• Sport
  • Europapokalsieg im Handball

Bietigheim bleibt ungeschlagen und gewinnt die European League

Handballerin Luisa Schulze bejubelt Bietigheims weiterhin perfekte Saison

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 6 Min.
Nationalspielerin Luisa Schulze (l.) hielt auch in Viborg wieder Bietigheims Abwehr zusammen. Zudem sorgte sie hier und da im Angriff für Torgefahr.
Nationalspielerin Luisa Schulze (l.) hielt auch in Viborg wieder Bietigheims Abwehr zusammen. Zudem sorgte sie hier und da im Angriff für Torgefahr.

Wissen Sie eigentlich, wann ein Bundesligaklub letztmals einen Handball-Europapokal bei den Frauen gewann?

Ich habe irgendwas von 30 Jahren gelesen, weiß aber nicht, ob das stimmt.

Das stimmt für die European League (früher EHF-Pokal), den der SC Leipzig 1992 gewann. Der letzte Erfolg überhaupt durch den Buxtehuder SV im Challenge Cup liegt auch schon zwölf Jahre zurück. Wird einem dadurch das Besondere Ihres Sieges am Sonntag noch einmal bewusster?

Ja natürlich, aber wir hätten uns auch so sehr darüber gefreut, dass wir es einfach nur geschafft haben. Diese Saison ist unfassbar. Wir schwimmen alle auf einer Welle. Und selbst wenn es mal nicht so läuft, springt jede für die andere ein. Das hat man auch an diesem Wochenende gesehen. Das war eine Mega-Teamleistung, und ich bin megaglücklich, den Pokal mit nach Deutschland geholt zu haben.

Das Halbfinale war sehr knapp, das Finale dann eine ganz klare Sache. Hatten Sie das so erwartet?

Wir wussten zumindest, dass unser Halbfinalgegner aus Ikast ein extrem schwerer ist. Der dänische Handball ist immer sehr schnell und physisch. Darauf haben wir uns aber sehr gut eingestellt, lagen am Samstag schon mit sieben Toren vorn und haben es dann unnötig noch mal spannend gemacht. Aber das passiert manchmal im Handball. Am Ende hatten wir das Glück auf unserer Seite, um mit 34:33 zu gewinnen.

Am Sonntagabend dann das 31:20 gegen den Gastgeber Viborg HK. Auch ein dänischer Verein, der zudem seit Jahrzehnten den europäischen Handball mitbestimmt.

Aber auch da haben wir uns gut vorbereitet und sind sehr fokussiert an die Sache gegangen. Natürlich wussten wir, dass es in deren Halle nicht einfach werden würde, aber es lief dann zum Glück wieder sehr gut. Wir hatten einfach keinen Grund, mit Angst da hinzufahren, denn uns war klar, dass wir mithalten können und zu den Besten gehören. Das hatten wir in dieser Saison oft genug gezeigt.

Wie wurde danach gefeiert?

Sehr ausgiebig: Erst im Hotel, und dann sind wir noch in eine Bar gezogen. Auch am Tag danach haben wir am Flughafen schon wieder viel getanzt und laut gesungen.

Nur wenige Tage zuvor hatten Sie die deutsche Meisterschaft errungen, der Supercup wurde auch schon gewonnen, und im DHB-Pokal stehen Sie im Halbfinale. Wie ist so eine außergewöhnliche Saison zu erklären?

Dieses Jahr läuft es einfach. Wir haben wirklich hart dafür gearbeitet, seit dem ersten Tag der Vorbereitung. Und da ist es schön zu sehen, dass sich das jetzt so auszahlt.

Am Samstag gibt es am letzten Spieltag die Meisterschale. Haben Sie das Ziel, die perfekte Saison abzuliefern, also jedes einzelne Spiel zu gewinnen, selbst wenn es gegen Metzingen nun um gar nichts mehr geht?

Klar feiern wir jetzt noch ausgiebig und fahren die nächsten Tage vielleicht etwas runter. Aber das ist schon ein Ziel. Wir wollen doch nichts liegen lassen genau an dem Tag, an dem wir die Medaillen umgehängt bekommen. Wir haben jetzt 50 Siege in Folge erreicht, und ich bin mir sicher, dass wir die perfekte Saison auch vollenden werden.

