»Niemand fragt nach unseren Interessen«

Die Schülerin Jona Dörr über Kritik am sozialen Pflichtjahr, das Verhältnis ihrer Generation zur Politik und das Aufwachsen in der Pandemie

  • Von Joel Schmidt
  • Lesedauer: 7 Min.
Soziales Pflichtjahr: »Niemand fragt nach unseren Interessen«

Sie machen im nächsten Jahr Ihr Abitur. Schon Pläne, wie es danach weitergeht?

Ja, ich möchte verschiedene Praktika machen. Eins davon mache ich zum Beispiel bei einem Bundestagsabgeordneten. Und danach möchte ich studieren, wahrscheinlich Politikwissenschaften oder Geschichte.

Das heißt, Sie machen kein Freiwilliges Soziales Jahr?

Zumindest kein ganzes Jahr, bei dem ich mich auf eine Sache festlegen müsste. Ich möchte lieber Praktika in verschiedenen sozialen Einrichtungen machen; etwa Jugendlichen historisches Wissen vermitteln. Oder auch in einer Gedenkstätte arbeiten.

In Ihrem offenen Brief an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kritisieren Sie seinen Vorschlag eines verpflichtenden sozialen Jahres. Was ist so verwerflich an einem einjährigen Engagement für die Gesellschaft?

Da ist an und für sich überhaupt nichts Verwerfliches dran. Ich möchte nur nicht, dass man mir das aufzwingt, sondern möchte selber entscheiden, was ich mit meiner Zukunft mache.

Ist das Ihre einzige Kritik?

Nein, nicht nur. Nehmen wir nur mal das Beispiel Pflegenotstand. Da müssten doch eigentlich Anreize geschaffen werden, dass mehr Pfleger*innen in diesem Beruf arbeiten wollen. Es geht doch nicht, dass einfach jeder nach dem Schulabschluss gesagt bekommt: »So, ihr geht jetzt verpflichtend für ein Jahr in die Pflege, weil da die Leute fehlen.« Das ist ja auch eine ethische Frage, ob man Jugendliche – ohne jegliche Ausbildung im Pflegebereich – wirklich auf kranke Menschen loslassen sollte. Wenn ich in einem Krankenhaus liege, möchte ich doch auch nicht von jemandem behandelt werden, der dafür gar keine Ausbildung hat, sondern dazu verpflichtet ist und vielleicht gar keinen Bock auf die Tätigkeit hat.

Dem Bundespräsidenten zufolge lernen junge Menschen durch solch ein Jahr, über den Tellerrand hinauszuschauen und Verständnis für andere Lebensentwürfe und Meinungen zu entwickeln. Was halten Sie davon?

Ich bin immer dafür, dass man aus der eigenen Bubble herauskommt. Aber ich frage mich: Warum müssen denn nur wir Jugendlichen das machen? Das können doch auch alle machen. Warum denn nur wir? Wir sammeln doch schon überall Erfahrungen. Indem wir uns ehrenamtlich, politisch oder im Sozialen engagieren. Auch lernen wir schon vieles über Social Media, wo andere andauernd ihre Erfahrungen und Meinungen teilen. Dadurch nehmen wir immer schon an einem Diskurs teil – ganz zu schweigen davon, dass wir ja auch untereinander einfach sehr viel reden.

Laut Bundesinnenministerium betätigen sich bereits 30 Millionen Menschen ehrenamtlich. Sie sagen, viele, die wollen, können sich gar nicht engagieren. Warum nicht?

Das liegt zum einen am Geldbeutel der Eltern. Viele Jugendliche können sich in keinem Verein anmelden, weil ihre Eltern das Geld dafür einfach nicht haben. Bei Freiwilligendiensten müssen wiederum auch die Arbeitszeit und die Vergütung stimmen. Es kann nicht sein, dass man nur ein Taschengeld oder – wenn überhaupt – nur den Mindestlohn kriegt. Auch müsste man noch viel mehr Stellen schaffen. Es gibt derzeit einfach mehr Interessierte als Plätze für ein Freiwilliges Soziales Jahr oder den Bundesfreiwilligendienst. Ich selber habe zum Beispiel viel mehr Motivation, mich auf eine Stelle zu bewerben, wenn ich weiß, dass es mehrere Möglichkeiten zur Auswahl gibt, und ich nicht bangen muss, ob ich den Platz auch wirklich kriege.

Wieso kommt Herr Steinmeier jetzt mit dem Vorschlag eines sozialen Pflichtjahres um die Ecke, statt bereits existierende Angebote auszubauen?

Ich weiß es nicht. Also, ich sag jetzt mal ganz frech: Vielleicht weiß er es nicht und redet nicht mit Jugendlichen, die sich schon ehrenamtlich engagieren, wie die das so finden.

Hat Sie denn schon ein Brief aus Schloss Bellevue erreicht?

Nein, ich hab dem Bundespräsidenten meinen offenen Brief zwar geschickt. Aber es kam noch keine Antwort.

Gibt es etwas, das Sie Herrn Steinmeier gerne persönlich sagen würden?

