Entrückt, entzückt, entfremdet

Der Bildhauer Rolf Biebl zeigt, dass er auch brillant malen kann

Eine Rosa-Luxemburg-Statue von Rolf Biebl steht vor dem Gebäude der Rosa-Luxemburg-Stiftung am ehemaligen Postbahnhof.
Eine Rosa-Luxemburg-Statue von Rolf Biebl steht vor dem Gebäude der Rosa-Luxemburg-Stiftung am ehemaligen Postbahnhof.

Man vermisst sie. Sie ist fortgezogen, einige Hundert Meter weiter: die Rosa von Rolf Biebl. Dessen Skulptur der Luxemburg stand seit Ende der 90er vor dem Redaktions- und Verlagsgebäude des »neuen deutschland« am Franz-Mehring-Platz in Berlin-Friedrichshain, flankiert von zwei Keramikreliefs, die Ingeborg Hunzinger schuf. Zeigt die eine Stele der in der NS-Zeit als Jüdin verfolgten und verfemten sowie ins Exil verjagten Künstlerin Karl Liebknecht, der gleich Rosa Luxemburg am 15. Januar 1919 von konterrevolutionärer Soldateska ermordet worden ist, so ist die zweite Mathilde Jacob gewidmet, Sekretärin und enge Vertraute der deutsch-polnischen Revolutionärin. Über ein Jahrzehnt hat Biebls Rosa jeden Morgen die nd-Redakteure und Redakteurinnen sowie Besucher des Hauses am FMP 1 begrüßt. Vor zwei Jahren zog sie mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung um, zu deren neuem Domizil am Ostbahnhof.

Der 1951 in Klingenthal geborene Rolf Biebl kann sich glücklich schätzen. Er hat zahlreiche Skulpturen für den öffentlichen Raum gestaltet, allein in Berlin mehrere: »Adam und Eva« im Hof der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg, »Der Schreitende« in Pankow und den »Brunnen der Generationen« am Helene-Weigel-Platz in Marzahn. Der gebürtige Vogtländer ist in jungen Jahren Hauptstädter geworden. In den 70ern studierte er Bildhauerei an der Kunsthochschule Weißensee, nahm dort eine Aspirantur auf, die er an der Akademie der Hochschule für Bildende Künste in Ungarns Hauptstadt Budapest fortsetzte, um dann an der Akademie der Künste der DDR Meisterschüler bei Ludwig Engelhardt zu werden, dem Schöpfer der Bronzefiguren von Karl Marx und Friedrich Engels dereinst auf dem Marx-Engels-Forum in Berlin. 1981 gründete Rolf Biebl zusammen mit seinen Malerfreunden Clemens Gröszer und Harald K. Schulze die Künstlergruppe NEON REA, deren Name allein schon provokant war und die durchaus den Stachel wider Konformismus löckte.

Biebl hat eine Hohe Schule Bildender Kunst durchlaufen und sich um Bildende Kunst bemüht, die im wahrsten Sinne des Wortes bildet. Und ist dafür belohnt worden – mit öffentlicher Anerkennung, die mit schnöden Moneten nicht aufzuwiegen ist. Seine Arbeiten sind bei und unter den Menschen, im Kiez, an Arbeitsstätten. Sind nicht verbannt in geschlossene Räume, Magazine gar, zugänglich nur für ein begrenztes, erlauchtes Publikum. Nein, Biebls Arbeiten stehen dort, wo das Leben pulsiert, zieren auch die »Gärten der Welt« in Berlin. Und schmücken ebenso Rostock, Frankfurt/Oder und Cottbus. Was will ein Künstler mehr?

Natürlich hat Biebl auch exklusiv ausgestellt. So war er auf der legendären, vieldiskutierten X. Kunstausstellung in Dresden 1987/88 mit der Terrakotta-Plastik »Der Boxer« präsent. Und eine Bronze, »Stehende weibliche Figur«, konnte man während der Retrospektive »Kunst in der DDR« 2003 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin bewundern. Überdies: Wie sein Lehrer in Weißensee, Werner Stötzer, der quasi nebenberuflich an Konrad Wolfs Streifen »Der nackte Mann auf dem Sportplatz« mitgewirkt hatte, wagte auch Biebl eine Stippvisite in die Filmbranche. In der Defa-Produktion »Die Architekten« von 1990 (Regie: Peter Kahane), gemeinhin als Abgesang auf die DDR gewertet, jedoch als aufrüttelnde Kritik gedreht, sind bildhauerische Arbeiten von ihm und er selbst in seinem Atelier zu sehen.

