»Wir sind bereit, uns zu verteidigen«

Bedran Çiya Kurd, stellvertretender Vorsitzender der Selbstverwaltung in Syrien, im Gespräch

Bei Dadat nahe Manbidsch im Norden Syriens sammelten sich am 5. Juli syrische Söldner, die zusammen mit den türkischen Streitkräften erneut gegen die kurdischen Autonomieregionen vorgehen wollen.
Bei Dadat nahe Manbidsch im Norden Syriens sammelten sich am 5. Juli syrische Söldner, die zusammen mit den türkischen Streitkräften erneut gegen die kurdischen Autonomieregionen vorgehen wollen.

Was bedeuten die Zugeständnisse an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan im Zuge der Nato-Aufnahme von Schweden und Finnland, etwa die Auslieferung von Kurd*innen und weitere teils noch unbekannte Maßnahmen, für Rojava?

Sie sind ohne Zweifel den Maßstäben der Demokratie und den europäischen Werten nicht würdig. Sie stellen eine völlige Abkehr davon dar, die demokratischen Völker und ihre Bestrebungen in Nordsyrien und der Türkei zu unterstützen. Die Türkei spielt eine destruktive Rolle in der Region und der ganzen Welt. Jede Kooperation mit ihr führt zu mehr geopolitischer Instabilität. Kein Land, und insbesondere nicht die EU, sollte die Politik der Türkei gegenüber Nord- und Ostsyrien unterstützen, denn mit dieser Politik zielt Ankara auf Völkermord und ethnische Säuberungen. Es gibt Werte, die müssen bewahrt werden. Europa verkörpert sie heute und ist ein lebendiges Beispiel dafür. Es dürfte nicht im Interesse der Nato-Staaten liegen, ein Partner der türkischen Feindseligkeit gegenüber dem kurdischen Volk zu sein.

Was, vermuten Sie, wird passieren?

Die Türkei plant Völkermord, Vertreibung, ethnische Säuberung und Besetzung unter falschem Vorwand. Wir erwarten derzeit nichts Schlimmeres als das, was 2018 in Afrîn passiert ist: Tötungen, Zerstörungen und Vertreibungen. Dasselbe ist in den Städten Serêkaniyê/Ras Al-Ain und Girê Spî/Tel Abyad 2019 passiert, es wurden sogar Chemiewaffen eingesetzt. Dies ist die Strategie der Türkei, und sie erklärt sie öffentlich, vor den Augen der Welt.

Haben Sie Sorgen vor einer Invasion?

Natürlich. Eine Invasion würde große negative Auswirkungen auf die Stabilität unserer Region haben. Sie würde zur Rückkehr der Terrormilizen des Islamischen Staates führen, ethnische Konflikte verstärken und Hunderttausende Menschen zur Flucht zwingen. Die Gefahr, die von den Tausenden IS-Kämpfern ausgeht, die in den Gefängnissen der Selbstverwaltung nur auf eine Möglichkeit der Flucht warten, ist riesig. Wenn sie durch eine türkische Invasion freikommen, werden sie nicht an der syrischen Grenze halt machen, sondern versuchen, nach Europa zu kommen. Wir müssen bedenken, dass die Argumente der Türkei fadenscheinig sind und ihr Projekt die Besetzung und Teilung Syriens sowie unserer Regionen ist. Damit will Ankara Konflikte schüren und systematisch Chaos schaffen.

Wie bereiten Sie sich auf die eventuelle Invasion vor?

Wir leben bereits jetzt mit der Bedrohung, weil die Türkei keine andere Sprache als diese hat. Aber wir sind bereit, unsere Regionen zu verteidigen und die verschiedenen Teile unseres Volkes zu vereinen. Weil uns die Option des Krieges aufgezwungen wird, bleibt uns nichts anderes als der Widerstand. Wir werden auf dieselbe Art kämpfen, mit der wir den Islamischen Staat besiegt haben. Das Wichtigste ist unser Volk und sein Widerstand, der es während der gesamten Zeit der Revolution in Nord- und Ostsyrien bis heute ausgezeichnet hat.

Welche Auswirkungen haben Erdogans Machenschaften auf den sogenannten Islamischen Staat IS?

Jeder türkische Angriff ist eine direkte Unterstützung des IS. So passierte es auch 2019 während des türkischen Angriffs auf Serêkaniyê/Ras al-Ain und Girê Spî/Tel Abyad. Die Freie Syrische Armee war dadurch gezwungen, ihren Fokus auf die Abwehr des türkischen Angriffs zu legen, damit wurde ein Vakuum für den IS geschaffen. So untergraben die türkischen Angriffe die Bemühungen der internationalen Anti-IS-Koalition und geben dem IS die Möglichkeit, wieder zu erstarken.

Was würden Sie sich von der internationalen Politik wünschen? Was bräuchten Sie vor Ort?

Wir fordern, dass die internationale Gemeinschaft ihre Verantwortung gegenüber unseren Regionen wahrnimmt. Wir haben heute etwa fünf Millionen Menschen, die unter einer sich verschlechternden Situation infolge der türkischen Bedrohung leiden. Die internationale Gemeinschaft muss beweisen, dass sie in der Lage ist, ihrer Verantwortung gerecht zu werden, sonst ist ihr Schweigen eine verschleierte Unterstützung der türkischen Völkermordkampagne gegen uns.

Werden die Leute in Rojava zu wenig gehört? Und wenn ja: Was sollte international mehr Aufmerksamkeit finden?

Wir hoffen, dass die internationale Gemeinschaft ihre Verantwortung nicht aussitzt, denn das wäre eine Schande. Gleichzeitig möchten wir, dass alle demokratischen, menschenrechtlichen und zivilgesellschaftlichen Kräfte anerkennen, was unser Volk zur Verteidigung der Welt und der demokratischen Werte getan hat, als es den IS besiegt hat. Jetzt ist es an der Zeit, uns ernsthaft zur Seite zu stehen, denn die Bevölkerung in Nord- und Ostsyrien hat große Opfer gebracht. Die Welt wird ihr noch in Hunderten Jahren zu Dank verpflichtet sein.

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