Kuschen vor dem rechten Mob

Die rassistischen Ausschreitungen in Mannheim-Schönau vor 30 Jahren wurden von der Asyldebatte befeuert

  • Peter Nowak
  • Lesedauer: 4 Min.
Im Mannheimer Stadtteil Schönau denken einige noch immer deutsch-national. Foto: dpa/Uli Deck
Im Mannheimer Stadtteil Schönau denken einige noch immer deutsch-national. Foto: dpa/Uli Deck

Die rassistischen Aufmärsche in Hoyerswerda 1991 und Rostock 1992 wurden zum Symbol für den Rechtsruck in Deutschland nach der Deutschen Einheit. Dort hatten organisierte Faschisten gemeinsam mit scheinbar unpolitischen Anwohner*innen gegen Menschen ohne deutschen Pass mobil gemacht. Zunächst waren es vor allem Antifaschist*innen aus anderen Städten, die sich gegen die Rechten stellten.

Erst viele Jahre später gibt es auch Erzählungen von den wenigen Linken, die vor Ort lebten. Erinnert sei nur an das im vergangenen Jahr erschienene Buch »Kinder von Hoy«, das Grit Lemke im Suhrkamp-Verlag veröffentlicht hat. Weniger bekannt ist, dass auch auf dem westdeutschen Gebiet Anfang der 1990er Jahre ein rassistischer Mob mobil machte. »Während sich die Namen Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen ins kollektive Gedächtnis der bundesdeutschen Nachwendezeit einschrieben, sind die rassistischen Ausschreitungen in Mannheim-Schönau weitgehend vergessen«, schreibt Yannik Böckenförde auf dem Blog der Amadeu Antonio Stiftung. Die Angriffe richteten sich damals gegen eine Sammelunterkunft für Geflüchtete in einer ehemaligen Militärkaserne im vor allem von Arbeiter*innen bewohnten Stadtteil Schönau.

Dort wurden Geflüchtete aus Kurdistan, dem früheren Jugoslawien und afrikanischen Staaten untergebracht. Antifaschist*innen aus der Umgebung berichteten über eine von Beginn an rassistisch gefärbte Ablehnung der Unterkunft. Ängste vor angeblich vermehrtem Drogenkonsum und Lärm wurden von Neonazis gezielt aufgegriffen und verstärkt. Am 26. Mai 1993 sorgte dann ein nachweislich falsches Gerücht, heute würden wir von »Fake News« sprechen, für eine Zusammenrottung von Anwohner*innen und organisierten Faschisten vor der Unterkunft. Es wurde behauptet, einer der Bewohner habe eine junge Frau vergewaltigt. Diese Lüge verbreitete sich damals nicht über das Internet, das damals noch keine große Rolle im Alltag spielte. Vielmehr verbreitete sich das Gerücht auf dem alljährlich stattfindenden Waldfest.

Am 28. Mai, dem sogenannten Vatertag, eskalierte die Situation. Mehre hundert überwiegend stark alkoholisierte Männer zogen vor die Obdachlosenunterkunft, skandierten rassistische Parolen und warfen Steine und Flaschen auf das Gebäude. »Anders als in Hoyerswerda und später Rostock-Lichtenhagen war die Polizei vergleichsweise schnell vor Ort und sorgte auch in den folgenden Tagen zumindest dafür, dass es nicht zur weiteren Stürmung des Gebäudes kam«, schreibt Böckenförde in seinem Artikel. Das Eingreifen der Polizei stand auch im längeren Artikel im Mittelpunkt, der am vergangenen Wochenende im »Mannheimer Morgen«, der dort führenden Regionalzeitung, veröffentlicht wurde. Darin wurde mehrmals betont, dass die Polizei anders als in Rostock eingegriffen habe und es daher in Mannheim kein Staatsversagen gegeben habe.

Doch auch das ist eine Form der Rechtfertigung. Nach 30 Jahren kann nicht mehr vom »vergessenen Pogrom« geredet werden, aber schöngeredet wird vor Ort noch immer. Dabei könnte man auf Texte der autonomen Lupus-Gruppe verweisen, die damals in der antifaschistischen Szene des Rheingebiets aktiv war. Von dort kamen die Linken, die sich vor 30 Jahren in Mannheim-Schönau dem Bündnis aus Nazis und alkoholisierten Anwohner*innen entgegenstellten. Die Lupus-Gruppe stellte die rassistischen Aufmärsche in Ost- und Westdeutschland in den Kontext der sogenannten Asyldebatte, mit der die massive Einschränkung des Asylrechts im Sommer 1993 vorbereitet wurde.

So konnten sich auch die Rechten in Mannheim-Schönau genau wie in Rostock und Hoyerswerda als militanter Arm einer großen Koalition der Migrationsgegner*innen sehen. Erst nach der faktischen Abschaffung des Asylrechts gingen die Staatsapparate stärker gegen die Faschisten vor. Vielleicht spielt dieser Zusammenhang bei der Veranstaltung »Schönau ‹92 nicht vergessen« eine Rolle, die von der Mannheimer Linken am 11. Juni im Naturfreundehaus in Schönau organisiert und auch gestreamt wird. Von 14 bis 21 Uhr sollen Betroffene der Angriffe vor 30 Jahren und Aktive aus Migrant*innen- und Antifazusammenhängen zu Wort kommen. https://schoenau92-nichtvergessen.de/

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