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  • Der Sport im Ukraine-Krieg

Russland gehört nicht mehr zur Sportwelt

Immer mehr Verbände schließen russische Athleten von ihren internationalen Wettbewerben aus

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 5 Min.

Den Anfang machten die Orientierungsläufer. Auch wenn ihr Sport nicht olympisch ist, wird ihr Weltverband doch vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) anerkannt. Und so war er der erste, der am Montag als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine allen Sportlern aus Russland die Teilnahme an seinen Wettbewerben verbot. Das Bemerkenswerte daran war, dass das IOC die internationalen Sportverbände zu diesem Zeitpunkt noch zu keinem derartigen Schritt aufgefordert hatte. Wäre es bei den Orientierungsläufern geblieben, hätte die Sportmacht Russland das wohl locker ertragen. Doch ein paar Stunden später schon brach der Damm.

Seit das IOC am Montagabend offiziell empfahl, Athleten und Funktionäre aus Russland und dessen Kriegspartner Belarus von internationalen Wettbewerben auszuschließen, setzte eine Sportföderation nach der nächsten diese Anregung in die Tat um. Der Fußballweltverband Fifa und die Europäische Fußball-Union Uefa lassen die Russen nicht mehr bei der Qualifikation zur Männer-WM auflaufen. Das gleiche Schicksal trifft das Frauenteam, das sich schon für die Europameisterschaft im Sommer in England qualifiziert hatte. Gegen wen die Niederlande, die Schweiz und Schweden in ihrer Vorrundengruppe stattdessen spielen sollen, will die Uefa später entscheiden. Besonders den Spitzen bei der Fifa und im IOC wurde jahrelang eine zu große Nähe zu Russland vorgeworfen. Tatsächlich hielten sich viele Verbände immer wieder mit Kritik an der Sportweltmacht Russland zurück.

Daher ist das, was nun geschieht, nicht weniger als eine Zeitenwende. Russland gehört nicht mehr zur Sportwelt: Die Euroleague, Europas höchste Basketballliga, suspendierte alle russischen Teams. Europas Handballföderation schloss Klubs und Nationalteams aus Russland und Belarus aus. Dann folgte das Aus für beide Länder bei der Eishockey-WM der Männer, die im Mai in Finnland ausgetragen wird. Am Dienstag zog der Eislaufverband ISU nach. Russlands Eiskunstlaufteam wollte bei der WM in Frankreich Ende März eigentlich drei Titel verteidigen. Daraus wird nun nichts.

Weitere Sportföderationen zogen nach. So auch die der Volleyballer, die harte Sanktionen lange vermieden hatte, schließlich sollte Russland die diesjährige Männer-WM mit 24 Teams in zehn Städten veranstalten. Für den Zuschlag hätten die Russen angeblich mehrere Millionen Schweizer Franken an die FIVB gezahlt, die nach dem Entzug wohl zurücküberwiesen werden müssen. Doch der Druck war zu groß geworden, als fünf große Nationalteams inklusive Weltmeister Polen und Olympiasieger Frankreich ihren Boykott androhten. Der Rückzug des Deutschen Volleyball-Verbands wurde peinlicherweise erst eine Stunde nach dem WM-Entzug für Russland verkündet. Nun hat die FIVB das Problem, schnell einen sicheren neuen Ausrichter finden zu müssen. Polen soll sich zwar schon angeboten haben, liegt jedoch auch nah am Kriegsgebiet.

Der Schwimmverband Fina versuchte am Dienstag noch, einen anderen Weg zu gehen: Er verbot Athleten lediglich, unter den Fahnen Russlands und Belarus’ anzutreten. Das wiederum zog in sozialen Medien Boykottaufforderungen an alle anderen Nationen nach sich. Ähnliches hatte auch der Skiweltverband Fis erlebt. Nachdem Norwegen androhte, keine russischen Sportler bei den in dieser Woche anstehenden Weltcups der Skispringer, Kombinierer, Alpinen und Langläufer antreten zu lassen, knickte die Fis ein und folgte ebenfalls der IOC-Empfehlung.

Andere Verbände ließen sich zunächst noch Zeit. So war bis Dienstagnachmittag noch nicht entschieden, ob russische Tennisprofis weiter auf der ATP und der WTA Tour spielen können. Vor allem aber wartet die Sportwelt auf das Internationale Paralympische Komitee, das erst an diesem Mittwoch entscheidet, ob Athleten aus Russland und Belarus bei den am Freitag in Peking beginnenden Paralympics antreten dürfen.

Russische Sportfunktionäre reagierten schon vorher empört auf die kollektive Verbannung. Stanislaw Posdnjakow, Präsident des Russischen Olympischen Komitees, sagte in einem Statement: »Die Empfehlung des IOC widerspricht der Charta und dem Geist der olympischen Bewegung, die vereinen und nicht spalten sollte, insbesondere wenn es um die gleiche Teilhabe der Athleten an Wettbewerben geht.« Dabei hatte das IOC eben jene Gleichheit infrage gestellt, wenn russische Athleten überall starten könnten, ukrainische aber nicht, weil sie entweder in Kellern Schutz suchen oder von der Armee zur Verteidigung ihres Landes eingezogen werden, wie die Weltklasse-Biathleten Dmytro Pidrutschnyj und Julija Dschyma.

Dennoch meint Russlands Fußballverband, sein Ausschluss verstoße gegen »Sportsgeist und Fairplay«. Er sei »diskriminierend«, betreffe viele Athleten sowie Millionen Fans, deren Interessen bei Sportorganisationen doch Priorität haben sollten.

Die sich selten so einige Sportwelt denkt anders. Es herrscht Krieg, und in dem ist die Unterhaltung von Fans nicht mehr wichtig. Der Sport ist spätestens jetzt auch nicht mehr unpolitisch. Tausende Athleten forderten von ihren Verbänden sichtbare Zeichen gegen den Krieg. Die werden nun gesetzt.

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