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  • Steigende Armut durch Inflation

Wenn es nicht mehr für die Wassermelone reicht

Die Inflation treibt viele in die Armut, unter #IchBinArmutsbetroffen teilen Betroffene ihre Geschichten

Kisten mit Lebensmitteln in einem Raum der Tafel
Kisten mit Lebensmitteln in einem Raum der Tafel

Lebensmittel, Heizkosten, Mieten, Benzin: Die Lebenshaltungskosten werden immer teurer. Mit einem 9-Euro-Ticket für den öffentlichen Nah- und Regionalverkehr versucht die Bundesregierung, die Auswirkung der Inflation abzuschwächen. Teile der linken Szene scheinen sich zwar über einen subventionierten Trip nach Sylt zu freuen, aber wer im ländlichen Gebiet wohnt, wenig Geld hat, zur Arbeit fahren muss, der Bus aber – wenn überhaupt – einmal am Tag fährt, muss sich von diesem Angebot ganz schön veräppelt fühlen. Ein günstiges Monatsticket und eine einmalige Zahlung von 200 Euro sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Vor allem, wenn es nicht mal ein bundesweit ausgebautes Netz der öffentlichen Verkehrsmittel gibt.

Armut bedeutet oft Scham, dabei sollte das so nicht sein. Es kann alle erwischen: Pflege von Angehörigen, Krankheit oder eine Trennung sind nur drei Beispiele, die finanzielle Nöte mit sich bringen. Seit letztem Freitag scheinen viele Betroffene die Nase voll zu haben. Das Vertuschen der eigenen finanziellen Nöte hat für viele Twitteruser*innen nun ein Ende: Unter dem Hashtag #IchBinArmutsbetroffen teilen sie, was es bedeutet, in finanzieller Not zu leben. Wie es sich anfühlt, wenn schon Mitte des Monats nur noch 50 Euro auf dem Konto sind oder das Geld nicht mal für eine elektrische Zahnbürste reicht.

»#IchBinArmutsbetroffen hieß für mich heute im Supermarkt zu stehen, die Preise zu sehen und fast zu weinen. Eigentlich wollte ich heute endlich meinen Kindern den Wunsch nach einer Wassermelone erfüllen, die sie seit Wochen haben wollen. Ich musste sie wieder enttäuschen«, schreibt eine Twitteruserin. Auch andere User*innen berichten von zu wenig Geld für Lebensmittel, Eltern, die auf Essen verzichten, damit ihre Kinder satt werden, oder User*innen, die gerne mal wieder ein Spaghettieis essen würden, das Geld dafür aber für eine ganze Woche für Grundnahrungsmittel reichen muss.

Auch die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist für viele aus Kostengründen nicht möglich. Eine Userin schreibt: »#IchBinArmutsbetroffen heißt auch: Wie sehr ich während der Pandemie getriggert war, von den ›Problemen‹ mancher Menschen: kann keine Party machen, kann nicht in den Urlaub fahren, kann dies nicht, kann jenes nicht. #Armutsbetroffene können nie.« Bei wem es vor der Corona-Pandemie und dem Krieg schon knapp war, wird sich vermutlich die finanzielle Not jetzt noch weiter zuspitzen: Die Inflationsrate lag vergangenen Monat bei 7,4 Prozent.

Inzwischen hat sich auch die Politik eingeschaltet: Die Linke Bayern tweetete am Dienstag die Forderung nach einer Grundsicherung und einer Grundrente von 1200 Euro sowie einem höheren Mindestlohn und die Einführung einer Kindergrundsicherung. Laut »Fokus« habe auch Lars Klingbeil, Bundesvorsitzender der SPD, angekündigt, dass sich seine Partei intensiver der Problematik Armut widmen wolle. Auch die Buchautorin Inge Hannemann (»Die Hartz-IV-Diktatur«) hat sich im Zuge des Hashtags geäußert: »#Armut ist mehr als sanktionsfreies Hartz IV. Es ist Ausgrenzung, Stigmatisierung, das ständige Kreisen um die Nöte, das Hoffen auf Besserung und hier: der Mut von vielen Menschen es öffentlich zu machen.«

Aktuelle Zahlen zur Armutssituation sind nicht auf dem heutigen Stand. Sie beziehen sich auf 2019, die aktuellen Krisen werden also noch nicht abgebildet. Klar ist aber, dass soziale Einrichtungen Alarm schlagen: Berliner Tafeln schätzen, dass sich seit dem Russland-Ukraine-Krieg die Zahl der Hilfesuchenden verdoppelt hat. Doch im Alltag bleibt die steigende Armut oft unsichtbar.

#IchBinArmutsbetroffen ist ein wichtiger Schritt in Richtung Enttabuisierung. Nur so kann öffentlicher Druck aufgebaut werden und sich die Situation für die verbessern, die am meisten unter den Preissteigerungen leiden. Jetzt bekommt das Thema etwas mehr Aufmerksamkeit und Betroffene sehen, dass sie nicht alleine sind. Doch mit einem Hashtag, persönlichen Geschichten und darauffolgenden Solidaritätsbekundungen ist es nicht getan. Aus dem Onlinediskurs müssen Offline-Taten folgen: Es wirkt zynisch, dass ein reiches Land wie Deutschland die Löcher in den Geldbeuteln mit Fahrkartenvergünstigungen und einer einmaligen Zahlung zu stopfen versucht. Das reicht nicht.

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