Wie man sich in der Armut einrichtet

Aktuelle Studie zeigt, dass bisherige Entlastungspakete der Bundesregierung längst nicht ausreichen

»Die Gedanken der Menschen kreisen nur noch ums Geld. Alles, was man plant, wird mit Geld verrechnet. Es ist eine psychologische Bürde«, beschreibt Helga Röller die Probleme von Menschen mit geringem Einkommen, die sie ehrenamtlich so gut es geht unterstützt. Röller ist selbst arm und engagiert sich für Menschen mit Armutserfahrung. Sie sei von Jugend an ein Mensch, der die Sachen anspricht, statt ihnen aus dem Weg zu gehen, sagt sie. Das unterscheide sie von vielen Erwerbslosen und armen Rentner*innen, die ihre Armut verheimlichen, weil sie sich dafür schämten. In diesem Sinne spricht man von verdeckter Armut, die zu den ohnehin frappierenden offiziellen Armutsstatistiken noch hinzugerechnet werden müsste.

Röller war am Mittwoch auf das Podium des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) geladen, um über ihre und die Erfahrungen anderer armer Menschen zu berichten. Anlass war die Vorstellung einer aktuellen Studie des DIW für die Diakonie Deutschland, welche die tatsächliche »Belastung einkommensschwacher Haushalte durch die steigende Inflation« ermittelt hat. Dementsprechend waren auf dem Podium auch Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlin, und Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, vertreten. Zwischen dem selbst sehr gut verdienenden Ökonomen Fratzscher und dem finanziell ebenfalls nicht knappen ehemaligen Pastor Lilie war Röller auf dem Podium also die Rolle der einzigen Betroffenen zugedacht.

Die Studie selbst hebt hervor, dass die bisherigen Entlastungspakete der Bundesregierung den enormen Preisdruck zwar etwas auffingen, aber längst nicht ausreichten. Dabei litten einkommensarme Haushalte überproportional stark unter der rasanten Teuerung, was in vielen Fällen zu existenzbedrohenden Krisen führe. Konkret belaste die hohe Inflation die zehn Prozent der Haushalte mit den niedrigsten Nettoeinkommen weitaus stärker als deren reichste zehn Prozent. »Bei einer von der Bundesbank prognostizierten Inflation von jahresdurchschnittlich 7,1 Prozent werden die armen Haushalte im Jahr 2022 gemessen an ihrem Nettoeinkommen eine Mehrbelastung von 5,3 Prozent erfahren«, heißt es in dem Papier.

Mit steigendem Einkommen nehme die relative Mehrbelastung tendenziell ab. Für die reichen Haushalte liege sie lediglich bei 1,1 Prozent des Einkommens. »Gründe hierfür sind, dass vor allem die Preise für Güter des Grundbedarfs stark gestiegen sind, die bei den unteren Einkommen einen deutlich größeren Anteil ihres Konsums ausmachen als bei den einkommensstärksten Haushalten«, so die Studienautor*innen. Das bestätigt auch Helga Röller vor Ort: »Der Mangel ist groß«, macht sie deutlich. Und fügt hinzu: »Auf viele Dinge, die ich früher selbstverständlich konsumierte, verzichte ich jetzt.« Es fällt auf, dass sie das so formuliert, als wäre es ihre bewusste Entscheidung, nun auf vieles zu verzichten.

Das honoriert auf dem Podium dann auch Diakoniepräsident Lilie. »Wir haben bis jetzt noch einen relativen sozialen Ausgleich in Deutschland«, sagt er. Um dann aber doch vor einer »drohenden sozialen Explosion« zu warnen. Doch auch dabei stellt er das Lächeln nicht ab, das er die ganze Zeit im Gesicht trägt. Auch DIW-Präsident Fratzscher lächelt merkwürdigerweise, als er konstatiert: »Bei den bisherigen Entlastungspaketen wird zu viel nach dem Gießkannenprinzip ausgeschüttet.« Die einzige, die auf dem Podium nicht lacht, ist Helga Röller. Sie blickt ernst und nervös in die Runde.

Der konkrete Vorschlag der Studie für eine effektivere Hilfe vor allem für die ärmsten Haushalte ist eine Auszahlung von monatlich 100 Euro für ein halbes Jahr. »Im Gegensatz zu den Entlastungspaketen der Bundesregierung würde das gezielt wirken«, heißt es in dem Papier.

Unterdessen klagen die Sozialverbände SoVD und VdK für eine stärkere Erhöhung der Sätze bei Hartz IV und Grundsicherung im Alter. Die beiden Verbände kündigten am Donnerstag an, in Musterstreitverfahren bis vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen. Mit der sehr geringen Anhebung der Sätze in diesem Jahr verstoße die Regierung »gegen ihren verfassungsmäßigen Auftrag, das Existenzminimum zeitnah sicherzustellen«, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung. Die Sätze waren zu Jahresbeginn um drei Euro – für Kinder um zwei Euro – angehoben worden.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal