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Bezaubernder Himmel und furchtbare Grausamkeit

Der Genauigkeitsfanatiker war einer der besten Schriftsteller der Sowjetunion: Isaak Babel in neuen Ausgaben

Ein Prosaist, der noch fürs Nebensächlichste einen Blick: Isaak Babel
Ein Prosaist, der noch fürs Nebensächlichste einen Blick: Isaak Babel

Sie saßen bei Aschin­ger in Ber­lin und löf­fel­ten Erb­sen­sup­pe, bei­de Schrift­stel­ler, der eine, Eli­as Canet­ti, noch auf dem lan­gen Weg zu sei­nem gro­ßen Roman »Die Blen­dung«, der ande­re, Isaak Babel, schon berühmt. Canet­ti leb­te bereits eine Wei­le in der Stadt; Babel, ein klei­ner, unter­setz­ter Mann mit run­dem Kopf und run­der Bril­le mit dicken Glä­sern, hat­te sich in Paris auf­ge­hal­ten und mach­te auf der Rück­rei­se nach Mos­kau hier Sta­ti­on. Der Rus­se aß so lang­sam wie mög­lich, um län­ger die Leu­te beob­ach­ten zu kön­nen, jeden Ein­zel­nen. Am liebs­ten hät­te er so den gan­zen Tag dage­ses­sen, gelöf­felt und beob­ach­tet. Nie, sagt Canet­ti, habe er jeman­den erlebt, »der mit sol­cher Inten­si­tät sah … Er ver­warf beim Sehen nichts, denn er hat­te für alles den glei­chen Ernst, das Gewöhn­lichs­te wie das Unge­wöhn­lichs­te war für ihn von Bedeutung.«

In die­ser Beob­ach­tung ist schon der gan­ze Isaak Babel ent­hal­ten. Ein Pro­saist, der noch fürs Neben­säch­lichs­te einen Blick hat und Din­ge sieht, die sonst nie­mand beach­tet oder aus­spricht; der Erzäh­ler, der 1920 mit der Rei­ter­ar­mee in den Krieg gegen Polen zieht und nichts Heroi­sches fin­det, son­dern nur Ent­set­zen, Ver­wüs­tung, erschöpf­te Sol­da­ten, Wahn­sin­ni­ge, Krüp­pel, zer­schos­se­ne Pfer­de, lethar­gi­sche Bauern.

Kein ande­rer hat so dicht, so knapp und so wort­stark rus­si­sches Leben vor und nach der Revo­lu­ti­on beschrie­ben. Babel, der am 12. Juli 1894 gebo­re­ne Jude aus Odes­sa, war die unver­kenn­ba­re Stim­me in einer Welt des Umbruchs, der Rea­li­tät hin­ge­ge­ben, unemp­fäng­lich für Wunsch­bil­der und Fort­schritts­pa­ro­len. Er war, schrieb Fritz Mier­au, der Geschich­te nicht hörig. »Er wur­de einer, der sie macht – als Dich­ter.« Und wur­de einer der bes­ten Schrift­stel­ler der Sowjet­uni­on. Am 15. Mai 1939 hat man ihn nach ver­leum­de­ri­schen Anzei­gen ver­haf­tet. Die Manu­skrip­te, die man damals fand, gan­ze Sta­pel, wur­den ver­nich­tet, er sel­ber ist am 27. Janu­ar 1941 im Lager gestor­ben. Selbst sei­ne Frau erfuhr erst 1954 offi­zi­ell von sei­nem Tod. 1954 ist er auch reha­bi­li­tiert worden.

