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  • Sicherheitsdebatte in Frankreich

Kein Tränengas bei Olympia

Auch Frankreichs Innenminister nennt den ausufernden Polizeieinsatz beim Champions-League-Finale nun »unverhältnismäßig«

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 4 Min.
Ein französischer Polizist versprühte am Zaun des Stade de France Tränengas, um Fans daran zu hindern, unerlaubt ins Stadion zu gelangen.
Ein französischer Polizist versprühte am Zaun des Stade de France Tränengas, um Fans daran zu hindern, unerlaubt ins Stadion zu gelangen.

Die chaotische Organisation und das brutale Vorgehen der Polizei gegen Fußballfans am Rande des Champions-League-Finales am vergangenen Samstag in Paris haben nun auch politische Folgen. Vor allem stellt sich nach den Szenen, von weltweit mehr als 400 Millionen TV-Zuschauern live verfolgt, die Frage, ob Frankreich die Sicherheit der Olympischen Spiele 2024 garantieren kann.

Das Spiel zwischen Real Madrid und dem FC Liverpool sollte dafür als Test dienen. Am Ende wurde eine internationale Blamage daraus. Die Schuld dafür, dass sich zwischen dem Bahnhof Stade de France und dem Stadion in der Pariser Vorstadt Saint-Denis Tausende Menschen an Vorkontrollpunkten stauten, gaben die Europäische Fußball-Union Uefa und die französische Polizei britischen Fans ohne oder mit gefälschten Eintrittskarten. Hinzu kam, dass sich unter die Fans auch Mitglieder krimineller Banden aus Saint-Denis gemischt hatten, die das Gedränge für Taschendiebstähle nutzten.

Um die immer größer werdende Ansammlung von Menschen aufzulösen, von denen nicht wenige auch Ordner attackiert hatten, setzten Polizisten nicht nur Gummiknüppel ein, sondern auch Tränengas. Nach Angaben der Polizei, die mit 7000 Beamten im Einsatz war, wurden 238 Menschen verletzt und 108 vorübergehend festgenommen. Obwohl der Spielbeginn um mehr als eine halbe Stunde verschoben wurde, kamen viele Fans mit gültigen Karten nicht mehr ins Stadion, weil an den Eingängen ob der unübersichtlichen Lage die Gitter früh geschlossen worden waren.

Britische Medien berichteten danach genüsslich über das Desaster der französischen Sicherheitskräfte. Sie zitierten unter anderem den Parlamentsabgeordneten Ian Byrne aus Liverpool, der selbst vor Ort war und twitterte: »Ich habe gerade eine der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens gemacht. Die grauenvollen Sicherheitsvorkehrungen haben Menschenleben in Gefahr gebracht.«

Auch innenpolitisch hagelte es mitten im Parlamentswahlkampf Kritik von der Opposition: Jean-Luc Mélenchon, Gründer der linken Bewegung La France insoumise, meinte: »Frankreich hat ein jämmerliches Bild abgegeben. Wenn es eine Sicherheitsstrategie gegeben hat, so war ihr Ergebnis ein Desaster.« Die Polizei habe sich wieder einmal von ihrer typischen Seite gezeigt: »mit Gewalt und Willkür«.

Die rechtsextreme Marine Le Pen, Vorsitzende der Rassemblement National, hatte wie üblich andere Überltäter ausgemacht, denen sie die Schuld in die Schuhe schob: Die Ausschreitungen habe man gleichermaßen »Strolchen« aus Liverpool und Saint-Denis zu verdanken. Das Bild, das sich der Welt geboten habe, sei »beschämend«, und es sei »fraglich, ob Frankreich unter den heutigen Bedingungen in der Lage wäre, Ereignisse wie die Olympischen Spiele zu organisieren und abzusichern«. Zumindest mit der letzten Bemerkung stand sie nicht alleine da.

Aurore Bergé, sportpolitische Sprecherin der Regierungspartei LREM gab zu bedenken, dass das Finalspiel ursprünglich in Sankt Petersburg ausgetragen werden sollte und im Rahmen der Sanktionen gegen Russland kurzfristig verlegt worden war. Paris habe daher nur drei Monate Zeit gehabt, während für die Vorbereitungen sonst ein Jahr angesetzt wird.

Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin und Sportministerin Amélie Oudéa-Castéra mussten am Mittwoch dennoch im Senat zwei Stunden lang einem Untersuchungsausschuss Rede und Antwort stehen. Dabei erklärte Darmanin, dass für das Spiel 75 000 Karten verkauft worden waren, sich jedoch 110 000 Zuschauer eingefunden hatten. Bis zu 40 000 Fans – zumeist aus England – hätten also beim Versuch, sich ohne gültige Karten Eintritt zu verschaffen, das Chaos ausgelöst.

Regierung verspricht neue Vorschriften

Der Minister räumte immerhin ein, dass das Vorgehen der Polizei nicht selten »unangebracht und unverhältnismäßig« war. Er entschuldigte sich dafür und kündigte an, dass für die Olympiavorbereitung »grundlegend veränderte Vorschriften erlassen und Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden«. Dabei werde der Einsatz von Tränengas ausgeschlossen. Er versicherte, dass Frankreich »durchaus in der Lage ist, internationale Großereignisse zu organisieren und abzusichern«.

Das betonte auch Regierungssprecherin Olivia Grégoire. Sie hob zudem hervor, dass »keine Schwerverletzten, geschweige denn der Verlust von Menschenleben zu beklagen waren«. Präsident Emmanuel Macron fordere dennoch eine »lückenlose Aufklärung« der Vorfälle von Saint-Denis und zuverlässige Maßnahmen, »damit sich so etwas nie mehr wiederholt«.

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