Tina Punzel hat bei der WM wieder Großes vor

Wie die Dresdnerin Olympiabronze bei den Weltmeisterschaften bestätigen will

  • Von Andreas Morbach
  • Lesedauer: 5 Min.
Tina Punzel (v.), hier mit Christina Wassen, sieht im Synchronspringen ihre größten Erfolgschancen.
Tina Punzel (v.), hier mit Christina Wassen, sieht im Synchronspringen ihre größten Erfolgschancen.

Über das Gesicht von Tina Punzel huscht ein kurzes Lächeln, wenn sie an den Jahresbeginn denkt. Nach ihrem letzten Sprung bei den Olympischen Spielen in Tokio hatte sich die Wasserspringerin vom Dresdner SC eine dringend benötigte Pause gegönnt. Fünf Monate dauerte ihr Sabbatical vom Brett: Bis Weihnachten war sie nur zweimal im Wasser, im Januar begann sie wieder mit dem Training. »Ich war anfangs relativ oft krank. Mein Körper brauchte sehr lange, um das Trainingspensum wieder anzunehmen und zu verkraften«, erzählt Punzel – die mit der Zeit aber auch erfreut feststellte, wie sehr sie von ihren Tausenden Trainingssprüngen, gerade im vergangenen Jahr, noch profitiert.

Tina Punzel (v.), hier mit Christina Wassen, sieht im Synchronspringen ihre größten Erfolgschancen.
Tina Punzel (v.), hier mit Christina Wassen, sieht im Synchronspringen ihre größten Erfolgschancen.

»Das war für mich die Bestätigung, nach Tokio nicht gerade den falschen Weg eingeschlagen zu haben«, erklärt die 26-Jährige fröhlich. Diese Freude will sie nun auch bei den Weltmeisterschaften in Budapest auskosten. Das Training mache ihr momentan so viel Spaß wie lange nicht mehr, berichtet Punzel. Aus ihren ehrgeizigen Plänen macht sie dabei kein Geheimnis – und hat bei ihren vier WM-Starts einen Wettbewerb besonders im Fokus.

Beim Synchronspringen vom Drei-Meter-Brett gewann sie mit Lena Hentschel vor knapp einem Jahr schließlich olympisches Edelmetall. »Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, das ist nicht unser Ziel. Natürlich wollen wir die Bronzemedaille aus Tokio verteidigen«, sagt Punzel. Am wichtigsten ist der viermaligen Europameisterin jedoch ihre unbeschwerte Haltung, die sie mit nach Ungarn gebracht hat. »Ich betrachte das alles auch als Zugabe. Ich muss nichts mehr beweisen«, betont sie – und erklärt genüsslich: »Es ist aktuell ein entspannteres Mindset.«

Im Gegensatz zur Studentin der Wirtschaftswissenschaften bei der WM nicht mehr mit dabei ist Patrick Hausding. Der gebürtige Berliner, über viele Jahre hinweg Deutschlands Vorzeigespringer, zog sich im Mai vom Leistungssport zurück. Die Wettbewerbe in Budapest verfolgt er nun mit einem Bier in der Hand zu Hause im Livestream – und bekam dort gleich am ersten Finaltag die Bronzemedaille von Timo Barthel und Lars Rüdiger in der Synchronkonkurrenz vom Drei-Meter-Brett serviert.

Mit derselben Sprungserie wie jetzt mit Barthel holte Rüdiger im letzten Jahr, gemeinsam mit Hausding, Olympia-Bronze. Vor dem schwierigsten Sprung im Finale flüsterte der 26-jährige Barthel am Sonntagabend immer wieder den Namen seines prominenten Vorgängers. Und die selbst verordnete verbale Medizin wirkte. »Das hat mich runtergefahren, die Nervosität gesenkt«, berichtete der Rheinländer anschließend, zudem bekannte er: »Ich kann seit zwei Wochen nicht mehr schlafen, weil ich immer von dieser Medaille geträumt habe. Es ist einfach unfassbar.«

Währenddessen blickt seine Teamkollegin Tina Punzel dem eigenen WM-Auftakt noch entgegen – und beleuchtet die neue Situation für das DSV-Team im Allgemeinen. »Patrick Hausding hat im Training wirklich auch Weltklassesprünge gezeigt, bei denen man einfach gestaunt hat. Er war schon immer sehr präsent. Dass er jetzt nicht mehr in der Halle ist, das merkt man einfach«, erklärt Europas Wasserspringerin des Jahres 2021 – die sich selbst bis vor drei Jahren immer zu viel Druck vor großen Events machte.

Die letzte WM sei für sie die erste gewesen, bei der sie etwas entspannter als sonst angereist sei, erzählt Punzel – und nennt den Grund für diese innere Wende. »Über die Jahre hinweg bin ich doch ein bisschen selbstbewusster geworden und habe nun das Gefühl: Ja, ich gehöre dorthin. Ich kann mich wirklich mit den Allerbesten der Welt messen, muss mich nicht mehr verstecken«, sagt die Wasserspringerin, die 2019 ihren persönlichen »Bann« brach.

Damals gewann Punzel im südkoreanischen Gwangju im Mixed-Synchronspringen vom Drei-Meter-Brett gemeinsam mit Lou Massenberg WM-Bronze – und heute rekapituliert sie: »Vorher kam ich immer von Weltmeisterschaften zurück und dachte: ›Hm, was war denn jetzt schon wieder los?‹«

Ihre ersten Titelkämpfe erlebte Punzel, die in Budapest ihre sechste WM bestreitet, 2011 in Shanghai. »Für mich war das alles total aufregend. Ich war das Küken im Team, alle haben sich um mich gekümmert«, erzählt sie. Sehr schön sei das gewesen, denn: »Es ging nicht darum, dass ich eine Medaille holen muss.« Das habe sich inzwischen etwas verändert. »Es ist«, erklärt Punzel, »ein anderes Herangehen – auch wenn ich das für mich gar nicht immer so wahrhaben möchte.«

Ihre Rolle als Team-Oldie füllt die gebürtige Dresdnerin nun allerdings schon seit geraumer Zeit aus. Nach den Olympischen Spielen in Tokio sei sie »einfach satt« gewesen, wusste gar nicht, ob sie überhaupt wieder zum Wasserspringen zurückkehren würde. Nun ist sie zurück und will ihre Erfahrung an die jüngeren Kolleginnen weitergeben. »Damit«, betont Tina Punzel, »nicht jede so lange braucht wie ich, um mal in ein WM-Finale zu kommen.«

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