Hat das Verschwinden des Staates, in dem Biebl zum geachteten Bildhauer gereift ist, etwas mit seiner schließlich künstlerischen Neuorientierung zu tun? 1992 erhielt er als 13. und Letzter den Will-Lammert-Preis – benannt nach einem Bildhauer und Kommunisten, der von den Nazis als »jüdisch versippter Kunstbolschewist« in die Emigration gezwungen und in Stalins Sowjetunion in die Verbannung geschickt worden war, sich nach dem Krieg an der Gestaltung der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück beteiligt und bereits in den 50er Jahren ein Denkmal für die deportierten Juden geschaffen hatte. Lammert war übrigens auch Lehrmeister von Fritz Cremer, von dem die eindrucksvolle Skulpturengruppe auf dem Ettersberg, im Gedenken an die Buchenwalder, stammt. Das sei hier erwähnt, weil alles mit allem zusammenhängt. Und dies wohl auch Biebl prägte.

Wie auch immer: Dass er in der Malerei ebenso brilliert wie in seinem ersten Beruf, bezeugt derzeit eine Ausstellung beim Berliner Verein Helle Panke. Ein Kenner seiner Werke, Fritz Jacobi, offenbarte während der Vernissage, der Künstler habe ihm anvertraut, dass er eigentlich Maler werden wollte, aber das Gefühl hatte, es gäbe derer schon genug. Die im Prenzlauer Berg präsentierte Auswahl jüngster Arbeiten von Biebl verrät den Bildhauer. Sie sind von verblüffender Plastizität, die Figuren förmlich mit Pinselstrichen heraus gemeißelt respektive geschliffen, scharfe Kanten, weiche Bögen.

Es sind vor allem Frauenakte – »von einer außerordentlich vitalen körperlichen Ausstrahlung bestimmt, welche an klassische Schönlinigkeit, zuweilen aber auch an eine barocke Präsenz des Leiblichen erinnert«, wie Jacobi in seiner Eröffnungsrede betonte. Tatsächlich haben sie wenig gemein mit Biebls bekannten Skulpturen, zumindest den eingangs erwähnten, die zart und zerbrechlich wirken. Die in der Hellen Panke zu sehenden Frauenkörper sind kraftvoll, praller und stabiler, freilich nicht so üppig und fleischlich wie die des Peter Paul Rubens. Biebls Frauen fläzen und langweilen sich nicht wie die Damen des Flamen. Sie flirten selbstbewusst, schauen dem Betrachter keck in die Augen, treten ihm stolz entgegen, sind unterwegs. Ja, es ist auch eine Ruhende darunter. Der zeitgenössische Maler bettet sie jedoch nicht wie Giorgione seine »Venus« auf eine Wiese oder Goya seine »Maja« aufs Bett zum reinen Vergnügen des Voyeurs. Nein, Biebls sanft Schlummernde gehört nur sich selbst. Eine feministische Ansage.

Und doch: Auch in dieser Ausstellung drängt sich mir mal wieder die Frage auf, warum Künstler bei der Benennung ihrer Werke so zurückhaltend sind: Studie, Akt, Torso, Knieende, Stehende… Beliebt ist auch »O.T.« (Ohne Titel). Mir fielen beim Besuch der Biebl-Schau spontan viele Titel ein, etwa »Die Entzückte«, »Entrückte«, »Entfremdete«, »Ermüdende«… Andere Besucher mögen noch geistreichere Bildunterschriften erfinden. Man könnte ja einen Wettbewerb ausschreiben.

»Rolf Biebl – Körperimpressionen. Malerei und Grafik«, Helle Panke, Kopenhagener Str. 9, 10437 Berlin; Anmeldungen zum Besuch der Ausstellung zu den Geschäftszeiten des Vereins Mo–Do. 14 bis 17 Uhr; Besuch auch möglich eine halbe Stunde vor den Veranstaltungen (Termine unter www.helle-panke.de)

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