Uniper gerät ins Wanken

Der erste Gasgroßhändler taumelt, Kunden droht ein Preisschock

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.
Der Uniper-Gasspeicher im bayerischen Bierwang ist derzeit mehr oder weniger halbvoll.
Der Uniper-Gasspeicher im bayerischen Bierwang ist derzeit mehr oder weniger halbvoll.

Der erste deutsche Energieriese taumelt. Mit dem Gasversorger Uniper gerät der größte europäische Kunde von Gazprom in akute Finanznot und ruft nach staatlicher Hilfe. Seit dem Wochenende verhandelt das Bundeswirtschaftsministerium von Robert Habeck (Grüne) mit dem Unternehmen über Stabilisierungsmaßnahmen.

Der finnische Mehrheitsaktionär Fortum sieht bei der Rettung seiner deutschen Tochtergesellschaft die Politik in der Pflicht. Nötig sei eine »nationale und industrieweite Anstrengung«, heißt es in einer Stellungnahme. Wie eine mögliche Unterstützung ausfallen könnte, dazu schweigen die Finnen. Aber es geht um Milliarden: Uniper habe einen von Fortum gewährten Kredit von acht Milliarden Euro bereits »teilweise« ausgenutzt, hieß es aus Espoo bei Helsinki nur.

Der Zwischenhändler Uniper erhalte seit Mitte Juni lediglich 40 Prozent der vertraglich zugesicherten Gasmengen aus Russland, hatte der Düsseldorfer Konzern vergangene Woche in einer Börsenpflichtmitteilung erklärt. Er kauft fehlende Gasmengen nun am deutlich teureren Spotmarkt, um seinen Kundenverpflichtungen nachkommen zu können. Was jedoch noch schlimmer ist für den Energiekonzern: Die reduzierten Liefermengen dürften bald nicht mehr ausreichen, um alle privaten und industriellen Kunden zu versorgen. Dabei ächzt nicht allein Uniper. Auch andere Zwischenhändler sind durch die Drosselung der Lieferungen vor allem über die Ostseepipeline Nord Stream 1 unter Druck geraten. Seit gut zwei Wochen liefert Russland deutlich weniger Gas nach Deutschland. Gazprom nennt dafür technische Gründe. Und in knapp zwei Wochen wird überhaupt kein Gas mehr fließen, weil die Leitung routinemäßig gewartet wird. Das dauert üblicherweise zehn Tage, könnte sich diesmal aber aus politischen Gründen länger hinziehen, wie die Bundesnetzagentur befürchtet.

Russland lieferte vergangenes Jahr rund die Hälfte des hierzulande verbrauchten Erdgases, vor allem über Nord Stream 1. »Sollten sich die Lieferungen nicht bald wieder normalisieren, werden die Erdgasspeicher die vor dem Winter vorgeschriebenen Füllstände kaum erreichen können«, warnt Chefvolkswirt Jörg Krämer von der Commerzbank. Sollten Rationierungen von Gas nötig werden, drohe ein Einbruch der Wirtschaftsleistung. Vor allem die chemische Industrie benötigt Erdgas für die Energieerzeugung sowie als Rohstoff für Arzneimittel, Kosmetikartikel und Kunststoffe.

Der Bekanntheitsgrad von Uniper dürfte nun rasant steigen. Denn das Unternehmen, in das Eon 2016 seine konventionelle Stromerzeugung auslagerte, ist ein Gigant der Energiewirtschaft, der international aktiv ist. Der Import von russischem Gas nach Deutschland ist nach Firmenangaben über »langfristige Lieferverträge« eigentlich abgesichert. Mit fünf Gas- und Kohlekraftwerken in Industrieregionen deckt Uniper auch rund fünf Prozent des russischen Strombedarfs ab. Die Düsseldorfer spielen zudem mit ihren neun unterirdischen Gasspeichern in Deutschland, Österreich und Großbritannien eine wichtige Rolle für die Energieversorgung im Winter.

Nun sei die Unsicherheit groß, ob auch Stadtwerke und kommunale Versorger in Not geraten könnten, sollte Uniper insolvent gehen, sagte Jens Südekum, Ökonom an der Universität Düsseldorf, der »Tagesschau«. »Dann wäre das natürlich so eine Art Lehman-Moment für den deutschen Gasmarkt«, vergleicht Südekum die jetzige Situation mit dem Beginn der Finanzkrise 2008, als die Pleite der US-Investmentbank Lehman letztlich die gesamte globale Finanzwelt ins Wanken brachte. In der Bundesrepublik werde es ohne Uniper nicht gehen, so Südekum.

Zugleich drohen weitere erhebliche finanzielle Belastungen für die deutschen Gas- und Stromverbraucher. Denn Uniper ist auch einer der größten Stromerzeuger der Welt, der mit seinen Kraftwerkskapazitäten von 33 Gigawatt rein rechnerisch ein Land wie Dänemark alleine versorgen könnte. Allerdings gewinnen Teile der Bundesregierung und manche Wirtschaftswissenschaftler hohen Preisen durchaus etwas Positives ab: Der Markt sende dadurch Anreize, mit Energie sparsamer umzugehen. Bislang können Versorger ihre höheren Einkaufspreise freilich nicht direkt an ihre Kunden weitergeben. Dafür müsste die Bundesnetzagentur eine »Gasmangellage« feststellen. Dann, so Uniper, »können die derzeitigen Belastungen teilweise weitergegeben werden« – sprich: Kunden und Bund sollen zahlen.

Die Bundesregierung hatte vor zwei Wochen für die Gasversorgung zwar die Alarmstufe ausgerufen. Sie verzichtete aber bislang darauf, die sogenannte Preisanpassungsklausel freizugeben. Diese würde es den Versorgern nach einem entsprechenden Bescheid der Bundesnetzagentur ermöglichen, die drastisch gestiegenen Gaspreise kurzfristig an die Kunden weiterzugeben.

Wenn alles gut läuft, könnte im Herbst der durch Einsparungen verringerte Bedarf gerade eben gedeckt werden, ohne dass weitergehende Eingriffe des Staates – also eine Rationierung – nötig werden. Zu diesem Schluss gelangt das Institut für Weltwirtschaft in Kiel in einer neuen Studie. Andere Experten sind da skeptisch. Betroffen von der Gaskrise sind nämlich auch andere europäische Länder: Fast die Hälfte des in Deutschland über Importe und eigene Förderung zur Verfügung stehenden Erdgases wird wieder exportiert. Und diese Ausfuhren kann die deutsche Regierung kaum steuern.

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