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Hohe Erwartungen

Der IG-Metall-Vorstand will mit einer Forderung von sieben bis acht Prozent in die Metall-Tarifrunde gehen

2021 gab es für die Beschäftigten in der Metall- und Elektrobranche nur eine Corona-Prämie.
2021 gab es für die Beschäftigten in der Metall- und Elektrobranche nur eine Corona-Prämie.

Es gab offenbar einiges zu diskutieren im Vorstand der IG Metall. Der Beginn der Pressekonferenz, auf der Europas größte Industriegewerkschaft die Forderungsempfehlung für die anstehende Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie vorstellte, verzögerte sich am Montagnachmittag jedenfalls erheblich. Es sei eine »extrem komplexe Situation«, begründete IG-Metall-Chef Jörg Hofmann die Verspätung. Daher habe man sich intensiv über »die Ungleichheiten der Situation« ausgetauscht. Das Ergebnis der Debatte: Der IG-Metall-Vorstand empfiehlt einen Korridor von sieben bis acht Prozent mehr Geld bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Die konkrete Lohnforderung werden die regionalen Tarifkommissionen am 30. Juni beziffern, bevor der Vorstand am 11. Juli die endgültige Entscheidung fällt.

»Die Erwartungshaltung in den Betrieben ist enorm«, berichtete Hofmann. Angesichts der hohen Preise an den Supermarktkassen und Zapfsäulen hätten die Beschäftigten die berechtigte Erwartung an die IG Metall, dass diese einen Teil der gestiegenen Lebenshaltungskosten tarifpolitisch ausgleicht. Zugleich stellte der oberste Metaller klar: »Wir können über die Tarifpolitik nicht den kompletten Inflationsdruck ausgleichen.« Deshalb erwarte er, dass die Bundesregierung weitere Maßnahmen zur Entlastung der Menschen ergreife.

Dass die Erwartungen unter den gut 3,8 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie sehr hoch sind, hat neben der aktuellen Inflation auch mit den Tarifabschlüssen der vergangenen Jahre zu tun. Seit April 2018 gab es in Deutschlands Leitbranche – die in den vergangenen Jahrzehnten stets auch tarifpolitisch Vorreiter war – keinerlei strukturelle Lohnerhöhung. Die Reallöhne wurden in dieser Zeit zwar durch Einmalzahlungen weitgehend gesichert. Auf Dauer fehlt das Geld den Beschäftigten aber.

In der letzten Tarifrunde habe die IG Metall »die tiefe Krise der deutschen Industrie im Kontext von Corona« berücksichtigt und vor allem auf Beschäftigungssicherung gesetzt. Bereits beim Abschluss 2021 sei aber klar gewesen, dass im September dieses Jahres gegebenenfalls »nachgesteuert« werden müsse. In Bezug auf Auslastung, Ertragslage und Beschäftigung habe sich die Metallindustrie seither deutlich positiver entwickelt als zunächst erwartet. Dieses Mal will die IG Metall deshalb nicht auf Einmalzahlungen setzen, sondern Prozenterhöhungen durchsetzen, die in die Entgelttabellen eingehen. »Daran wird der Erfolg oder Nicht-Erfolg dieser Tarifrunde gemessen«, stellte Hofmann auf Nachfrage von »nd.derTag« klar. Das erhöhte Preisniveau werde die Haushaltseinkommen schließlich ebenfalls längerfristig belasten, die Beschäftigten bräuchten daher dauerhaft mehr Geld.

Zugleich bleibe die IG Metall »klar und konstant«, betonte der IG-Metall-Chef. Soll heißen: Die Grundlage der Forderungsdiskussion ist dieselbe wie vor jeder Tarifrunde. Traditionell setzt sich das Forderungsvolumen aus der Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank, der Trendproduktivität und einer »Umverteilungskomponente« zusammen. Erstere liegt mit zwei Prozent meilenweit unter der tatsächlichen Inflation von aktuell 7,9 Prozent. Die Produktivitätssteigerung gibt die IG Metall mit 1,1 Prozent an. Und die Umverteilungskomponente begründet die Gewerkschaft zum einen mit den hohen Belastungen der Beschäftigten, zum anderen mit den satten Gewinnen, die viele Unternehmen der Branche trotz Pandemie und Krieg zuletzt eingefahren haben.

Denn trotz der aktuellen Unsicherheiten wird in der Metall- und Elektroindustrie weiterhin gut verdient. In einer Betriebsrätebefragung bezeichnen rund 84 Prozent die Auftragslage ihrer Firmen als gut oder eher gut. Zudem sind die Betriebe gut ausgelastet: 20 Prozent haben eine normale, 43 Prozent eine hohe Kapazitätsauslastung. Vielerorts werden weiterhin Sonderschichten gefahren, die Arbeitszeitkonten sind prall gefüllt. Bei einem Arbeitskampf hätten die Beschäftigten also durchaus Druckmittel.

Für die rund 76 500 Beschäftigten der Stahlindustrie – die in der aktuellen Lage Extragewinne einfährt – hat die IG Metall vor wenigen Tagen eine Lohnerhöhung von 6,5 Prozent bei einer Laufzeit von 18 Monaten durchgesetzt. »Das ist die höchste prozentuale Erhöhung in der Stahlindustrie seit 30 Jahren«, erklärte der IG-Metall-Verhandlungsführer für die westdeutsche Stahlbranche, Knut Giesler. Seine Kollegin Birgit Dietze aus dem IG-Metall-Bezirk Berlin-Brandenburg-Sachsen verwies darauf, dass die Konzerne die hohen Energie- und Rohstoffpreise vielfach an die Kunden weiterreichen. »Das können unsere Kolleginnen und Kollegen nicht. Aber sie sind es, die tagtäglich die Gewinne erwirtschaften und die für die Produktion erforderliche Flexibilität erbringen.« Das gilt auch für die Metall- und Elektroindustrie, wo die Tarifverhandlungen Mitte September beginnen sollen. Die Friedenspflicht läuft am 28. Oktober aus. Ab dann sind Streiks möglich.

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