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Nichts ist normal

Für den Kapitalismus selten zu gebrauchen: Jonas Engelmann präsentiert ein Lesebuch über kulturelle Außenseiter

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 11 Min.
Zu nichts zu gebrauchen, jedenfalls nicht im Sinne des Kapitalismus: Gaston
Zu nichts zu gebrauchen, jedenfalls nicht im Sinne des Kapitalismus: Gaston

Außen­sei­ter Spit­zen­rei­ter? Na ja, das Leben ist kei­ne Fern­seh­show. Aber Neu­gier­de und Fan­ta­sie sind unab­ding­bar, um nicht zu ver­blö­den, egal, ob im Fern­se­hen oder sonst­wo. Iro­nie ist eben­falls nicht ver­kehrt, sonst schafft man’s nicht im All­täg­li­chen. Nur kann man nicht alles iro­ni­sie­ren, denn dann weiß man gar nicht mehr, was rich­tig ist. Und wie ist das mit den Außen­sei­tern? Die lie­gen für die Mehr­heit immer falsch. Denn sie haben ihre eige­nen Stan­dards. Man­che zer­bre­chen dar­an, ande­re wech­seln die Posi­ti­on; und es gibt wel­che, die set­zen sich durch – so begin­nen mit­un­ter die Erfolgs­ge­schich­ten der Erneue­rung in Öko­no­mie, Kul­tur und Politik.

Jonas Engel­mann hat sich mit den kul­tu­rel­len Außen­sei­tern beschäf­tigt. Die öko­no­mi­schen wären zu skur­ril und affir­ma­tiv gewe­sen. Um die kann sich die Zeit­schrift »Brand Eins« küm­mern, da schrei­ben die Nach­wuchs­leu­te von CDU, FDP und Grü­ne. Also alle, die an die Gerech­tig­keit des Kapi­ta­lis­mus glau­ben wol­len. Aber auch die his­to­ri­schen Kri­ti­ker die­ser Idee, die poli­ti­schen Außen­sei­ter von den diver­sen Trotz­kis­ten bis zu den diver­sen Anar­chis­ten, sind vom Wis­sen­schafts­be­trieb schon lan­ge abgefrühstückt.

Mitt­ler­wei­le weiß fast jeder, dass die sozia­lis­ti­schen und kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en ohne ihre Dis­si­den­ten und Häre­ti­ker ziem­lich trost- und geist­lo­se Ver­an­stal­tun­gen dar­stel­len. Und doch beschäf­ti­gen sich Lin­ke am liebs­ten mit der Ver­gan­gen­heit, weil sie ihnen irgend­wie ful­mi­nan­ter als die Gegen­wart vor­kommt. Gro­ßes Pro­blem: die stän­di­ge His­to­ri­sie­rung. Auch da gibt es Kon­junk­tu­ren: Bis 1989 war es hier­zu­lan­de die viel­fäl­tig-avant­gar­dis­ti­sche Sowjet­uni­on vor Sta­lins Ter­ror, nach 1989 war es lan­ge Zeit das nicht so hoh­le Jugo­sla­wi­en bis zu Titos Tod. Kon­stant strahlt eigent­lich immer nur Latein­ame­ri­ka als ewi­ge Hoff­nung, von lin­kem Wahl­sieg zu lin­kem Wahl­sieg, und dann ist es doch nur más o menos.

Der Jour­na­list Jonas Engel­mann, der auch einer der Ver­le­ger des Außen­sei­ter­ver­lags Ven­til ist, schreibt kei­ne gro­ßen poli­ti­schen Ent­wür­fe, son­dern Por­träts schil­lern­der Figu­ren, »die nicht so rich­tig rein­pas­sen wol­len in Gemein­schaft und Gesell­schaft«. Es geht also wie­der mal um die Indi­vi­du­en – die sind meis­tens inter­es­san­ter als die Gesamt­dar­stel­lun­gen, weil man sie sich bes­ser vor­stel­len kann. Und so ver­sam­melt Engel­mann wie in einem Lese­buch ihm wich­ti­ge »Luft­men­schen und Dro­pouts, Käu­ze und Son­der­lin­ge«, damit man sie erst mal ken­nen­lernt und sich dann even­tu­ell mehr mit ihnen beschäf­tigt. Sie kom­men aus der Lite­ra­tur (zum Bei­spiel Peter Weiss, Peter Kurz­eck, Fran Ross, Isaak Babel, Nel­la Lar­sen, Geor­ges Perec), aus Jazz und Pop (Sun Ra, Kimya Daw­son, Jan­dek, Björk, John Zorn), Film (Tho­mas Har­lan, Clau­de Lanz­mann), Kunst (Kurt Schwit­ters, Boris Lurie) und Comic (Geor­ge Herri­man, André Fran­quin, Julie Dou­cet).

