Stadt der Angst

In Frankfurt (Oder) wird an die Baseballschlägerjahre in den 90ern erinnert – und an die Rolle der Europa-Universität Viadrina

  • Von Patrick Volknant
  • Lesedauer: 4 Min.
Herzlich willkommen: Am 8. April 1991 trat das deutsch-polnische Visa-Abkommen in Kraft. So sah die Begrüßung in Frankfurt (Oder) aus.
Herzlich willkommen: Am 8. April 1991 trat das deutsch-polnische Visa-Abkommen in Kraft. So sah die Begrüßung in Frankfurt (Oder) aus.

Schon oft genug musste Kamil Majchrzak in seinem Leben erfahren, was sich hinter dem berüchtigten Begriff »Baseballschlägerjahre« wirklich verbirgt. Im Jahr 1995 zog der in Wrocław geborene Pole nach Frankfurt (Oder), um an der noch jungen Europa-Universität Viadrina zu studieren. Doch statt innereuropäischer Freundschaft schlugen dem Jurastudenten – wie anderen Kommilitonen aus dem Ausland auch – Hass und Gewalt entgegen. Und tatsächlich sollte es schließlich ein Baseballschläger sein, mit dem Majchrzak von Neonazis in die 40-prozentige Invalidität geprügelt wurde.

»Es war völlig egal, wer auf die Fresse bekommt, was mit den Leuten passiert, die betroffen sind von rechter Gewalt, und welche Strukturen dahinterstecken«, sagt Majchrzak 27 Jahre nach seiner Immatrikulation in der Stadt an der Oder, die Augenpaare junger Studierender auf sich gerichtet. Sein Studium hat er unlängst abgeschlossen, er ist nicht nur Anwalt für Menschenrechte, sondern auch Dokumentarfilmer und Aktivist, der sich unter anderem für die Entschädigung von Opfern des NS-Regimes einsetzt. Für die Eröffnung der Ausstellung »Grenzgewalt und die Viadrina in den 90er Jahren« ist Majchrzak in die »beschissene Stadt« zurückgekehrt, mit der ihn damals wie heute widersprüchliche Gefühle verbinden. »Man liebt sich, aber es ist toxisch«, sagt er. Nun hofft Majchrzak auf den Beginn eines heilenden Aufarbeitungsprozesses. 

Die neue Ausstellung, die einen Schritt in die richtige Richtung machen soll, wurde nicht von der Europa-Universität selbst, sondern von engagierten Studierenden ins Leben gerufen und kuratiert. Begonnen habe alles im Rahmen eines Seminars, erzählt die Studentin und Mitorganisatorin Ronja Kroll, die in dem nun präsentierten Ergebnis mehr als nur eine Geschichtsstunde sieht: »Es ist nicht nur ein Phänomen der 1990er Jahre, sondern stellt ein Problem bis in die Gegenwart dar.« Gemeinsam haben die Studierenden in Archiven gestöbert, Presseartikel aus der Zeit zusammengetragen und ausgewertet. Ziel der Ausstellung sei es, so Kroll, die Angehörigen der heutigen Viadrina auf die damaligen Vorfälle aufmerksam zu machen – und eben auch die Rolle der Universität zu reflektieren.

Gerade diese Rolle war in der damals aufgeheizten Stimmung im Osten bedeutend. Im Anschluss an das Abkommen zum visafreien deutsch-polnischen Grenzverkehr 1991 kam es in Frankfurt (Oder) zu rechtsextremen Ausschreitungen. Von rassistischen Frankfurter*innen unterstützt, versuchten gewaltbereite Neonazis tagelang, den Grenzübergang zur polnischen Nachbarstadt Słubice zu blockieren. In den folgenden Jahren war es vor allem die ebenfalls 1991 gegründete Viadrina mit ihren vielen nichtdeutschen Studierenden und Dozent*innen aus dem Westen Deutschlands, die Missgunst und Verachtung auf sich zog.

»Gerade in den 90ern ist die Uni nicht wirklich gut in der Stadt gelandet«, sagt Janine Nuyken, Vizepräsidentin der Viadrina. Die Hochschule sei eine Art Ufo gewesen, ein »westdeutsch geprägter Laden« mit dementsprechenden Voraussetzungen und Haltungen. Bei einigen Mitgliedern der Universität habe die Ansicht vorgeherrscht, dass sie diejenigen seien, die nun den Fortschritt nach Frankfurt (Oder) brächten. Nuyken sagt: »Gute Bezahlung und gute Arbeitsverhältnisse sind auf eine Stadt getroffen, die einen gewissen Hang zur Depression hat.« 

Die Schuld an den damaligen Geschehnissen auf die Stadt abzuwälzen, sei falsch, so Nuyken. Als sich dann die gewalttätigen Übergriffe auf ausländische Studierende häuften, hätten sich die Verantwortlichen der Universität nicht getraut, Dinge beim Namen zu nennen, um nicht als westdeutsche »Besserwisser« dazustehen. »Wenn etwas passierte, dann waren das immer erst mal Einzelfälle«, sagt Nuyken. Die Ausstellung der Studierenden will sich die Vizepräsidentin auch deshalb nicht zu eigen machen: Von einer institutionellen Aufarbeitung zu sprechen, wäre »geschwindelt«.

Nichtsdestotrotz war es Hans Weiler, der damalige Rektor der Europa-Universität, der Kamil Majchrzak nach der Attacke im Krankenhaus besuchte – anders als der damalige Bürgermeister Wolfgang Pohl (SPD). »Die Reaktionen der Stadtverwaltung zeigten eher, dass ich das Problem bin«, sagt Majchrzak. Die örtliche Presse wiederum habe eine Berichterstattung verfolgt, die vor Paternalismus gegenüber dem polnischen Nachbarland nur so triefte: »Da kamen dann Experten, die meinten, uns unsere Kultur erklären zu müssen.« Unterstützung gab es stattdessen von einer Antifa-Gruppe, die Majchrzak nach dem Angriff mit Rottweilern durch die Stadt begleitete. Auch für sie aber gelte: »Wenn man einmal Betroffener von rechter Gewalt ist, bekommt man das Etikett nicht mehr los.«

»Grenzgewalt und die Viadrina in den 90er Jahren«, montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr, Gräfin-Dönhoff-Gebäude am Europaplatz 1 in 15230 Frankfurt (Oder).

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal