn­te Käm­na bei der klei­nen Algar­ve-Rund­fahrt in Por­tu­gal nicht mit den Bes­ten mit­hal­ten, weder in den Ber­gen noch im Zeit­fah­ren. Er brach sei­ne Sai­son ab und nahm eine Aus­zeit. Er war aus­ge­brannt, gab er spä­ter zu, hat­te nicht die men­ta­le Kraft, mit Rück­schlä­gen im Sport umzu­ge­hen. »Sobald es Schwie­rig­kei­ten im Sport gab, hat­te ich Pro­ble­me, mir Befrie­di­gung abseits des Sports zu holen. Ich habe es ver­passt, mich für ande­re Din­ge zu öff­nen, ande­re Inter­es­sen zu ent­wi­ckeln«, bilan­zier­te er Ende des ver­gan­ge­nen Jahres.

In sei­ner Aus­zeit öff­ne­te sich Käm­na ande­ren Din­gen. Er mach­te sei­nen Segel­schein, ver­brach­te mehr Zeit mit Freun­den und Fami­lie. Das hat ihn offen­sicht­lich sta­bi­li­siert, auch für das, was ihm eigent­lich den meis­ten Spaß macht. »Ich habe eine gro­ße Lei­den­schaft für den Rad­sport. Ich lie­be es, auf dem Rad zu sein«, sag­te er »nd« im Früh­jahr. Nur waren die Ansprü­che, die er selbst an sich stell­te, offen­bar so hoch, dass er in eine Abwärts­spi­ra­le geriet, sobald die Din­ge nicht mehr so gut lie­fen. Bereits bei sei­nem frü­he­ren Team Sun­web hat­te Käm­na eine lan­ge Wett­kampf­pau­se ein­ge­legt, weil die Freu­de an dem, was er eigent­lich mag, im Stru­del von Selbst­zwei­feln völ­lig abhan­den­ge­kom­men war.

Dass Käm­na dabei nicht unter­ging, dass er sich auch über die Struk­tu­ren sei­ner jewei­li­gen Teams hin­aus pro­fes­sio­nel­le Hil­fe bei Sport­psy­cho­lo­gen hol­te, zeich­net ihn eben­so aus. Jetzt ist die Freu­de wie­der da. Und mit ihr die Angriffs­lust bei jedem Ren­nen. Jetzt bleibt die Fra­ge, wann der nächs­te Schritt erfolgt. Denn eigent­lich ist sein Poten­zi­al zu groß, um auf Dau­er nur in Flucht­grup­pen um Sie­ge mit­zu­fah­ren. Das Fah­ren auf das Klas­se­ment ist aller­dings eine oft frus­trie­ren­de Ange­le­gen­heit. Sie besteht vor allem dar­in, Feh­ler zu ver­mei­den und sich lan­ge mög­lichst unsicht­bar zu machen – genau das Gegen­teil von dem also, was der gut sicht­ba­re Aus­rei­ßer­kö­nig mit den auf einen Tag begrenz­ten Zie­len gera­de unter­nimmt. Doch das ist das Mor­gen. Jetzt gilt es erst ein­mal, den Moment zu genießen.

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