Alle die­se Tex­te sind in den letz­ten 15 Jah­ren schon erschie­nen, in »Kon­kret«, »nd« und »Jung­le World«. Idea­ler­wei­se soll sein Buch wir­ken wie »ein Spa­zier­gang mit über­ra­schen­den Begeg­nun­gen«, schreibt Engel­mann im Vor­wort. Das ist ein ange­nehm freund­li­cher Ansatz. Das Buch hat auch einen guten Titel: »Dahin­ter. Dazwi­schen. Dane­ben«. Abseits der mas­sen­me­dia­len Ver­mark­tung, könn­te man ergän­zen, auf dem Buch­rü­cken wird das The­ma »kul­tu­rel­les Leben im Schat­ten« genannt.

Das bedeu­tet in der Ten­denz Eman­zi­pa­ti­on und Anti­ka­pi­ta­lis­mus, die Engel­mann sehr schön am Bei­spiel der Comic­fi­gur Gas­ton her­aus­ar­bei­tet, die Ende der 50er Jah­re von André Fran­quin geschaf­fen wur­de: Gas­ton ist Büro­bo­te in einem Comic­ver­lag »und wirk­lich zu nichts zu gebrau­chen«, wie sein Chef Fan­ta­sio sagt. »Zumin­dest nicht zu gebrau­chen im Sin­ne des Kapi­ta­lis­mus, sei­ne Beschäf­ti­gung erbringt kei­nen Mehr­wert, zumin­dest sel­ten, und wenn, dann nicht zum Vor­teil sei­ner Vor­ge­setz­ten«, ergänzt Engel­mann. Statt­des­sen stif­tet Gas­ton meist ein lus­ti­ges Cha­os, gera­de weil er sich als ewi­ger Pro­kras­ti­na­tor eigent­lich jede Arbeit erspa­ren will.

Der gemein­sa­me Nen­ner der in die­sem Buch ver­sam­mel­ten Per­sön­lich­kei­ten ist die gegen­kul­tu­rel­le Ableh­nung der von ihnen vor­ge­fun­de­nen »Alten Wer­te«, wie er schreibt. Und das ist auch das Prin­zip der jugend­li­chen Sub­kul­tu­ren von Rock’n’Roll bis Hip-Hop, die die Kul­tur­in­dus­trie immer wie­der erneu­ern. Doch das ist eh schon alles bekannt, da muss man nicht mehr Hork­hei­mer und Ador­no aus der »Dia­lek­tik der Auf­klä­rung« bemü­hen, mit ihrem Dik­tum, in der Kul­tur­in­dus­trie sei für jeden etwas vorgesehen.

Um die­se Kri­tik geht es Engel­mann auch nicht, son­dern um das »Gesetz der guten Nach­bar­schaft«, nach dem der Kunst­his­to­ri­ker Aby War­burg ab 1904 sei­ne legen­dä­re Biblio­thek ein­ge­rich­tet hat. Es galt bei ihm für Bücher aus allen mög­li­chen Berei­chen, von Phi­lo­so­phie über Eth­no­lo­gie bis zur Kunst­wis­sen­schaft, die gleich­be­rech­tigt prä­sen­tiert wur­den, um Mate­ri­al für den »Befrei­ungs­kampf des mensch­li­chen Bewusst­seins« bereitzustellen.

War­burg ist dann auch der ers­te Text im Buch gewid­met. Der Ham­bur­ger Ban­kiers­sohn schlug sei­ne Betei­li­gung am lau­fen­den Geschäft aus, unter der Bedin­gung, dass ihm sei­ne Fami­lie jedes Buch kau­fen wür­de, das er haben woll­te. Und so schuf er sei­ne »Kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Biblio­thek« mit über 20 000 Bän­den. Die­ses Ensem­ble und nicht etwa ein ein­zel­nes Buch gilt als War­burgs Haupt­werk. Es soll­te in sei­nen Wor­ten der »Ent­gif­tung« der »pathe­ti­schen Gewal­ten«, der irra­tio­na­len Ängs­te und Dro­hun­gen dienen.

