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»Es liegt auch im deutschen Interesse«

Die Namibierin Ndilimeke Auala über ein echtes Versöhnungsabkommen und Bildungsarbeit an der Basis

  • Von Martin Ling
  • Lesedauer: 5 Min.
Unvergessen: Uruanaani Scara Matundu, ein Vertreter der Herero-Gemeinde, zeigt in einem Park in Windhuk Fotos seiner Vorfahren.
Unvergessen: Uruanaani Scara Matundu, ein Vertreter der Herero-Gemeinde, zeigt in einem Park in Windhuk Fotos seiner Vorfahren.

Im Mai 2021 legte die damalige deutsche Regierung ein »Versöhnungsabkommen« vor, das sie zuvor mit der Regierung Namibias ausgehandelt hatte. Nach Angaben der beiden Regierungen ging es darum, den Völkermord aufzuarbeiten, den deutsche Truppen zwischen 1904 und 1908 an den Herero und Nama in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika begangen hatten. Die traditionellen Autoritäten der beiden ethnischen Gruppen waren jedoch von den Verhandlungen ausgeschlossen. Ihre Proteste wurden schließlich so stark, dass der Vertragsentwurf im Parlament durchfiel. Was ist der heutige Stand?

Die Verhandlungen waren von Anfang an ein heikles Thema und es ging eine ganze Weile hin und her. Als die Namibier, insbesondere die Ovaherero und Nama, die von diesem Völkermord betroffen waren, dachten, es sei endlich eine Entscheidung gefallen, wurde kein Abkommen unterzeichnet. Zed Ngavirue war der von der Regierung ernannte Sondergesandte und Chefunterhändler in Deutschland. Es herrschte große Verärgerung über den Prozess. Die Ovaherero und Nama wurden von den Verhandlungen ausgeschlossen und waren mit den getroffenen Vereinbarungen nicht zufrieden. Der Sondergesandte Ngavirue ist inzwischen verstorben, und die Regierung wird einen neuen Gesandten ernennen. Man munkelt, dass bald eine neue Delegation entsandt wird, aber niemand weiß es genau.

Die Proteste gegen das Abkommen haben dazu geführt, dass die namibische Regierung den Vertragsentwurf nicht durch das Parlament brachte. Ein Erfolg?

Ja. Protestierende und einige Abgeordnete versammelten sich vor dem Parlament und erklärten, die getroffene Vereinbarung sei eine Beleidigung und sie fühlten sich bei den Verhandlungen übergangen. Dies löste eine Parlamentsdebatte aus, aber bis zum Ende wurde keine Entscheidung getroffen. Dabei erklärte die Regierung, dass sie die Beiträge der Redner aller Parteien, die ihre Besorgnis über die Unzulänglichkeiten zum Ausdruck brachten, berücksichtigen werde und dass sie unter Berücksichtigung der Beiträge weitere Verhandlungen mit der deutschen Seite anstreben werde. Wir warten nun auf die Umsetzung dieses Versprechens.

Sehen Sie mit der neuen deutschen Regierung aus Sozialdemokraten, Grünen und Liberalen ein neue Chance?

Ich bin der festen Überzeugung, dass ein Gelegenheitsfenster immer bestehen bleiben wird, unabhängig davon, welche politische Partei die deutsche Regierung führt und welche Koalition an der Macht ist. Ich glaube auch, dass es im besten Interesse Deutschlands ist, die Verhandlungen so schnell wie möglich abzuschließen. Denn sonst belastet die deutsche Vergangenheit in Namibia ja nicht nur Deutschland weiter, sondern auch die Tausenden Deutschen, die derzeit in Namibia leben.

Sie arbeiten für das Namibia Institute for Democracy (NID). Eines Ihrer Themen ist die Kolonialgeschichte. Sie entwickeln ein Projekt mit Lernmodulen zur deutschen Kolonialzeit in Namibia und ihren Folgen. Diese Module können dann auch in Deutschland eingesetzt werden. Wie sehen die Pläne für die Zusammenarbeit aus?