Wesentlich für diese Erfolgswelle ist sicherlich auch Ihr Coach Markus Gaugisch, der seit Kurzem auch Bundestrainer ist. Kommt Ihnen das im Nationalteam zugute?

Das weiß ich noch gar nicht. Aber er weiß, was er an mir hat. Und ich will, so lange es irgendwie geht, für Deutschland spielen. Es wäre schön, wenn ich auch da irgendwann noch mal eine Medaille um den Hals bekäme.

Was bringt Gaugisch denn ins DHB-Team ein, das vorher gefehlt hat?

Er ist ganz klar in seinen Ansagen und hat einen genauen Plan von dem, was er will. Ich denke, das kann für die Nationalspielerinnen nur gut sein, weil man sich ja nur selten sieht.

Zurück zur SG Bietigheim: Der Klub hat viele Nationalspielerinnen großer Handballnationen im Kader. Offensichtlich werden gute Gehälter gezahlt. Dabei gingen früher selbst die besten deutschen Spielerinnen lieber nach Dänemark oder Südosteuropa, weil dort mehr zu verdienen war. Kann Bietigheim jetzt nicht nur sportlich, sondern auch finanziell ganz oben mithalten?

Ich denke, es ist bei Weitem noch nicht so viel wie etwa in Rumänien. Aber man ist näher gekommen, und das muss man auch, damit internationale Topspielerinnen in die Bundesliga kommen. Ich bin seit 2016 in Bietigheim und habe miterlebt, wie alles aufgebaut wurde. Es ist wirklich schön, dass wir jetzt auch international den Durchbruch geschafft haben. Darauf bin ich stolz.

Trotzdem verlassen Sie nach der Saison den Verein. Wie kam es zu der Entscheidung?

Die ist mir nicht leichtgefallen, denn so ein starkes Team hatten wir noch nie beisammen. Aber es müssen für mich auch andere Dinge stimmen, die mit dem Team gar nichts zu tun haben. Mir hat manchmal die Wertschätzung etwas gefehlt. Also gehe ich nun eine neue Herausforderung an, denn in Neckarsulm war ich sehr gewollt. Der Verein baut etwas Neues auf und bietet mir eine andere Rolle im Team an.

Warum sind Sie wieder nicht ins Ausland gegangen?

Das stand immer wieder zur Auswahl, auch dieses Mal. Aber hier hat das Gesamtpaket gestimmt. Ich muss zwar etwas weiter anfahren, kann aber mit meiner Frau und den Kindern dort bleiben, wo wir jetzt wohnen.

In Bietigheim stand zuletzt die Finanzierung der Nachwuchsteams auf der Kippe. An der Lösung war wieder erkennbar, wie abhängig die SG von ihrem Mäzen Eberhard Bezner ist. So ein Konstrukt ist nicht immer risikofrei, und es wäre nicht das erste Mal, dass nach einem Rückzug eines solchen Finanziers ein ganzer Verein in den Abgrund rutscht. Ist das irgendwann auch in Bietigheim zu befürchten?

Zu 100 Prozent weiß ich das nicht, aber es stimmt schon, dass in Bietigheim immer nur sehr kurzfristig geplant wird. Auch das war ein Grund für meinen Wechsel, weil ich mich für eine langfristigere Sicherheit entscheiden konnte. Trotzdem genieße ich jetzt natürlich erst einmal diesen Erfolgsmoment hier.

Ist andererseits ein Europapokalsieg in Deutschland gar nicht anders als durch so ein persönliches Engagement finanzierbar, weil TV- oder große Sponsoreneinnahmen im Handball der Frauen einfach nicht fließen?

Wahrscheinlich stimmt das, auch wenn es theoretisch auch über eine größere Anzahl von Sponsoren möglich sein müsste. Aber für diese Erfolge muss man tatsächlich dementsprechend hohe Budgets haben. Mal sehen, was da in der Bundesliga auch bei anderen Vereinen in der Zukunft noch möglich ist.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal