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Ungleiche Emporkömmlinge

2016 stiegen sie gemeinsam auf, 2022 treffen sie im Endspiel des DFB-Pokals aufeinander: SC Freiburg und RB Leipzig

  • Von Jirka Grahl
  • Lesedauer: 4 Min.
1:1 endete das letzte Aufeinandertreffen im März, hier Leipzigs Yussuf Poulsen (vorn links) im Duell mit Freiburgs Manuel Gulde.
1:1 endete das letzte Aufeinandertreffen im März, hier Leipzigs Yussuf Poulsen (vorn links) im Duell mit Freiburgs Manuel Gulde.

Endlich mal was Neues: Schon 25 Mannschaften haben ihren Namen eingravieren lassen in den erlauchten DFB-Pokal, um den alljährlich alle Fußballklubs des Landes streiten. Am heutigen Sonnabend wird nun ein 26. Name dazukommen, wenn am Abend die Mannschaften von RB Leipzig und SC Freiburg in Berlin zum Endspiel auflaufen. Sowohl die Sachsen als auch die Badener haben den deutschen Pokalwettbewerb noch nie gewinnen können. Und erstmals seit 2011 sind auch die zwei Großkopferten der Bundesliga beim Endspiel nur Zuschauer: FC Bayern oder Borussia Dortmund – einer von beiden war in den vergangenen zehn Endspielen mindestens dabei.

Wie immer – wenn nicht zufällig ein Virus alles lahmlegt – ist das Berliner Olympiastadion für dieses DFB-Pokal-Endspiel ausverkauft. In der Bundesliga gibts so etwas ja so gut wie gar nicht mehr bei den Herthanern, es sei denn, es ist Relegation. Oder Bayern ist dabei. Nun also sorgt RB gegen SC für Menschenfülle im großen Oval von Charlottenburg, mehr als 70 000 Zuschauer werden erwartet. Ein Fußballfest steht an.

Ob die Massen im weiten Land allerdings die Endspiel-Absenz der Topklubs wirklich gut finden, werden erst die TV-Einschaltquoten zeigen. Sicher ist wohl, dass sich ein jeder wahre Fußballliebhaber auf dieses favoritenfreie DFB-Pokalfinale am Sonnabend freut. Allein schon wegen des herzigen SC Freiburg und Christian Streich: In der Vorausschau fasste der Trainer auf Alemannisch gekonnt zusammen, was das Pokalfinale so aufregend macht: »Endspiele verliere is Scheise«, schwätzte Mundartler Streich. »Endspiele gewinne is subber!«

Recht listig haben die Breisgauer dem Match vorab einen schönen emotionalen Twist verpasst – mit dem so genannten Schal-Streit, der im Vorfeld des Finales für einige Aufregung sorgte: Der SC hatte die Verwendung seines Logos für gemeinsame Fanartikel mit den Leipzigern untersagt. Ein »Pokalschal« mit den Logos beider Vereine fiel also aus, woraufhin der verärgerte RB-Chef Oliver Mintzlaff den Badenern mangelnden Respekt unterstellte. Die wiederum gaben sich erstaunt und wiegelten ab. So sei das doch alles nicht gemeint. Also bitte!

Am Ende aber war für alle herausgearbeitet worden, wer hier der sympathische Traditionsklub und wer der reiche Emporkömmling ist. Hier der SC Freiburg, der 1904 als sein Gründungsjahr angibt und sich seither nur selten in höhere Tabellengefilde der höchsten Spielklasse verirrte; dort Rasenballsport Leipzig, das sich mit reichlich Geld und viel Geschick innerhalb von wenigen Jahren in der Champions League häuslich eingerichtet hat. In der erst 13-jährigen Klubgeschichte schaffte Leipzig immerhin zwei Vizemeistertitel und zwei Europacuphalbfinalteilnahmen.

Im DFB-Pokal stehen die Rasenballer am Sonnabend schon zum dritten Mal nach 2019 und 2021. Der Druck, den Pott endlich mal zu gewinnen, ist nicht wegzureden. Kapitän Peter Gulacsi selbst hatte den Leipziger Anhängern nach dem Halbfinalsieg gegen Union Berlin (2:1) versprochen, man wolle »endlich den Pott« holen. Er selbst war bereits bei den gescheiterten Anläufen gegen Bayern (0:3) und Dortmund (1:4) dabei. »Es geht nun darum, uns und allen anderen langsam zu beweisen, dass wir Titel gewinnen können«, so Gulacsi in einem Interview in dieser Woche.

Für Freiburg indes ist das Pokal-Endspiel Neuland, selbst ins Halbfinale des Wettbewerbs schafften es die Breisgauer zuvor nur einmal (2013). Die Finalteilnahme könnte man schon jetzt als größten Erfolg der Klubgeschichte werten, aber natürlich hofft man auf eine Krönung dieser ziemlich perfekten Saison 2021/2022, in der die Freiburger bis zuletzt sogar noch von der Champions League träumen konnten. Am Ende wurde das Team von Trainer Streich Sechster, den Königsklassenplatz sicherte sich stattdessen – RB Leipzig.

Vorm Finale gibt man sich auf Seiten Freiburgs pflichtschuldig demütig: »Wir wissen, dass Leipzig viel Qualität hat, und dass wir einen nahezu perfekten Tag brauchen, um das Spiel zu gewinnen«, sagte Abwehrspieler Philipp Lienhart vom SC Freiburg den »Badischen Neuesten Nachrichten«: »Aber wir wollen alles versuchen, um den größten Vereinserfolg möglich zu machen.«

2016 waren beide Klubs in die erste Bundesliga aufgestiegen, der SC als Rückkehrer, RB als Neuling. Während sich Leipzig sofort an der Spitze festsetzte und europaweite Bekanntheit erlangte, konnte Freiburg erst in jüngster Vergangenheit den Status des Underdogs wirklich ablegen. Dank hochgelobter Jugendarbeit, großer Kader-Beständigkeit und insgesamt solidem Wirtschaften spielen die Freiburger in einer ganz anderen Liga als noch vor fünf Jahren: 110,1 Millionen Euro Gesamtumsatz erzielte der Klub 2020/2021, trotz Corona. In der vorpandemischen Saison 2016/2017 hatte der Umsatz noch 63,4 Millionen Euro betragen. Anno 2022 wurden nun fast zehn Millionen Euro Gewinn verbucht. Das neue Stadion sorgt dabei für zusätzlichen Schwung.

Das Erreichen des Finales steht schon jetzt für die Richtigkeit des Freiburger Weges, wo man auch nach dem Abstieg 2015 am grandiosen Christian Streich als Trainer festhielt. Die Herzen der deutschen Fans haben die Breisgauer jedenfalls für sich gewonnen: Laut einer Abstimmung im Auftrag des Sportinformationsdienstes wünschen 80 Prozent der Befragten einen Freiburger Sieg im DFB-Pokalfinale.

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