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Werden die Hemden enger oder ich zu dick?

Diesmal: Wie Konfektionsgrößen am Spagat zwischen Individuum und Massenproduktion scheitern

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 3 Min.
Werden die Hemden enger oder ich zu dick?

Die taillierten Herrenhemden sind seit den 2010ern auf dem Vormarsch. Mein Onkel sagt, das wäre in den 1960ern schon mal der Fall gewesen. Kehrt denn in der Mode alles wieder?

Das meiste schon. Von 1960ern weiß ich das nicht so genau, aber Anfang der 1970er Jahre bekam ich mal von meiner Oma ein Hemd aus dem Westen mitgebracht, das tailliert war. Das wunderte mich zwar, aber störte mich nicht, denn damals war ich sprichwörtlich dürr. Heute würde es mir wohl nicht so gut passen. Es würde, wie man so schön sagt, etwas spannen.

Ja, genau, es spannt. Ist das ein Problem einer Gesellschaft, in der die Menschen sportlich sein möchten, auch wenn die Hälfte von ihnen mit Übergewicht rumläuft?

Ich fürchte, die sportliche Gesellschaft ist eine Fiktion. Wenn ich bedenke, wie viele dicke Kinder ich in meiner Schulzeit in den 60ern gesehen habe – vielleicht mal ein Kind im Jahrgang. Das war damals absolute Ausnahme. Während es inzwischen ja durchaus gängig ist. Und das wird im Erwachsenenalter nicht besser. Wenn denn die Produktion von Hemden marktgerecht wäre, müsste es eigentlich andersrum laufen: mehr XXL-Hemden als »Slime Line«.

Das moderne Herrenhemd versetzt die Männer in die Krise. Es gibt nicht genug, die dafür dünn genug sind.

Willst Du damit andeuten, dass Du etwas zugenommen und die Hemden etwas abgenommen haben?

Ja, ein bisschen.

Mein Hemdenproblem ist ein ganz anderes: Mir sind die meisten zu kurz.

Du bist zu lang?

So herum kann man es natürlich auch sehen. Das ist offenbar die Sicht der Industrie. Hemden mit extra langen Ärmeln bekommt man zwar fast genauso leicht wie solche mit »normalen« Ärmeln, aber was es kaum gibt und praktisch nicht im Laden, sind Hemden mit einem verlängerten Rumpf. Und die brauche ich. Aber die gibt es im Laden höchstens ab Kragenweite 43. Dazu müsste ich aber dann schon eher zu den Stiernacken gehören, was ich dann doch nicht tue. Und das ist dann bei einer sitzenden Betätigung so, wenn du dich dreimal hingesetzt hast und wieder aufgestanden bist, dann hängt das Hemd aus der Hose. Es gibt natürlich immer mal wieder Moden, wo das sowieso Usus ist, aber das hat mir noch nie so richtig gefallen. Und so muss ich gegen meinen Willen die Hemden beim Hersteller im Internet bestellen.

Wer legt eigentlich die Größen fest?

Die Kaufhäuser haben damit im 19. Jahrhundert angefangen. Die machten ihr Geschäft vor allem mit Textilien, mit vorgefertigter Kleidung von der Stange, anfangs nur für Frauen. Als der US-Unternehmer Isaac Singer 1851 seine Nähmaschine auf den Markt brachte, mussten die nicht mehr von Hand genäht werden. Und um der wechselnden Kundschaft die Orientierung zu erleichtern, hat man sich verschiedene Größen ausgedacht. Und die variieren damals wie heute von Hersteller zu Hersteller. Oft zum Nachteil des Kunden. Es gibt eine Untersuchung der Textilindustrie in der EU, wonach es viel mehr Leute gibt, die Jeans mit Bundweite 35 bräuchten als solche mit 31, 32 und 34. Aber die 35 gibt es nicht.

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