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  • Deutsche Erfolge beim Giro d’Italia

Überraschende Angriffssignale

Der deutsche Rennstall Bora-hansgrohe sorgt beim Giro d’Italia für Furore

  • Von Tom Mustroph, Cogne
  • Lesedauer: 4 Min.
Die grün-schwarze Bora-Armada mit den drei Kapitänen Jai Hindley, Emanuel Buchmann und Wilco Kelderman (v.l.) mischt den Giro auf.
Die grün-schwarze Bora-Armada mit den drei Kapitänen Jai Hindley, Emanuel Buchmann und Wilco Kelderman (v.l.) mischt den Giro auf.

Panik zeichnet sich ab im Gesicht des Olympiasiegers Richard Carapaz. 80 Kilometer vor dem Ziel der 14. Etappe hat eine bravouröse Attacke der grün-schwarz gekleideten Bora-Mannschaft den Topfavoriten des Giro d’Italia isoliert. All seine Helfer liegen hinter jenem Loch, das die fünf Radprofis des deutschen Rennstalls gerissen haben. »Bora hat uns überrascht. Meine Teamkollegen waren zu weit hinten. Damit hatten wir nicht gerechnet. Respekt!«, wird Carapaz nach der Etappe zu Protokoll geben.

Der Ecuadorianer, Giro-Sieger von 2019, ließ sich zwar nicht abhängen und trägt nun das rosa Trikot des Gesamtführenden. Nur sieben Sekunden hinter ihm aber liegt Jai Hindley. Der 26-jährige Australier weiß auch, wie man auf das Podium der Italienrundfahrt gelangt. 2020 wurde er Zweiter, damals noch für den Rennstall Sunweb, zu jener Zeit ebenfalls ein in Deutschland gemeldeter Rennstall. Sunweb heißt jetzt DSM, die Lizenz ist niederländisch, und Hindley heuerte im vergangenen Winter bei Bora an. Er wurde damit Teil einer Umstrukturierung: Boras Galionsfigur Peter Sagan verließ das Team. Mit Neuzugängen wie Hindley, dem Russen Alexander Wlassow und dem Kolumbianer Sergio Higuita wurde ein Signal zum Angriff auf große Rundfahrten gesetzt.

Die Effekte sind schon bei diesem Giro zu sehen. »Wir sind eine enorm starke Gruppe. Wir haben auch sehr starke Leader. Und es macht richtig Spaß, für sie zu fahren«, sagte Lennard Kämna dem »nd«. Dabei entwickelt sich der Norddeutsche selbst schon zu einem solchen Führungsfahrer. Kämna gewann die Bergetappe am Ätna aus einer Ausreißergruppe heraus.

Seitdem stellte er sich komplett in den Dienst seiner Kapitäne: Hindley, Wilco Kelderman und der Gesamtsiebte Emanuel Buchmann. Perfekt klappte das auf jener 14. Etappe am vergangenen Samstag. Zunächst kurbelten Kämna und das italienische Klettertalent Giovanni Aleotti. Später gab Kelderman über die Hügellandschaft des Piemont rings um die alte Kapitale Turin die unverwüstliche Lokomotive. Der Niederländer sorgte dafür, dass die dezimierte Favoritengruppe klein und überschaubar blieb und nur wenigen Favoriten noch der Anschluss gelang.

Es war ein herausragender Tag auch für den deutschen Radsport. Denn erstmals seit den Tagen des berüchtigten Team Telekom in der Hoch-Dopingära rund um die Jahrtausendwende nahm wieder ein deutscher Radrennstall das Fahrerfeld einer großen Landesrundfahrt auseinander. »Wir haben gezeigt, dass wir das können. Das gibt der gesamten Mannschaft Selbstvertrauen für die kommenden Tage«, meinte der sportliche Leiter Jens Zemke.

Dabei hatte es eigentlich eine Art Verteidigungsaktion sein sollen: »Unsere Kapitäne Jai Hindley und Emanuel Buchmann kommen ganz gut über die langen Berge. Bei kurzen Anstiegen fürchteten wir aber Überraschungen. Also haben wir uns etwas einfallen lassen«, so Zemke. Attacke als Defensivstrategie – mit überraschendem Erfolg. »Wir hatten unseren Plan. Aber dass das so gut funktioniert, konnten wir kaum erwarten. Das ganze Team war so irrwitzig gut«, schüttelte Hindley noch auf dem Zielstrich den Kopf.

Der Australier war vom Staub der Straße und dem Schweiß der Anstrengungen gezeichnet. Vor allem aber durchfluteten Glückshormone seinen Körper, was an seinen blitzenden Augen nur allzu gut abzulesen war. Er ist plötzlich der starke Mann des Giro. Zweimal bezwang er den wesentlich erfahreneren Carapaz im Bergsprint. Und der Samstag zeigte, dass er nun vielleicht sogar das stärkere Team im Rücken hat.

Neben dem Attackieren beherrscht Hindley auch die Kunst des Wartens. Am Sonntag fuhr er brav dem Team des Führenden hinterher. »Es war ein langweiliger Tag. Der Schlussanstieg war einfach nicht steil genug, um Entscheidendes zu versuchen«, meinte der Australier nach der Zieleinfahrt in Cogne.

Spektakel entfachen oder Langeweile aushalten. Hindley, der in einem australischen Nachwuchsleistungszentrum groß wurde und erstmals 2017 als Gesamtzweiter der Herald Sun Tour auf sich aufmerksam machte, kann alles. Gute Voraussetzungen, um Team Bora den ersten Grand-Tour-Sieg zu ermöglichen. Die dritte und letzte Giro-Woche verspricht, nach dem Ruhetag am Montag mit vier Bergetappen und einem Abschlusszeitfahren noch mal spannender zu werden. Vor allem, weil man von Hindleys Team noch einige Attacken erwarten kann.

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