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Deutschester sein

Plattenbau. Die CD der Woche: »Heute hier, morgen deutsch« von Ezé

  • Von Victor Efevberha
  • Lesedauer: 3 Min.
»Ich fürchte mich nicht, Dresden ich liebe dich«: Ezé ist dort »daheeme«
»Ich fürchte mich nicht, Dresden ich liebe dich«: Ezé ist dort »daheeme«

Ezé ist der Allrounder aus Burkina Faso, der mittlerweile in Dresden »daheeme« ist. Jetzt veröffentlicht er »Heute hier, morgen deutsch«, sein zweites Studioalbum. Es ist ein ganz persönlicher Entwurf von dem, was Ezé Wendtoin unter Deutschsein versteht. Mit Musik, Dichtkunst, Tanz und Sprachwitz feiert er seinen Migrationsvordergrund und lässt das Deutschsein migrantisch werden. Seine Leidenschaft für die deutsche Sprache entwickelte der Kosmopolit, der neben Deutsch auch Französisch und seine Muttersprache Moreé spricht, bereits während der Schulzeit in Burkina Faso, wo Deutsch Unterrichtsfach war. Schon nach seiner ersten Deutschstunde war der junge Ezé »megabegeistert«, wie er sagt. Und zwar derart, dass er nach der Schule ein Germanistikstudium in der Hauptstadt Ouagadougou aufnahm und für den Master dann nach Dresden zog, das er sein zweites Zuhause nennt.

Außerhalb von Burkina Faso begann seine musikalische Reise in Frankreich, wo er kleine Konzerte spielte. Später tourt er durch Deutschland und singt in der Sprache, die er liebt. Regelmäßig covert er Songs von Reinhard Mey, Hannes Wader oder Konstantin Wecker. Vor allem seine Interpretation des Wecker-Songs »Sage Nein« verschaffte Ezé erstmals so etwas wie Bekanntheit. Das lag auch an der Videoauskopplung mit einiger Star-Power: Seine Gäste im Video waren die Schauspieler*innen Franziska Weisz, Frederic Lau und die Entertainer Atze Schröder und Micky Beisenherz. Der Song ist ein klares Statement gegen Rassismus. Dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch Ezés Werk. »Dresden Daheeme« ist ein Liebeslied für seine zweite Heimat, aber auch eine Anspielung darauf, dass es für Menschen wie Ezé nicht immer ein »Safe Space« ist: »Ich fürchte mich nicht, Dresden ich liebe dich.«

In »Grammatische Deutschheit« stellt er die Frage, was es überhaupt bedeutet »deutsch« zu sein. Er sendet auch eine Botschaft an jene, die davon ein rückständiges Verständnis haben: »Ich werde afrikanisch sein, auch wenn ihr mich deutsch haben wollt, und werde trotzdem deutsch sein, auch wenn euch meine Schwärze nicht passt.« Er hat eine Vorliebe für die Umdichtung deutscher Lyrik: »Jetzt wettdeutschen sie, deutschend in grammatikalischer Deutschheit.« Es gibt auch eine eigene Version eines Zitats des Dichters Friedrich Rückert, der von sich behauptete: »Ich bin deutscher als deutsch«, und die geht so: »Ich deutscherer« bzw. »Deutschester bin ich«, also: »Ich bin der Deutschereste oder der Deutschestere.«

Sein Album ist ein buntes Auf und Ab, laut und leise, mal gelassen, mal kritisch, mal mit Witz und Ironie, mal elektronisch oder mit percussiven westafrikanischen Instrumenten wie der Tama oder mit der wunderbar singende Flöte. Die Texte haben viele persönliche Elemente, abseits gesellschaftlicher Konfliktlinien wie Rassismus oder kultureller Identität. Zur Ngoni, einem burkinischen Saiteninstrument, erzählt er von der brutalen Trennung von seinem Vater. In Anlehnung an den Queen-Klassiker »Bicycle Race« besingt er in »Fahrrad fahr’n« die positiven Gefühle, die er entwickelt, wenn er auf dem Zweirad durch seine Stadt fährt, auf einem modernen Afrotrap Beat.

Ezé ist ein Brückenbauer zwischen Westafrika und Westeuropa. Er sprengt sprachliche und musikalische Grenzen, um danach eine neue harmonische Ordnung zu schaffen.

Ezé: »Heute hier, morgen deutsch« (Trikont)

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