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»Wir hatten Tourismus nicht nötig«

Andros, die zweitgrößte Insel der Kykladen, ist noch immer ein echter Geheimtipp

Andros: Nur zwei Stunden von Athen entfernt, doch noch immer ein Geheimtipp.
Andros: Nur zwei Stunden von Athen entfernt, doch noch immer ein Geheimtipp.

So mancher Besucher der faszinierenden Tempelanlagen der Akropolis und der pittoresken, anmutigen Inseln Santorini, Kreta oder Mykonos sehnt sich nach den imposanten, aber oft auch sehr belebten Highlights nach einem ruhigen Platz, an dem sich die vielfältigen Impressionen verdauen, die Unmenge an Fotos sortieren und die Authentizität und Ausgeglichenheit des griechischen Alltags erleben lassen. Da kommt es äußerst gelegen, dass die Insel Andros nur zwei Fährstunden vom Athen vorgelagerten Hafen Rafina entfernt liegt. Mit gerade einmal 6500 Einwohnern bietet die zweitgrößte Insel der Kykladen reichlich Platz und Muße für Erholung und Aktivtourismus.

Entspannte Ruhe erwartet den Besucher auf dem zentralen Platz der Inselhauptstadt Chora. Ein paar Katzen räkeln sich in der Sonne, zwei Taxifahrer vertreiben sich die Wartezeit bei einem Kaffee freddo, und ein Kind schaukelt in einem Spielzeugauto hin und her. Auch auf der für Fußgänger reservierten, marmorgepflasterten und von leuchtenden Bougainvilleas eingerahmten Hauptstraße hinunter zum Maritimen Museum trifft man hauptsächlich auf Einheimische, die statt Social Media einen Plausch in den gemütlichen Straßencafés vorziehen. Hellwach wird man erst nach einer Kletterpartie über die Reste einer venezianischen Steinbrücke zu einer vorgelagerten Insel. Ein Blumenmeer aus rotem Mohn, weißgelben Margeriten, gelben und pinken Mittagsblumen sowie violetten Stranddisteln erfreut das Auge – und blickt man hinüber zur Stadtspitze, zum alten Hafen und den angrenzenden Stränden, hinter denen die Berge aufragen, wird einem erst richtig bewusst, welche landschaftliche Schönheit diese Insel zu bieten hat.

»Lange Zeit zeigte man auf Andros kein Interesse am Tourismus«, berichtet Antonis Papadopoulos bei einem Kaffee im Fresco auf der Hauptstraße. 37 Jahre war er als Kapitän auf den Weltmeeren unterwegs, kämpfte im Pazifik mit 15 Meter hohen Wellen, so, wie 400 Freunde und Bekannte, die wie er die Nautische Schule auf der Insel absolviert hatten. »Wir verdienten gut, hatten Tourismus nicht nötig und da wir lange entfernt der Heimat schipperten, war es uns wichtig, unsere Frauen und Kinder in Ruhe und Sicherheit zu wissen. Kinder und Enkel denken jetzt anders«, resümiert der Ex-Kapitän. Heute üben nur noch etwa 100 Inselbewohner den harten Job als Kapitän aus, die jungen Leute finden nach ihrem Studium oft Arbeit in Athen. Einige der neoklassizistischen Kapitäns- und Reedervillen wurden in Touristenappartements umgewandelt, kleine Hotels entstanden, die sich in die bestehende Substanz eingliedern. Bettenburgen gibt es auf Andros trotz der etwa 70 einladenden Sand- und Kieselstrände nicht.

»Im Juli und August verbringen viele Athener Familien ihren Urlaub auf Andros«, sagt der stellvertretende Bürgermeister Nicholas Moustakas im angesagten Badeort Batsi. »87 Prozent der Gäste kommen in der Hochsaison aus Griechenland. Doch eigentlich kann man die schönste Zeit mit angenehmen Temperaturen in der Nebensaison im Frühjahr und im Herbst auf unserer Insel verbringen. Über 150 Kilometer gut markierter Wanderwege über Bergkämme, durch üppig grüne Täler mit Wasserfällen, Quellen und Bächen, entlang alter Mühlen und Klöster machen Andros zu einem Paradies für Wanderer und Aktivreisende und die seicht abfallenden Strände laden von Mai bis Ende September zum Baden ein.«

Während man anderenorts zuweilen der Touristenmassen überdrüssig ist, trifft man auf Andros auf ehrliche Gastfreundschaft und es fällt nicht schwer, mit den Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Einer von ihnen, der sich bei einem Sonntagsspaziergang vor dem Denkmal des unbekannten Seemannes eine frische Brise um den Kopf wehen lässt, ist Leonidas Trantafillakis, der 15 Jahre als Schiffsingenieur auf See verbracht hat. In seinem kleinen Haus in Apikia erzählt er Tags darauf von der Sehnsucht nach der Heimat während der langen Fahrten. Das Singen von Volksliedern brachte Trost. Heute baut Leonidas traditionelle Violinen und andere Musikinstrumente, spielt als Mitglied einer vierköpfigen Musikergruppe auf Volksfesten oder religiösen und Familienfeiern. Als zweites Ruhestands-Standbein kultiviert er mit seiner Frau Dimitra Obst und Gemüse im Garten und ist besonders auf einen tausendjährigen Olivenbaum stolz. Nach einem selbstgemachten Raki schickt er seine neuen Freunde aus Deutschland mit ein paar großen Pomeranzen aus dem Garten im Gepäck auf seinen Lieblingswanderweg.

Anders als die meisten Kykladeninseln verfügt Andros über reichlich Wasser, und so führt auch dieser Wanderpfad im Schatten von Olivenbäumen und Platanen an einem Wildbach entlang zu einem Wasserfall, dem Pithara. Unterwegs grasen Schafe auf saftigen Wiesenstücken, Bauern ernten aromatische Erdbeeren, Tomaten und Gurken und gewähren den Vorbeiziehenden gern eine Kostprobe. Das Aroma von Thymian liegt in der Luft und die bunten Blumen machen die Wanderung zu einer Genusstour. Auf dem Rückweg lohnt ein Stopp am Gialia Restaurant am gleichnamigen kleinen Strand. Hier servieren Lila Polemi und ihr Sohn Nikos köstliche Fischgerichte. Auch Lila war Kapitänsfrau und musste mehrfach um das Leben ihres Gatten bangen. »Als die Amerikaner den Irak angriffen, lud er gerade Öl und rund um ihn explodierten Bomben«, beschreibt sie eine ihrer schwersten Stunden. Andererseits reichten die Ersparnisse aus dem gefährlichen Job für das Restaurant, ohne das sie sich Ihr Leben nicht mehr vorstellen möchte.

Ähnlich ergeht es Elena Zacharioudaki, die vor acht Jahren ihre Anstellung als Lehrerin aufgab, um in Korthi ein Restaurant zu eröffnen, in dem sie das Kochen vom Hobby zum Beruf entwickeln konnte. »Unsere grüne Insel bringt eine ausgezeichnete Fleisch- und Gemüsequalität hervor«, schwärmt sie. Viele Gewürzkräuter wachsen rund um den kleinen Ort herum. Die beiden Corona-Jahre brachten auch für sie dramatische Einbußen, doch noch mehr fürchtet sie die aktuelle hohe Inflation.

Es sind Begegnungen wie diese, die einen Aufenthalt auf Andros nicht nur zu einem tollen Bade- und Wandererlebnis werden lassen. Mit der von den Menschen entgegengebrachten Offenheit und Gastfreundschaft fühlt man sich hier besonders willkommen.

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