Vorwärts unterm Ährenkranz

In seinem hybriden Fußballroman schreibt Marco Bertram über den ASK Vorwärts und den alltäglichen Trubel des Lebens in der DDR

  • Von Christian Lenke
  • Lesedauer: 3 Min.
DDR-Fußball: Vorwärts unterm Ährenkranz

Marco Bertram hat es gewagt, ein Fußballbuch zu schreiben, das einerseits die Geschichte des ASK / FC Vorwärts darstellt, andererseits aber in Romanform auf fiktionaler Ebene vier Jahrzehnte das Leben im Arbeiter- und Bauernstaat erzählt. Was sich anhört wie eine verrückte Idee, ist im Endergebnis ein sehr kurzweiliges Buch über einen längst untergegangenen Fußballclub, der heutzutage nur noch in den Köpfen und Herzen einiger weniger Getreuer fortlebt.

Lang bevor der Berliner FC Dynamo und der 1. FC Union Berlin die Vormacht in der Hauptstadt der DDR unter sich ausmachten, schickte sich die 1953 aus der Messestadt Leipzig nach Berlin delegierte Vorwärts-Elf an, Meisterehren zu erringen. Als Sportkollektiv der Nationalen Streitkräfte und Aushängeschild der Armeesportvereinigung Vorwärts war es für die Mannschaft geradezu ein Muss, erfolgreich zu sein. Und da Spieler nicht transferiert, sondern durchaus im Zuge des Ehrendienstes verpflichtet wurden, schien es gar unendliche menschliche Ressourcen zu geben.

Der Erfolg blieb nicht aus. Mehrfach konnten die kurz behosten Volksarmisten Meisterschaften und Pokalsiege feiern, und all dies, während man in der Hauptstadt der DDR stationiert war. Die kurze Zeit zuvor in Leipzig war hingegen weniger erfolgreich. Dass dort mit der BSG Chemie auch ein wesentlich beliebterer Club ansässig war, tat ein Übriges.

Also ab nach Berlin – und dort beginnt auch die Erzählung abseits des Rasens. Wir durchleben mit Lutz, einem der beiden Protagonisten, die Irrungen und Wirren im Alltag der noch jungen DDR. Da geht es nicht nur um Fußball, sondern auch um ganz banale Dinge. Vater auf Montage, die Wohnung ist eigentlich zu klein und Südfrüchte gibt es auch schon wieder nicht. Es ist eine Stärke des Buchs, dass Marco Bertram ein feines Gespür für Stimmungen hat. Er lässt den Leser mithilfe von Schlagertexten und Ortsbeschreibungen tief in die 50er und 60er Jahre in Ost-Berlin und später an der Seite der zweiten Hauptfigur Molli ins Frankfurt (Oder) der 70er und 80er Jahre eintauchen.

Lebensgefühl und Lebenslust unter Hammer, Zirkel und Ährenkranz: Wir erleben mit den beiden »Ur-Ultras« des FC Vorwärts Erfolge und Enttäuschungen, große Spiele und bittere Niederlagen, Trauer darüber, dass der FCV von Berlin nach Frankfurt (Oder) delegiert wird, und das dortige Erwachen und Wachsen der Begeisterung für die Rot-Gelben: »Der Wolga schlängelte sich die Straße entlang, die über den Klingefließ ins etwas höher gelegene Plattenbauviertel Hansa Nord führte. 20 Minuten vor Anpfiff erreichte das Taxi tatsächlich wieder den Vorplatz des Stadions, wo Herr Gafke ganz brav mit Molli an einer Ecke gewartet und sich mit einem Ratespiel die Zeit vertrieben hatte. ›Nun aber nix wie rein in die gute Stube!‹«

Fährt man heute ins Stadion der Freundschaft in der Oderstadt, ist vom Ruhm des FC Vorwärts nicht mehr viel zu sehen. Alle Jubeljahre packt eine Handvoll übrig gebliebener Fans die Fahnen mit dem Wappen des FC Vorwärts aus, um beim Abend der Legenden über die gute alte Zeit zu plauschen. Mit dem heutigen 1. FC Frankfurt (Oder) e.V., der gerade in die Oberliga aufgestiegen ist, wollen sie nicht wirklich etwas zu tun haben. Sie erinnern sich lieber an ihren FC Vorwärts, die ganz Alten auch an den ASK/FC Vorwärts Berlin. Sie haben die Erinnerung an glorreiche Tage an Spree und Oder konserviert. Marco Bertram sorgt mit seiner »Fußballfibel« dafür, dass diese Erinnerung noch lange anhalten wird.

Marco Bertram: Vorwärts Berlin/Frankfurt (Oder): Fußballfibel. Culturcon Medien, 196 S., kart., 13,99 €.

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