Es sind die­se »pathe­ti­schen Gewal­ten«, die Engel­manns Außen­sei­tern zu schaf­fen mach­ten, ja für sie lebens­ge­fähr­lich waren: Faschis­mus, Ras­sis­mus und Sta­li­nis­mus. Ihm als Autor ist völ­lig klar, dass er als Kind der BRD-Midd­le-Class-Gesell­schaft »meist die Wahl (hat­te), mich aus frei­en Stü­cken als Außen­sei­ter zu defi­nie­ren, als Son­der­ling mit selt­sa­men Inter­es­sen«. Man hört halt komi­sche Musik, schaut merk­wür­di­ge Fil­me und liest Bücher, die nicht so ein­fach sind. Und so schließt sich bei­spiels­wei­se der Kreis zwi­schen Punk und Bol­sche­wis­mus. Aller­dings muss­te John­ny Rot­ten (der hier nicht vor­kommt) anders als Ilja Ehren­burg (der vor­kommt) nie­mals fürch­ten, vom herr­schen­den Sys­tem umge­bracht zu werden.

Denn es besteht ein gro­ßer Unter­schied zwi­schen den Zuschrei­bun­gen und den Selbst­de­fi­ni­tio­nen. Die afro­ame­ri­ka­ni­sche Schrift­stel­le­rin Nel­la Lar­sen hat­te einen schwar­zen kari­bi­schen Vater und eine wei­ße däni­sche Mut­ter, die in Chi­ca­go erst ver­such­te, das »Schwarz­sein« ihrer Toch­ter zu ver­heim­li­chen, und dann, als dies nicht mehr gelang, mit ihr nach Däne­mark zog. Als Lar­sen sich als Schwar­ze defi­nier­te und zurück in die USA ging, brach ihre Fami­lie den Kon­takt ab. Aber sie traf auch auf Ableh­nung in der Schwar­zen Com­mu­ni­ty, weil sie »nur« eine däni­sche Migra­ti­ons­ge­schich­te vor­zu­wei­sen hat­te und kei­ne Vor­fah­ren, die Skla­ven gewe­sen waren. Sie zog sich aus der Öffent­lich­keit zurück und blieb bis zu ihrem Tod 1964 ver­ges­sen. Doch in den 90er Jah­ren wur­de ihr Werk an den US-ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten Teil des Lite­ra­tur­ka­nons, da sie pio­nier­haft den »Race«-Begriff dekon­stru­iert habe.

Unter der Über­schrift »Bei uns ist über­all Aus­land« erzählt Engel­mann meh­re­re sol­cher »Migra­ti­ons­ge­schich­ten«, wie er auch »Bli­cke aus Ost­eu­ro­pa« prä­sen­tiert und Vertreter*innen einer »Ästhe­tik nach Ausch­witz«. Er wür­digt die deutsch-ame­ri­ka­ni­sche Arte-Pove­ra-Künst­le­rin Eva Hes­se, die mit ihren Eltern die Sho­ah durch die Flucht nach New York über­leb­te und kurz vor ihrem Krebs­tod 1970 in einem Inter­view sag­te: »Nichts in mei­nem Leben ist nor­mal, nichts, nicht mal mei­ne Kunst. Die ist noch das Ein­fachs­te in mei­nem Leben.«

Am Bei­spiel von Leo­nard Cohen zeigt Engel­mann, »dass das Juden­tum mehr ist als Leid, Ver­fol­gung und Nah­ost­kon­flikt, son­dern auch ein zen­tra­ler Bestand­teil der glo­ba­len Pop­kul­tur«. Wie Bob Dyl­an und Lou Reed saß auch Cohen sehr erfolg­reich zwi­schen allen Stüh­len: »Er ver­wei­ger­te sich ein­deu­ti­gen Aus­sa­gen, woll­te sich von nie­man­dem vor den Kar­ren span­nen las­sen, weder in poli­ti­scher noch in reli­giö­ser Hin­sicht. Vie­len waren sei­ne Songs zu reli­gi­ös, für reli­giö­se Juden wie­der­um sexu­ell zu expli­zit, für die Hip­pie-Kul­tur zu düs­ter und zu schwer.«

Man ist dahin­ter, dazwi­schen oder dane­ben. Das kann glück­lich machen oder trau­rig, je nach­dem, wie es so läuft. Und wenn alles gut läuft, dann ist es so wie bei den Mumins, der von Tove Jans­son erfun­de­nen skan­di­na­vi­schen Troll­fa­mi­lie, die von Engel­mann eben­falls gewür­digt wird. »Woge­gen sol­len wir denn rebel­lie­ren?«, zitiert er einen Dia­log in Mumin­tal, gegen die Poli­zei oder die gegen die Unter­welt? Nein, lau­tet die Ant­wort, bei bei­den Sei­ten gebe es zu vie­le Freun­de: »Grün­den wir doch ein­fach einen Club der Rebel­len. Das Wich­tigs­te ist doch die Gesel­lig­keit.« – »Und die Clubkrawatte.«

Jonas Engel­mann: Dahin­ter. Dazwi­schen. Dane­ben. Von kul­tu­rel­len Außen­sei­tern und Son­der­lin­gen. Ven­til, 280S., br., 16€.

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