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Mutterland, wo bist du?

Ein Familienstück über Flucht gestern, heute und morgen

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 3 Min.
Offene Fragen klären, von Tochter zu Tochter: Ella Mae und Bernadette La Hengst in »Mutterland«
Offene Fragen klären, von Tochter zu Tochter: Ella Mae und Bernadette La Hengst in »Mutterland«

Vater­land, Vater­stadt, Vater­un­ser – man kann’s nicht mehr hören. Stren­ge, Stolz und Gewalt sind die ungu­ten Asso­zia­tio­nen der »Sehn­sucht nach dem Vater«, von der Sig­mund Freud schrieb. Die Musi­ke­rin und Thea­ter­ma­che­rin Ber­na­det­te La Hengst, im deut­schen Indie­pop die ein­zi­ge Soul­sän­ge­rin, sucht das »Mut­ter­land«, das sie der­zeit in Ber­lin auf­führt. Es ist ihre Spu­ren­su­che nach ihrer Mut­ter Git­ti, die an Krebs starb, als ihre Toch­ter gera­de in die Puber­tät kam. Es ist auch eine Flucht­ge­schich­te, die die Ver­trie­be­nen nach dem Krieg mit den heu­ti­gen Flücht­lin­gen kurzschaltet.

Ende 1944 floh Git­ti mit ihrer Fami­lie aus einem Dorf in Schle­si­en in ein Dorf in Bran­den­burg. Dann zogen sie nach Frankfurt/Oder und flo­hen schließ­lich 1953 »aus poli­ti­schen Grün­den« (der Vater war in der NSDAP gewe­sen und woll­te nicht in die SED) nach Müns­ter, wo sie hei­ra­te­te und in Bad Sal­zu­flen bei Bie­le­feld lan­de­te. Ein Ort, aus dem dann ihre Toch­ter in den 80er Jah­ren flie­hen muss­te, weil er »viel zu eng« war.

»Das Leben ist ein Pro­vi­so­ri­um« singt Ber­na­det­te La Hengst am Anfang und am Ende die­ser bewusst­seins­er­wei­tern­den Col­la­ge aus Fotos, Vide­os und Songs. Ein wirk­li­ches Fami­li­en­stück, bei dem die Män­ner nur am Ran­de vor­kom­men; es wird gestal­tet von Toch­ter zu Toch­ter. Als ein per­for­ma­ti­ver Dia­log über offe­ne mora­li­sche, poli­ti­sche und fami­liä­re Fra­gen zwi­schen Ber­na­det­te und Ella Mae Hengst, ihrer 16-jäh­ri­gen Toch­ter. Die immer wie­der die Stirn run­zelt: »Woher soll ich das wis­sen? Das hät­test du schon dei­ne Mut­ter fra­gen müs­sen.« Inter­es­san­ter­wei­se spielt Ella Mae dann Git­ti, wenn sie aus ihren alten Auf­sät­zen und Brie­fen vorträgt.

»Mut­ter­land« zeigt, dass Flucht und Migra­ti­on, egal von wem und war­um, immer extre­me Her­aus­for­de­run­gen sind – für die Flücht­lin­ge. In Schle­si­en gab es vor Ostern das Ritu­al, den Tod aus­zu­tra­gen – als Pup­pe. Man schmiss sie in einen Gra­ben und lief weg, damit er einen nicht ein­holt, steht in einem Schul­auf­satz von Git­ti. »Wohin wir auch flie­hen, wir kom­men nie­mals an, nur da, wo wir lie­ben, ist neu­es Land«, singt Ber­na­det­te, und Ella Mae schlägt einen neu­en Begriff vor: Mut­ter­stadt. Denn Län­der sind zu abstrakt.

Nächs­te Vor­stel­lung: an die­sem Sams­tag um 20.15 Uhr, Frei­licht­büh­ne Berlin-Weißensee

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