Reichlich Luft nach oben

Berliner Bündnis kritisiert mangelndes Engagement des Senats im Kitabereich

Vorzeigeprojekt: Bildungs-, Jugend- und Familiensenatorin Astrid-Sabine Busse (l.) und Berlins Regierende Franziska Giffey (beide SPD) im März beim Besuch einer von über 350 hauptstädtischen Sprach-Kitas
Vorzeigeprojekt: Bildungs-, Jugend- und Familiensenatorin Astrid-Sabine Busse (l.) und Berlins Regierende Franziska Giffey (beide SPD) im März beim Besuch einer von über 350 hauptstädtischen Sprach-Kitas

Überbordendes Lob klingt anders. »Die ganze Anstrengung im Bildungsbereich ging in die Wiedereinführung der Verbeamtung der Lehrkräfte an den Schulen. Da gab es wenig jenseits davon, und das merkt man im Kitabereich«, sagt Roland Kern vom Dachverband Berliner Kinder- und Schülerläden (Daks) zu »nd«.

Der Daks, in dem gut 700 kleine freie Träger mit rund 900 Kitas organisiert sind, ist zusammen mit mehreren größeren Verbänden und Trägern, den Kitaeigenbetrieben des Landes Berlin, dem Landeselternausschuss Kita und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Teil des Berliner Kitabündnisses. Und das hat jetzt – etwas mehr als sechs Monate nach dem von Rot-Grün-Rot auch in der Bildungs-, Jugend- und Familienpolitik ausgerufenen Neustart – in einem gemeinsamen Papier Zwischenbilanz gezogen. Das Fazit: wenig schmeichelhaft.

So sei »bisher nicht erkennbar«, was Berlin zu unternehmen gedenke, um, wie angekündigt, die Qualität der Betreuung und frühkindlichen Bildung in den Kitas zu verbessern. »Deutlichen Nachholbedarf« gebe es dabei »besonders beim Personalschlüssel für die Krippenkinder«. Hier sei noch ebenso »reichlich Luft nach oben« wie beim Ausbau und Erhalt von Kitaplätzen.

Der Handlungsbedarf ist hier unbestreitbar groß. Nicht zuletzt in mehreren Großwohnsiedlungen am Stadtrand sieht es bei den Reserven an Kitaplätzen düster aus, wie jüngst der Kitaförderatlas 2022 der Jugendverwaltung bestätigt hat (»nd« berichtete). »Das sind leider zugleich die Gebiete, wo wir sagen, da hätten es die Kinder am nötigsten, dass der Ausbau vorankommt«, sagt Roland Kern vom Daks.

Zwar wurde bei den Nachverhandlungen zum Doppelhaushalt 2022/2023 von Rot-Grün-Rot noch einmal zusätzliches Geld in den Kitaausbautopf gepackt. Statt der ursprünglich für beide Haushaltsjahre eingeplanten 56,5 Millionen Euro stehen hierfür nun 71,5 Millionen Euro zur Verfügung. Angesichts der Baukosten ist aber auch das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

»Da sind sich alle einig, dass sich hier tatsächlich nicht viel getan hat«, sagt Roland Kern. »Will man hier zu Preisen bauen, die realistisch sind, kommt man mit einem solchen Etat nicht weiter.« Aktuell werden für freie Träger Neu- und Erweiterungsbauten mit bis zu 30.000 Euro pro neu geschaffenem Kitaplatz vom Land bezuschusst. Zum Vergleich: Die landeseigenen Kitabetriebe kalkulieren inzwischen auch mal mit bis zu 55.000 Euro.

Noch kritischer sehe es beim Erhalt vorhandener Kitaplätze aus, sagt Dorothee Thielen, Kitareferentin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, der mit seinen über 120 Kitaträgern und 550 Einrichtungen ebenfalls Teil des Bündnisses ist. »Wir müssen Einrichtungen schließen, weil nicht genügend Gelder da sind, um sie sanieren zu können«, sagt Thielen zu »nd«. Hinzu kämen die exorbitant steigenden Gewerbemieten, die freien Trägern das Genick brechen könnten.

Zu all diesen Fragen höre man aus dem Haus von Jugend- und Familiensenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) wenig bis nichts. »Wir stellen in der Senatsverwaltung einfach eine gewisse Ideenlosigkeit fest«, so Thielen weiter. »Wie können wir die Kitateams besser unterstützen? Wie halten wir die Fachkräfte bei der Stange? Auch hierzu gibt es keinerlei von der Hausleitung ausgehende Initiative.«

Trotzdem sagt Roland Kern vom Daks: »Was die Kommunikation mit der Senatsverwaltung betrifft, kann ich jetzt erst mal nicht meckern.« Ende dieser Woche stehe etwa eine Gesprächsrunde mit Jugendstaatssekretär Aziz Bozkurt (SPD) an. Immerhin das.

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