Dass wir Jugendlichen uns freuen würden, mit ihm in einen Dialog zu treten. Er soll wissen, dass wir nicht länger wollen, dass über unsere Köpfe und unser Leben hinweg entschieden wird. Das war in den letzten zwei Jahren schon der Fall. Jetzt wollen wir, dass man uns zuhört!

Sie sind gerade 17 Jahre alt geworden. Wie fühlt es sich an, in einer globalen Pandemie aufzuwachsen?

Nicht nur mir, sondern einer ganzen Generation fehlen jetzt einfach zwei Jahre. Bei uns in der Schule sind so viele Klassenfahrten und Aktionen abgesagt worden. Und auch das ganze Teenagerleben fehlt uns ja auch. Also sich mit Freunden treffen, auf Partys gehen oder einfach das Leben genießen. Das ging halt nicht, weil man immer Angst hatte, jemanden anzustecken. Bei der ganzen Corona-Politik hat uns einfach keiner gefragt, wie es uns geht, wie wir mit der ganzen Situation umgehen. Auch in der Schule nicht. Ich kenne viele aus meiner Klasse, die sind in der Zeit in ein richtig tiefes Loch gefallen, die hatten dann Depressionen.

Laut Ergebnissen der »Stern«-Jugendstudie haben über die Hälfte der befragten 15- bis 19-Jährigen kein Vertrauen mehr in die Politik. Wie ließe sich dieses zurückgewinnen?

Durch mehr Jugendbeteiligung. Niemand fragt, was unsere Interessen sind. Es gibt ja auch so Bürgerforen, wo Bürger*innen aus dem ganzen Land ausgelost werden, um mit Politiker*innen in Austausch zu treten. Dieses Format sollte es auch für junge Menschen geben, damit die Politik erfährt, was deren Bedürfnisse sind und was dafür geändert werden muss.

Sie gehören zur sogenannten Generation Z. Welches Vorurteil können Sie nicht mehr hören?

Dass wir gar nicht politisch interessiert sind. Das stimmt überhaupt nicht. Dafür muss man ja nicht gleich in die Politik gehen. Man kann sich auch schon durch das Unterschreiben von Petitionen oder die Teilnahme an Demonstrationen engagieren. Oder einfach politische Bücher lesen und mit anderen darüber reden. Das ist eigentlich das größte Vorurteil, dass meiner Generation vorgehalten wird, wir würden uns nicht für Politik interessieren.

In Ihrem offenen Brief schreiben Sie: »Für die heutigen Jugendlichen ist Krise das neue Normal.« Was meinen Sie damit?

Zum Beispiel den Umweltschutz. Wir gehen jetzt seit 2018 jeden Freitag auf die Straße, um für mehr Klimaschutz zu streiken. Der Klimawandel, mit dem wir tagtäglich konfrontiert sind, ist schon die Krise. Und dann kamen da noch die Corona-Pandemie und der Krieg gegen die Ukraine oben drauf …

Bei welchem Thema sehen Sie ansonsten dringenden Handlungsbedarf?

Bei der Bildung! Ich verstehe nicht, warum man 100 Milliarden für die Bundeswehr ausgibt und nichts für die Schulen übrig bleibt. Wir haben ein riesiges Bildungsdefizit – das ist nicht erst seit der Pandemie bekannt; den Lehrer*innenmangel gibt es schon seit etlichen Jahren. Und auch Gebäude müssen dringend saniert werden. In meiner alten Schule etwa waren die Klos kaputt, und es hat sogar ins Gebäude reingeregnet. Auch die ganze Technik funktioniert nur halb, ist nicht auf dem neuesten Stand oder nicht für alle Schüler*innen zugänglich.

Sie sind aktiv bei »Jugend wählt«, einer Initiative, die sich für das Wahlrecht ab 16 einsetzt, schreiben als Autorin für das Bundestagsportal mitmischen.de und beteiligen sich an dem Projekt Demo:create der Amadeu-Antonio-Stiftung. Bleibt neben der Schule überhaupt genügend Zeit für so viel ehrenamtliches Engagement?

An sich nicht, nein. Ich muss mir die Räume freischaufeln, damit ich überhaupt noch etwas machen kann. Dadurch, dass die meisten Gymnasien in acht Jahren den gesamten Stoff durchhaben müssen, haben wir einfach keine Zeit. Wir haben mehr Nachmittagsunterricht, mehr Hausaufgaben und mehr Stoff zu lernen. Eigentlich hat man dann nur nachts die Möglichkeit sich zu engagieren – aber irgendwann muss man ja auch schlafen. Im Grunde genommen leidet einfach immer irgendwas drunter, wenn man sich engagiert.

Anstelle eines sozialen Pflichtjahres plädieren Sie also für mehr Zeit, um sich engagieren zu können. Nur, wo soll diese herkommen?

Es wäre zum Beispiel eine Möglichkeit, G8 abzuschaffen, also das Abitur nach der zwölften Jahrgangsstufe, und wieder zum neunjährigen Modell zurückzukehren. Das würde weniger Druck in der Schule bedeuten und uns Schüler*innen Luft verschaffen, um sich nebenbei ehrenamtlich zu betätigen.

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