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»Wir alle sind Teil dieses Krieges«

Weil er angesichts des Krieges auf der Suche nach einem neuen Sinn für seine Arbeit war, fuhr Ostkreuz-Fotograf Sebastian Wells in die Ukraine – entstanden ist dort das aufregende Magazin-Projekt »Solomiya«

  • Frank Schirrmeister
  • Lesedauer: 4 Min.
32 junge Menschen fotografierten Vsevolod Kazarin und Sebastian Wells auf den Straßen Kiews. Entstanden ist ein Generationenporträt zwischen Krieg, Sirenengeheul und einem Alltag, der seine Leichtigkeit und Unschuld verloren hat.
32 junge Menschen fotografierten Vsevolod Kazarin und Sebastian Wells auf den Straßen Kiews. Entstanden ist ein Generationenporträt zwischen Krieg, Sirenengeheul und einem Alltag, der seine Leichtigkeit und Unschuld verloren hat.

Wir erreichen Sebastian Wells auf dem renommierten Fotofestival Rencontres de la Photographie im französischen Arles, wo er eine Ausstellung vorbereitet und das Magazin vorstellt, um das es hier geht.

Von der Agentur Ostkreuz sind bereits zwei Fotografinnen in der Ukraine unterwegs, um vom Krieg zu berichten. Was hat dich getrieben, auch dorthin zu reisen? War das Magazin-Projekt der Anlass oder hat sich das dort erst ergeben?

Das hat dort begonnen. Ich bin nach Kiew gefahren, um gewissermaßen wieder einen Sinn zu finden in dem, was ich tue oder fotografiere. Im letzten Jahr habe ich in Gent an der Kunstakademie studiert und dadurch ein bisschen den Kontakt zur praktischen Fotografie verloren. Richtig fotografiert habe ich zuletzt im Februar bei den Olympischen Spielen in Peking. Dort habe ich bei der Eröffnungsfeier noch Putin neben seinem Freund, dem chinesischen Staatschef Xi Jinping, stehen sehen. Und kaum war ich zurück, begann der Krieg gegen die Ukraine. Das alles hat mich ziemlich verunsichert. Ich saß in irgendwelchen Cafés in Belgien und dachte darüber nach, was ich in dieser völlig veränderten Weltlage jetzt anfangen oder fotografieren soll, was meine Rolle ist. Ich habe ja schon einige Krisen fotografiert, so die Studentenproteste in Hongkong vor einigen Jahren oder das Flüchtlingslager Moria. Aber das war letztlich mental alles weit weg – der jetzige Krieg fühlt sich anders an. Er ist nicht etwas, wo ich mal hinfahre, tolle Bilder mache und mich dann wieder verabschiede. Wir alle sind Teil dieses Krieges, nicht zuletzt als Bürger eines Landes, das de facto Kriegspartei ist.

Trotzdem würde ich nicht auf die Idee kommen, jetzt in die Ukraine zu fahren.

Ich wusste auch nicht, was ich da will; aber ich wusste ebenso wenig, was ich in Belgien soll und was meine Aufgabe sein könnte. Und so bin ich eben hingefahren, ohne irgendein Ziel zu haben, bin in Warschau in den Zug nach Kiew gestiegen und hatte dann erst mal zwei Tage, an denen ich überhaupt nicht wusste, was ich in Kiew machen sollte. Bis ich dann einen jungen einheimischen Fotografen, Vsevolod Kazarin, getroffen habe, der gerade erst seinen Bachelor gemacht hatte und gerade anfängt, sich in der Fashion-Fotografie einen Namen zu machen. Der war nun praktisch arbeitslos und wusste auch nicht mehr, was er mit sich anfangen sollte. Wir haben uns zufällig im richtigen Moment getroffen und waren vereint in unserer Unsicherheit, was unsere Fotografie betrifft. Ziemlich schnell kamen wir dann an einen Punkt, wo wir gesagt haben: Wir fangen jetzt einfach an und machen ein Projekt von, mit und über junge Menschen in der Ukraine. Am Ende ist dann dieses Magazin dabei herausgekommen.

Wie habt ihr dabei die verschiedenen Künstler gefunden?

Wir haben erst mal angefangen, Porträts von Kiewer Jugendlichen zu machen. Anfangs schwebten uns große Poster vor, die im Stadtgebiet hängen sollten, ähnlich wie die Anti-Brexit-Kampagne des Fotografen Wolfgang Tillmans. Ich fand seine Art und Weise, als Künstler mit politischer Propaganda umzugehen, bereichernd und nachahmenswert. Das hat am Ende zwar nicht so gut geklappt, aber die Fotos hatten wir ja trotzdem. Irgendwie hat sich dann alles zusammengefügt. Für die Porträts haben wir relativ spontan Jugendliche auf den Straßen Kiews angesprochen. Eine von ihnen war Sonya. Wir kamen mit ihr ins Gespräch, fragten, was sie so macht, und es stellte sich heraus, dass sie Illustratorin ist. Nachdem sie uns einige ihrer Arbeiten gezeigt hatte, war sie Teil des Projekts. Andere Künstler und Redakteure haben wir über Instagram gefunden. So kam eines zum anderen.

Was und wen wollt ihr mit eurem Magazin erreichen?

In erster Linie diente das Projekt der Selbstvergewisserung junger ukrainischer Künstler, die ihre Sprachlosigkeit angesichts des täglichen Horrors überwinden wollten. Der Druck und der Wunsch, sich zu artikulieren, waren groß, und so ist das Magazin innerhalb von zwei Monaten praktisch aus dem Nichts und der Verzweiflung entstanden. Finanzielle Unterstützung, um die Druckkosten zu stemmen, gab es von der Berliner Akademie der Künste. Wir wollten eine Plattform für jene Generation von jungen, kreativen Stimmen sein, die in einer unabhängigen Ukraine aufgewachsen sind und jetzt einen hohen Preis dafür bezahlen, dass sie sich in Richtung einer europäischen Integration orientiert haben. Insgesamt soll das Heft die Erfahrung einer ganzen Generation widerspiegeln, für die der Krieg eine Zäsur bedeutet, dessen schmerzhafte Konsequenzen sie lebenslang prägen werden. Wir sehen Bilder der Zerstörung, aber auch Gesichter des Widerstands, einiges von dem, was verloren gegangen ist, aber auch das, was verteidigt werden muss. Nicht zuletzt sind einige vielversprechende ukrainische Künstlerinnen und Künstler zu entdecken. Zusammengenommen glauben wir, ein momentanes Lebensgefühl recht gut getroffen zu haben.

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