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Der Pöbel übernimmt Sylt

Unter den Hashtags #Syltokalypse und #ChaosTageSylt mobilisieren Linke auf die Urlaubsinsel in der Nordsee

  • Von Christian Klemm
  • Lesedauer: 5 Min.
Jogger an einem Strand auf Sylt
Jogger an einem Strand auf Sylt

»Musik­pro­du­zent« Die­ter Boh­len ver­bringt dort ger­ne erhol­sa­me Tage, »Shop­ping Queen«-Moderator Gui­do Maria Kret­schmer eben­falls, auch Schla­ger­sän­ger Roland Kai­ser ist auf die­sem Fle­cken Erde ein gern gese­he­ner Gast: Sylt, das liebs­te Eiland deut­scher B- bis Z‑Prominenz, lockt jedes Jahr Tau­sen­de Tou­ris­ten an. Selbst ein kürz­lich nach Nord­fries­land gezo­ge­ner nd-Redak­teur treibt sich stän­dig auf der Nord­see­insel rum. Die Bezeich­nung »Insel der Rei­chen und Schö­nen« ist für Sylt dem­nach nur bedingt zutreffend.

Jetzt droht Wes­ter­land, Kam­pen und Wen­nings­tedt die Apo­ka­lyp­se, zumin­dest wenn man dem Glau­ben schenkt, was man nach drei Minu­ten Goo­geln im World Wide Web liest. Schuld an dem bibli­schen Insel­un­ter­gang ist die Bun­des­re­gie­rung, denn die ist auf die Idee gekom­men, wegen der zur­zeit astro­no­mi­schen Sprit­prei­se Men­schen das Rei­sen im öffent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehr für 9 Euro im Monat zu ermög­li­chen. Von Dort­mund, Ber­lin oder Frank­furt zum Spott­preis quer durch die Repu­blik sozusagen.

Das las­sen sich »akti­ons­ori­en­tie­re Jugend­li­che«, radi­ka­le Lin­ke und links­grün ver­si­ff­te Spon­tis, oder wie man die­se Men­schen auch nen­nen mag, natür­lich nicht zwei­mal sagen. Unter den Hash­tags #Syl­to­ka­lyp­se und #Cha­os­Ta­ge­Sylt sam­meln sie im Kurz­nach­rich­ten­dienst Twit­ter oder auf der Plattform Reddit ihre Trup­pen, um vom 1. Juni bis ein­schließ­lich 31. August – so lan­ge soll näm­lich das 9‑Eu­ro-Ticket gel­ten – die Nord­see­insel unsi­cher zu machen.

Beglei­tet wird die­se Andro­hung von reich­lich lus­ti­gen Memes. Auf einem Bild ist die Fami­lie Flod­der aus der nie­der­län­di­schen Trash-Film­rei­he »Eine Fami­lie zum Knut­schen« abge­bil­det, die seit den 80ern als Syn­onym für eine ver­kom­me­ne und durch­trie­be­ne Sip­pe her­hal­ten muss. Dazu der Text: »Ich und mei­ne Crew, kurz bevor wir mit dem 9‑Eu­ro-Ticket nach #Sylt los­zie­hen …« Ein ande­rer Post zeigt eine Luft­auf­nah­me von einer Love­pa­ra­de, auf der zu Spit­zen­zei­ten bis zu 1,5 Mil­lio­nen Raver durch die bun­des­deut­sche Haupt­stadt zogen. »Ein klei­ner Teil des Ber­li­ner #Pöbel auf dem Weg zum Haupt­bahn­hof und von dort aus mit #Neu­nEu­ro­Ti­cket wei­ter zur #Syl­to­ka­lyp­se«, heißt es dar­in. Und wie­der ein ande­rer Twit­ter-User pos­tet ein Bild eines völ­lig über­füll­ten Zuges, ver­mut­lich in Paki­stan oder Indi­en auf­ge­nom­men, und schreibt dazu: »Der Regio­nal­zug beim Com­mu­ni­ty­tref­fen«. Auch ein Kon­zert­pla­kat mit lin­ken Rock- und Punk-Bands kur­siert im Netz – lie­be­voll mit »Cha­os­ta­ge – 1.6.22–31.8.22 Sylt« beschrieben.

Wie man es von einem küh­len Nord­deut­schen erwar­tet, bleibt Sylts Bür­ger­meis­ter gelas­sen. »Wir sind aber auf kei­nen Fall in Panik. Wir rich­ten uns dar­auf ein und schau­en es uns dann an«, sag­te Niko­las Häckel (par­tei­los) der »Ham­bur­ger Mor­gen­post«. »Ich glau­be außer­dem nicht, dass wirk­lich alle kom­men, die das gera­de im Inter­net ankün­di­gen.« Hof­fen wir, dass Häckel sich irrt.

Aktu­ell ist Sylt aber wegen einer ande­ren Ange­le­gen­heit in den Schlag­zei­len der gro­ßen Medi­en­häu­ser. Ver­ant­wort­lich dafür ist Ver­tei­di­gungmi­nis­te­rin Chris­ti­ne Lam­brecht (SPD) – die aktu­ell mäch­tig viel um die Ohren hat. Schließ­lich droht »der Rus­se« erneut über die Oder zu kom­men. Was war passiert?

Lam­brecht hat­te im April ihren erwach­se­nen Sohn in einem Regie­rungs­hub­schrau­ber zu einem Trup­pen­be­such in Nord­deutsch­land mit­ge­nom­men. Am nächs­ten Tag ging es mit Auto und Per­so­nen­schüt­zern nach Sylt. Dass alles sau­ber gelau­fen ist, dar­an besteht nach Minis­te­ri­ums­an­ga­ben kein Zwei­fel. Dass der Sohn offen­bar nur einen Bruch­teil des­sen für die Rei­se an der Sei­te von Mama bezahlt hat, was ihn ein Pri­vat­flug von Ber­lin nach Sylt gekos­tet hät­te – geschenkt. Der eigent­li­che Skan­dal ist, dass die Richt­li­ni­en anschei­nend so for­mu­liert sind, dass Lam­brechts Spröss­ling nicht erst auf die Ein­füh­rung des 9‑Eu­ro-Tickets war­ten muss­te, son­dern sich ein­fach in einen Bun­des­wehr-Heli­ko­pter set­zen konn­te, ohne dass die­ses Ver­hal­ten irgend­ei­ne straf­recht­li­che Rele­vanz hat. Deutsch­land, du bist eine Bananenrepublik.

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