Bei Carl Han­ser erschie­nen 2014, vor­ge­legt in der schö­nen Klas­sik-Rei­he, Babels sämt­li­che Erzäh­lun­gen, über­setzt von Bet­ti­na Kai­bach und Peter Urban. Das Buch war ein Ereig­nis. Es stell­te ein Werk vor, das, so zer­streut und unge­si­chert wie kaum ein ande­res, in Tei­len erst­mals 1926 zu deut­schen Lesern kam. Damals publi­zier­te Wie­land Herz­fel­de im Malik-Ver­lag »Odes­sa­er Geschich­ten« und »Bud­jon­nys Rei­ter­ar­mee«. Danach die gro­ße, sehr lan­ge Pau­se. Babel war schon drei Jahr­zehn­te tot, als es durch Fritz Mier­au im Osten und Peter Urban im Wes­ten ers­te Aus­wahl­bän­de und Werk­samm­lun­gen gab. Sie mach­ten aber auch das Dilem­ma sicht­bar. Noch zu Babels 70. Geburts­tag, 1964, tauch­ten Arbei­ten auf, die nie gedruckt wor­den waren.

Hin­zu kommt, dass bis zum Ende der Sowjet­uni­on auch sei­ne Tex­te der Zen­sur unter­la­gen. Der Han­ser-Band war der ers­te in deut­scher Spra­che, der alle bekann­ten Pro­saar­bei­ten vor­stell­te, die frü­hen und die spä­ten Erzäh­lun­gen, die Frag­men­te und natür­lich die berühm­ten Samm­lun­gen »Die Geschich­te mei­nes Tau­ben­schlags«, »Geschich­ten aus Odes­sa« und »Die Reiterarmee«.

Der Ver­lag krönt die Wie­der­be­geg­nung jetzt mit einem wei­te­ren Band, der unter dem Titel »Wan­dern­de Ster­ne« die bei­den Dra­men Babels, sei­ne Dreh­bü­cher, die Repor­ta­gen, auto­bio­gra­fi­schen Aus­künf­te, Auf­sät­ze, Reden, Inter­views und das so wich­ti­ge »Tage­buch 1920« bringt, auch dies­mal alles, bis auf Peter Urbans Tage­buch-Ver­si­on, von Bet­ti­na Kai­bach neu über­setzt. Die fas­zi­nie­ren­de, auf Dünn­druck­pa­pier vor­ge­leg­te Samm­lung der Hei­del­ber­ger Sla­wis­ten Bet­ti­na Kai­bach und Urs Heftrich zeigt Babel in sei­ner Viel­sei­tig­keit und all sei­nen Facet­ten, zeigt den Genau­ig­keits­fa­na­ti­ker, der kein Manu­skript aus der Hand gab, ehe nicht alles stimm­te, jedes Wort, jeder Satz, jede Meta­pher. Er schön­te nichts, und er ließ, mein­te Eli­as Canet­ti, auch nicht weg, was ihm nicht pass­te. Und: »Was ihn am tiefs­ten quäl­te, das ließ er am längs­ten auf sich einwirken.«

Babel war gefähr­det. Er wuss­te es. Und war, wenn er etwa vor sowje­ti­schen Schrift­stel­lern sprach, auf der Hut. Ein­mal, in einem Brief­ent­wurf vom 13. August 1920, den man in sei­nem Tage­buch fand und der in der Mit­te des neu­en Ban­des steht, hat er die Nöte, in denen er steck­te, beschrie­ben: »Über uns ein bezau­bern­der Him­mel, mil­de Son­ne, rings­um atmet die Kie­fer, schnau­ben Hun­der­te von Step­pen­pfer­den, hier könn­te man leben, doch all unse­re Gedan­ken sind aufs Mor­den aus­ge­rich­tet … Ich habe hier zwei Wochen der Ver­zweif­lung erlebt, die kam von der furcht­ba­ren Grau­sam­keit, die hier kei­nen Augen­blick lang aus­setzt, und davon, dass ich begrif­fen habe, wie untaug­lich ich für das Werk der Zer­stö­rung bin.« Die einen wer­den die Revo­lu­ti­on machen, sagt er, er aber wer­de »das besin­gen, was sich abseits befin­det, das, was tie­fer sitzt, ich habe gespürt, dass ich das kön­nen wer­de, dafür wird Zeit sein und auch Raum«. Er fand die Zeit und schrieb die Geschich­ten sei­nes Ban­des »Die Rei­ter­ar­mee«. Sie erschie­nen 1926 erst­mals voll­stän­dig in Moskau.

