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  • Handball: Weltmeisterschaft der Frauen

Aus im Viertelfinale: Kein klarer Fingerzeig beim DHB

Die Niederlage der deutschen Handballerinnen gegen Spanien wirft Fragen zum Trainer auf

  • Von Michael Wilkening
  • Lesedauer: 4 Min.
Zu oft erzielten die Spanierinnen um Echevarria Martinez (r.) leichte Treffer gegen Deutschlands Torfrau Dinah Eckerle.
Zu oft erzielten die Spanierinnen um Echevarria Martinez (r.) leichte Treffer gegen Deutschlands Torfrau Dinah Eckerle.

Der erste Tag nach dem Ausscheiden der deutschen Handballerinnen war gleichzeitig der erste Tag vor der Entscheidung über die personellen Ausrichtung ihres Vorgesetzten. Der Traum vom Halbfinale bei der Weltmeisterschaft platzte am späten Dienstagabend recht deutlich, während am Tag danach ziemlich vage blieb, ob Henk Groener über den 30. April hinaus Bundestrainer bleiben soll. Ein eindeutiges Statement für den Niederländer war durch das 21:26 im WM-Viertelfinale gegen Gastgeber Spanien ausgeblieben. Auf dem Feld in Granollers hatten die Spielerinnen des Deutschen Handballbundes (DHB) gleichermaßen Argumente für und gegen eine weitere Zusammenarbeit mit dem Niederländer geliefert.

Groener selbst fasste zusammen, was während des K.o.-Spiels offensichtlich geworden war. »Wir haben im Turnier gezeigt, dass wir gewachsen sind«, sagte er in seinem Resümee der WM-Wochen auf der iberischen Halbinsel, um danach anzufügen: »Wir haben am Ende gesehen, dass wir nicht so sehr gewachsen sind, um solche Spiele erfolgreich gestalten zu können.« Das deutsche Team hatte im Duell gegen die Spanierinnen einen formidablen Start, der eine schnelle 4:0-Führung zur Folge hatte. Grund für den starken Auftakt war eine stabile Abwehr mit Paraden der Torhüterin Dinah Eckerle. Von Minute zu Minute wurde anschließend aber offenbar, dass die Deutschen in der Offensive zu fehlerhaft agierten, um dauerhaft Druck auf die WM-Gastgeberinnen auszuüben.

»Die ersten fünf Spiele dieser WM haben gezeigt, dass wir zu den besten acht Mannschaften gehören. Die letzten zwei, warum wir es nicht ins Halbfinale geschafft haben«, sagte DHB-Präsident Andreas Michelmann. Vor dem Turnieraus hatten die Deutschen das finale Hauptrundenduell gegen Dänemark noch deutlicher verloren (16:32) und somit gegen zwei Mannschaften verloren, die am Freitag in der Medaillenrunde dabei sind.

Offensichtlich wurde der noch fehlende Schritt in den erlauchten Kreis bei Emily Bölk. Die 23-Jährige - zweifelsfrei talentierteste deutsche Handballerin - schaffte es in den entscheidenden Partien nicht mehr, in Defensive und Offensive gleichermaßen zu glänzen. Im Innenblock arbeitete Bölk gut, entwickelte jedoch im Angriff keine Durchschlagskraft mehr. Die Rückraumspielerin blieb in beiden Spielen komplett torlos.

Groener hat es geschafft, die Bereiche zu verbessern, auf die ein Trainer erheblichen Einfluss nehmen kann: Einstellung und defensives Grundgerüst stimmten. Die individuellen Fähigkeiten der Spielerinnen vermochte der Niederländer nicht zu steigern.

Im Vergleich zum vergangenen Jahr und der Europameisterschaft in Dänemark wirkte die Mannschaft wesentlich stabiler gegen Teams auf vergleichbarem oder schwächerem Niveau, aber in der Offensive hilflos gegen Nationen, die zur absoluten Weltspitze gezählt werden. »Wir sind in der erweiterten Spitze«, sagte Axel Kromer - aber eben noch nicht in der absoluten Spitze. Der Sportvorstand des DHB wird in den kommenden Wochen abschätzen müssen, ob das Ziel, dauerhaft dorthin vorzudringen, in der derzeitigen Konstellation umsetzbar ist.

Der Vertrag mit Groener wurde vor der WM um wenige Monate bis April 2022 verlängert, um nach dem Turnier ausreichend Zeit zu haben, eine Entscheidung außerhalb von Emotionen zu treffen. Einen klaren Fingerzeig gab es in Spanien nicht. Das junge Team zeigte positive Ansätze und offenbarte Entwicklungspotenzial. Andererseits scheiterte Henk Groener zum vierten Mal bei dem Versuch, das Halbfinale eines großen Turniers zu erreichen. Präsident Michelmann hinterließ am Mittwoch in Barcelona den Eindruck, dass er einer Fortführung der Zusammenarbeit zugeneigt ist. »Ich bin sehr angenehm berührt, wie es funktioniert«, sagte er mit Blick auf das Miteinander zwischen sportlicher Leitung und dem Team: »Es passt.«

Ein grundsätzliches Ja zu einer Vertragsverlängerung ließ er sich aber nicht entlocken und verwies auf die Nationalmannschaft der Männer. Im Januar 2020 hatten sich Präsident und Sportvorstand nach dem Ende der damaligen Europameisterschaft darauf festgelegt, weiterhin mit Christian Prokop als Bundestrainer arbeiten zu wollen. Knapp zwei Wochen später votierte das Präsidium des Verbandes aber für eine Trennung. »Aus Respekt gegenüber unseres Präsidiums sage ich, dass dort die Entscheidung getroffen wird«, erklärte Michelmann. Das Gremium tagt das nächste Mal im Februar.

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