Dieses Projekt, das vom Solidaritätsdienst International (SODI) in Zusammenarbeit mit unserem Institut initiiert wurde, zielt darauf ab, die historischen und aktuellen Beziehungen zwischen Deutschland und Namibia aufzuzeigen. Die Namibier wissen um die historischen Beziehungen zu Deutschland. Die meisten Deutschen wissen jedoch nichts über ihre Kolonialgeschichte in Namibia. Die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern reichen bis ins Jahr 1800 zurück und wurden auf der Berliner Konferenz am 18. November 1884 formalisiert und institutionalisiert. Diese Geschichte wollen wir mehr Deutschen nahe bringen.

Mit welchen Formaten arbeiten Sie im Projekt?

Mit einem Dokumentarfilm, Studienreisen und einem Youtube-Kanal. Der Film hat den Titel »Was die Jugend in Namibia über die Geschichte des Völkermords sagt« und porträtiert deutsche Kinder in Katutura, einem Township während der Apartheid. Die Kinder sind Nachkommen von weißen deutschen und schwarzen namibischen Eltern. Die Studienreise ist für namibische Lernende zum Kennenlernen historischer Orte der deutschen Kolonialisierung in ganz Namibia und soll über Menschen- und Bürgerrechte im heutigen Namibia, von der Kolonialgeschichte bis hin zu einer modernen Verfassung informieren. Ein kritischer gesellschaftspolitischer Kommentar über den »It‹s a wrap«-Youtube-Kanal eines Deutsch-Herero-Nachkommens in Namibia ergänzt die Palette.

In Ihrem laufenden Projekt mit SODI arbeiten Sie mit Lernplattformen für Schulen und in der Landwirtschaft im ländlichen Bereich. Was sind die Ziele?

Das Projekt begann am 1. Dezember 2021 und wird bis zum 31. Juli 2024 laufen. Ziel ist es, junge Namibier für Themen im Zusammenhang mit der Umwelt (nationales Erbe) und der nachhaltigen Entwicklung zu sensibilisieren und sie zu befähigen, sich aktiv in Umweltbelange einzumischen. NID und die Nichtregierungsorganisation EduVentures wollen mit Hilfe der SODI-Finanzierung vor allem benachteiligten namibischen Jugendlichen in ländlichen Gebieten Umwelterfahrungen ermöglichen. Gleichzeitig soll zur kontinuierlichen Erweiterung des wissenschaftlichen Wissens in Namibia und zur Vertiefung des kollektiven Verständnisses beigetragen werden. Das ist für die Erhaltung und nachhaltige Nutzung der Umwelt und der Ressourcen Namibias von entscheidender Bedeutung, um ökologische Nachhaltigkeit und Wohlstand zu gewährleisten.

Sie wenden auch agro-ökologische Konzepte im ländlichen Raum an. Wie entwickelt sich das Projekt?

Die Agrarökologie fördert eine klimaangepasste Nahrungsmittelproduktion, die zur Verbesserung der Ernährungssicherheit beiträgt. Agrar-ökologische Praktiken sind in Namibia kaum bekannt und werden kaum angewendet. Im Rahmen dieses Projekts werden arbeitslose Jugendliche und Lehrer geschult und agro-ökologische Demonstrationsflächen betrieben. Danach können die Gemeindemitglieder agro-ökologische Techniken in ihren eigenen Gärten anwenden. Wir haben bestimmte Ziele und Indikatoren festgelegt, um die erfolgreiche Umsetzung zu messen. Für eine nachhaltige Entwicklung werden die Grundprinzipien der Agrarökologie und der politischen Bildung in die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in Namibia integriert. BNE in Namibia hat bisher Klimawandel, Biodiversität und erneuerbare Energien als prioritäre Handlungsfelder definiert, die Weiterbildung wird von Pädagogen in Umweltbildungszentren und von Sekundarschullehrern genutzt, um ihre Schüler zu nachhaltigem Denken und Handeln zu befähigen. Die Jugendlichen wissen, wie sie ihre Anliegen im Bildungsbereich an die zuständigen Behörden weiterleiten können, was auch die Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen stärken wird.

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