»Ich nominiere nicht die besten Spieler, sondern das beste Team«

Basketball-Bundestrainer Gordon Herbert hofft auf viele Zusagen von NBA-Profis vor der Heim-EM im September

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 6 Min.
Gordon Herbert trainiert seit Herbst 2021 die deutsche Basketball-Nationalmannschaft.
Gordon Herbert trainiert seit Herbst 2021 die deutsche Basketball-Nationalmannschaft.

Dennis Schröder ist fraglos der beste deutsche Basketballer seit dem Karriereende von Dirk Nowitzki. Doch Schröder verpasste den Olympiasommer 2021. Nun trainiert er aber bereits für einen Einsatz bei der EM im September. Seine Zusage dürfte Sie sehr erfreut haben.

Tatsächlich habe ich mich mit ihm schon im September des letzten Jahres getroffen, bevor er seine NBA-Saison begonnen hatte. Wir sprachen bestimmt drei Stunden miteinander, und schon damals hat er mir gesagt, dass er zu 100 Prozent dabei sein wolle. Natürlich ist es jetzt noch besser, weil er schon bei den WM-Qualifikationsspielen Ende Juni dabei sein wird, bei denen wir ja normalerweise auf alle NBA-Akteure verzichten müssen. Damit setzt er ein großartiges Beispiel für alle anderen Nationalspieler.

Was ist mit anderen Spielern wie Daniel Theis und Maxi Kleber, die zum Teil noch immer in den NBA-Playoffs aktiv sind? Werden die bei der EM, die im September auch in Köln und Berlin ausgetragen wird, Teil Ihres Teams sein?

Ich habe mich in den vergangenen Monaten mit allen potenziellen Nationalspielern persönlich getroffen. Ich weiß, dass es bei Kleber, Theis und auch Moritz Wagner noch offene Fragen zu ihren Verträgen für die nächste Saison und damit einhergehend zu Versicherungszahlungen gibt. Daher weiß man nie genau, ob sie auch kommen dürfen. In der WM-Qualifikation werden sie definitiv nicht dabei sein. Zur Europameisterschaft haben sie aber zugesagt.

Wünschen Sie sich manchmal, dass ihre Nationalspieler möglichst früh mit ihren Klubs ausscheiden, um früher mit ihnen arbeiten zu können?

Definitiv nicht. Wer jetzt noch in den Playoffs in der NBA oder der Bundesliga spielt, geht da durch Drucksituationen, die im Training nicht zu simulieren sind. Und auch bei der EM wird es solche Drucksituationen geben. Deswegen wünsche ich mir, dass viele bis in die Finals vorrücken.

Franz Wagner hat eine beeindruckende erste NBA-Saison gespielt. Im Nationalteam hat er aber noch keine Erfahrung sammeln können. Ist er dennoch Teil Ihrer EM-Pläne?

In der Tat war Franz herausragend und besser, als es viele erwartet hatten. Er ist aber auch erst 20 Jahre alt. Mal sehen, was von ihm kommen wird. Die Tür ist offen, aber Spieler müssen Zeit und Schweiß für das Nationalteam opfern. Das ist nicht immer selbstverständlich.

Isaiah Hartenstein galt auch lange als Talent und hat schon mal dem Nationalteam abgesagt, weil er sich lieber in der NBA mit seinem Team einspielen wollte. Kommt er diesmal?

Isaiah war sehr offen mit mir, als er sagte, dass er sich im Sommer für einen neuen Vertrag empfehlen muss. Daher wird er wohl nicht zur Verfügung stehen. Damit habe ich gar kein Problem. Ich mag definitive Absagen viel lieber als ein Vielleicht als Antwort. Damit habe ich schon schlechte Erfahrungen gemacht.

Inwiefern?

Natürlich braucht man individuell starke Spieler. Doch zuallererst braucht man ein Team, das gut zusammenarbeitet. Als ich Kanada trainierte, hatten uns 15 NBA-Spieler vor der WM gesagt, dass sie spielen würden. Am Ende kamen nur zwei von ihnen. Zwei Jahre später kamen zwar mehr zur Olympiaqualifikation, aber auch erst drei Tage vor dem Turnier. Das funktionierte nicht und es wurde für mich zu einer Erfahrung, aus der ich viel gelernt habe. Ich nominiere nicht die besten Spieler, sondern das beste Team mit den zwölf, die es am meisten wollen. Nur mit denen haben wir die Chance, wirklich etwas zu erreichen. Mein Plan ist also, so schnell es geht, diese Spieler zu finden und aus ihnen eine Einheit zu formen. Insofern ist die frühe Zusage von Dennis Schröder so wichtig, weil ihr viele folgen werden. Da bin ich sicher.

Auf der anderen Seite gibt es viele Akteure aus der zweiten und dritten Reihe, die in den Qualifikationsspielen zu EM und WM in den vergangenen Jahren immer wieder eingesprungen sind, als die Besten aus Euroleague und NBA keine Freigaben erhielten. Wie bringen Sie denen bei, dass sie bei der EM-Endrunde selbst nicht mitspielen können?

Das ist eine wirklich schwierige Situation, die ich schon aus meiner Arbeit mit Kanadas Nationalteam kenne. Aber es gibt Spieler wie Robin Benzing, die jedes Jahr zu jedem Spiel kommen, weil es ihnen eine Ehre ist, für ihr Land zu spielen. Andere junge Kräfte wie David Krämer, Justus Hollatz und Christian Sengfelder haben in der Quali wirklich überzeugt. Ihnen werde ich jede Möglichkeit bieten, sich auch für den EM-Kader zu empfehlen. Die Tür bleibt offen, denn sie sind da gewesen, als wir sie brauchten, und sie waren sehr gut. Wie ich schon sagte, werden nicht unbedingt die zwölf besten Spieler zur EM mitgenommen. Diejenigen an Nummer zehn, elf und zwölf stehen oft nicht so im Fokus in einem Turnier und sind doch so wichtig. Sie haben spezielle Rollen als Verteidiger, Distanzschützen oder einfach als guter Teamkamerad.

Ist das eine Lehre von der EM 2015 oder der WM 2019, als es immer wieder hieß, das Team habe sehr viel Talent? Und dann schied man doch in der Vorrunde aus.

Ich denke, dass mein Vorgänger Henrik Rödl schon im letzten Sommer einen tollen Job gemacht hat, als er das Team auch ohne viele NBA-Stars bis ins Viertelfinale bei Olympia geführt hat. Da haben die Deutschen bereits bewiesen, wie viel man als Team erreichen kann.

Wie sieht der Zeitplan bis zur EM aus?

Kurz nach dem Ende der BBL-Saison treffen wir uns für einen kurzen Lehrgang mit zwei Qualifikationsspielen in Estland und gegen Polen. Dann müssen wir die Spieler schon wieder für sechs Wochen ziehen lassen. Für den Supercup und die EM-Vorbereitung haben wir dann nur knapp fünf Wochen Zeit. Deswegen werden die anstehenden Spiele Ende Juni schon sehr wichtig für die Nominierung sein. Beim Supercup und zwei weiteren WM-Qualifikationsspielen im August wird dann schon unser EM-Kader stehen. Da haben wir keine Zeit mehr für Veränderungen in letzter Minute.

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