Sem­jon Bud­jon­ny, der Heer­füh­rer in den Kämp­fen, die der Revo­lu­ti­on von 1917 folg­ten, hat sich 1928 in einem offe­nen Brief an Maxim Gor­ki über Babels Buch auf­ge­bracht beschwert. Er beklag­te, dass die Erzäh­lun­gen die gran­dio­sen Taten und Sie­ge sei­ner Män­ner nicht regis­trier­ten, und leg­te Wert auf die Mit­tei­lung, »dass Babel nie wirk­lich akti­ver Sol­dat der Rei­ter­ar­mee gewe­sen sein kann«. In den »Hin­ter­hö­fen« der Armee habe er sich her­um­ge­trie­ben, schrieb Bud­jon­ny, und des­halb habe er auch nur »Wei­ber­klatsch« erzählt, in »Wei­ber­kram« gewühlt und mit »wei­bi­schem Ent­set­zen« berich­tet, »wie ein hung­ri­ger Rot­ar­mist sich irgend­wo ein Huhn und einen Brot­laib nahm. Denkt sich His­tör­chen aus, schüt­tet sei­nen Schmutz über unse­re bes­ten Kom­man­deu­re – Kom­mu­nis­ten –, fan­ta­siert und lügt.«

Er hat­te mit sei­nem dra­ma­ti­schen Ein­spruch kein Glück. Gor­ki war der Ers­te, der auf Babel auf­merk­sam gemacht hat­te, der die schüt­zen­de Hand über ihn hielt, ihn ver­tei­dig­te und das sel­te­ne Talent sei­nes Kol­le­gen rühm­te. »Ich kann Ihre Mei­nung über Babels ›Rei­ter­ar­mee‹«, erwi­der­te er, »nicht tei­len und pro­tes­tie­re ent­schie­den gegen Ihre Ein­schät­zung des begab­ten Schrift­stel­lers.« Spä­ter, 1930, füg­te er in einem Brief an Wse­wo­lod Wisch­new­ski hin­zu: »Babel ist schlecht gele­sen und nicht ver­stan­den wor­den – das ist es.« Aber in Bud­jon­nys Pro­test war schon aus­ge­drückt, was die Sowjet­macht über den Ver­fas­ser der »Rei­ter­ar­mee« dachte.

Babel war ein Poet unter den Pro­sais­ten, ein Roman­ti­ker, der mit Witz und Iro­nie nicht geiz­te. Sei­ne Geschich­ten, die manch­mal nur zwei, drei Druck­sei­ten ein­neh­men, bevöl­kert von Lie­ben­den, Krie­gern, armen Juden, Gano­ven, Spitz­bu­ben, Fan­tas­ten, sind Zeug­nis­se eines gran­dio­sen Sti­lis­ten, der Krieg und Pogro­me so fan­tas­tisch knapp und prä­gnant, nüch­tern und scho­nungs­los beschrieb wie die Vor­gän­ge bei der Kol­lek­ti­vie­rung der Land­wirt­schaft. Nimmt man bei­de Bücher des Han­ser-Ver­la­ges zusam­men, bei­de hilf­reich mit Kom­men­ta­ren und Anmer­kun­gen ver­se­hen, hat man bei­na­he, von den Brie­fen abge­se­hen, den gan­zen Babel, eine der ein­drucks­vol­len, anrüh­ren­den Gestal­ten der moder­nen Weltliteratur.

Isaak Babel: Wan­dern­de Ster­ne. Dra­men, Dreh­bü­cher, Selbst­zeug­nis­se, 845S., geb., 38€;

Mein Tau­ben­schlag. Sämt­li­che Erzäh­lun­gen, 863S., geb., 39,90€;

bei­de Bän­de hg. v. Urs Heftrich u. Bet­ti­na Kai­bach, übers. v. Bet­ti­na Kai­bach u. Peter Urban, Carl-Han­ser-Ver­lag.

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