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Studie wertet Daten zur Effizienz von Pandemiemaßnahmen aus

Verschiedene Masken aus der Anfangszeit der Pandemie: Die Stoffexemplare sind inzwischen aussortiert.
Verschiedene Masken aus der Anfangszeit der Pandemie: Die Stoffexemplare sind inzwischen aussortiert.

Wer dieser Tage in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, ob mit 9-Euro-Ticket oder höherpreisig, kann nur den Eindruck haben: Die Pandemie ist gefühlt vorbei. Zwar trägt die Mehrheit noch eine Maske, aber richtig ernst genommen wird das nur von einem Teil der Passagiere. Zudem sind die Inzidenzen durchaus noch nicht wieder im einstelligen Bereich wie in den beiden bisherigen Corona-Sommern.

Ein weiterer Anstieg der Infektionen und auch das Auftreten einer gefährlicheren Variante kann jedoch nicht ausgeschlossen werden. Insofern wäre es sinnvoll, Kenntnisse zur Wirkung von Pandemiemaßnahmen, jenseits von medizinischen Interventionen wie Impfungen, zusammenzutragen und auszuwerten. Eine gute Vorlage dafür kam jetzt mit einer Studie des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW).

Der Kieler Wissenschaftler Alexander Sandkamp hatte mit Anthonin Levelu von der Universität Paris-Dauphine mittels statistischer Verfahren 14 sogenannte nicht-pharmazeutische Interventionen zur Eindämmung der Corona-Pandemie analysiert – und zwar auch deren Zusammenhang mit der Entwicklung des R-Wertes. Die so abgekürzte Reproduktionszahl nennt die Anzahl der Menschen, die eine infizierte Person im Durchschnitt ansteckt. Die Daten stammen aus 182 Ländern und wurden für das Jahr 2020 erhoben.

Informationskampagnen und Schulschließungen halfen demnach besonders gegen die Verbreitung des Coronavirus – abgesehen von medizinischen Maßnahmen wie Impfungen. Die systematische Verbreitung von Informationen zum Virus senkte den R-Wert im Durchschnitt um 0,35, Schulschließungen um 0,24.

»Die hohe Wirksamkeit von Informationskampagnen erklärt sich wohl aus ihrer Rolle als Wegbereiter vieler weiterer Maßnahmen«, ordnet Studienautor Alexander Sandkamp das Ergebnis ein. Zu den Wirkungen der Kampagne zählt demnach auch die Bereitschaft, Infektionsmaßnahmen überhaupt umzusetzen. So könnten die offiziellen Informationen dazu beigetragen haben, dass Coronatests, Kontaktnachverfolgung und internationale Reisebeschränkungen deutliche Effekte erzielten. Gesenkt wurde der R-Wert dann auch durch die Absage öffentlicher Veranstaltungen, Homeoffice und Einschränkung privater Treffen. Für alle Maßnahmen galt laut Studie: Je schärfer die Anwendung, desto höher der Erfolg.

Statistisch nicht messbar waren in der ersten Coronawelle die Effekte lokaler Reisebeschränkungen und das Maskentragen, letzteres vermutlich, weil es sich zunächst oft um Selfmade-Stoffmasken handelte und Masken erst in der zweiten Welle konsequenter getragen wurden.

Die Studienautoren schränken jedoch ein, dass die hohe Wirksamkeit einer Maßnahme nicht automatisch eine Empfehlung zur politischen Umsetzung sei. Volkswirt Sandkamp verweist am Beispiel der Schulschließungen auf starke negative Folgen. Deshalb würde er eher auf Maßnahmen setzen, die verhältnismäßig geringe Verwerfungen nach sich ziehen. Der Kieler Wissenschaftler nennt hier neben den Informationskampagnen auch Tests, Kontaktnachverfolgung und das Tragen einer medizinischen Maske.

Natürlich hat auch die Studie aus Kiel ihre Schwächen: Die Zahlen beziehen sich auf das erste Pandemiejahr, als der Neuigkeitswert von Covid-19 noch groß war und auch die Angst vor Ansteckung und einer schweren Erkrankung. Inzwischen könnte sich der Effekt weiterer Informationskampagnen allein dadurch abgeschwächt haben, dass Menschen jetzt mehr wissen oder sich sogar schon als Experten fühlen. Jedoch gilt auch für die untersuchten Relationen von Maßnahmen und R-Wert, dass hier möglichst aktuelle Daten ausgewertet werden müssen. Ebenso wären überlappende Effekte durch Impfen und nicht-medizinische Maßnahmen zu berücksichtigen.

In diesem Zusammenhang darf man gespannt sein, auf welche Studien sich der Corona-Expertenrat Ende Juni beziehen wird. Dann soll das Gremium um Heyo Kroemer, Vorstand der Berliner Universitätsklinik Charité, Hinweise auf weitere Schritte der Politik geben. Mit diesen Empfehlungen allein wäre jedoch lange nicht klar, wie ein Stufenplan für eine weitere Pandemiewelle aussehen könnte oder ob es überhaupt einen solchen geben wird.

Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) peilt die ersten beiden Sitzungswochen des Bundestages nach der Sommerpause zur Beratung des Vorgehens an, knapp vor dem Auslaufen der derzeit geltenden Fassung des Infektionsschutzgesetzes am 23. September. Das könnte zeitlich schon recht eng werden, und es ist fraglich, mit welcher Entschlossenheit sich Bund und Länder in der Sommerpause zusammenraufen werden. Bislang scheint vor allem absehbar, dass es um mehr Handlungsoptionen für die Landkreise gehen wird und um weniger Möglichkeiten für pauschale »Freiheitseinschränkungen« – aktuell noch unabhängig davon, was weitere Studien zur Wirksamkeit der einzelnen Maßnahmen aussagen.

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