• Berlin
  • Rassistische Polizeigewalt

Rassismus in Uniform

»Sei keine Pussy, sei ein Mann«, soll ein Polizist zu Rafid Kabir gesagt haben, als er ihn zu Boden drückte

  • Von Louisa Theresa Braun
  • Lesedauer: 5 Min.
Auf der Straße und im Netz aktiv: der Antirassimus- und Klimaaktivist und Influencer Rafid Kabir
Auf der Straße und im Netz aktiv: der Antirassimus- und Klimaaktivist und Influencer Rafid Kabir

Es ist kurz nach Mitternacht, am 2. Juli, in der Skalitzer Straße in Kreuzberg. Auf der Suche nach einer Kneipe fällt vier jungen BIPoC (Schwarze, Indigene, nicht-weiße Menschen) und Klimaaktivist*innen eine Polizeikontrolle an einem Späti auf, in einer »dunklen Ecke«, wie Rafid Kabir später sagt. Es scheint ihnen, als würden dabei gezielt fünf Schwarze Menschen kontrolliert. Drei stehen an der Wand, zwei müssen sich sogar ausziehen, umringt von etwa zwei Dutzend Polizist*innen. Rafid Kabir und seine Freund*innen beobachten die Szene ein paar Minuten, ein Polizist weist sie an, zehn Meter Abstand zu halten. Die vier halten sich daran, aber überlegen, die Kontrolle, die sie als unverhältnismäßig und rassistisch wahrnehmen, per Video festzuhalten. Kabir holt gerade sein Handy heraus, als ein junger Polizist auf sie zukommt und sagt: »Stellt euch an die Wand.«

Kabir will wissen, warum und ruft nach Hilfe. »Darauf wurden zwei Polizisten sehr aggressiv und haben mich zu Boden gedrückt, mir das Handy aus der Hand geschlagen und meine Tasche auf meinem Rücken zerrissen«, berichtet er »nd«. Er habe ein Knie an seinem Hals, eines im Rücken gespürt und für einen kurzen Moment keine Luft mehr bekommen. Dann schlossen sich Handschellen um seine Handgelenke. Er weint, ein Polizist sagt: »Sei keine Pussy, sei ein Mann«, so erzählt es Rafid Kabir. »Ich habe mich sehr machtlos gefühlt und gedacht: Was man sich alles zutraut, wenn man eine Uniform trägt«, sagt der 19-jährige Klimaaktivist. Als er aufgehört hat, zu weinen, nach etwa fünf Minuten, wird er wieder aufgefordert, sich an die Wand zu stellen, zu seinen drei Freund*innen.

Ein Polizist nimmt von allen vieren die Handys an sich und fragt sie nach ihren Passwörtern. Kabirs Freund nennt einige falsche Passwörter, bis der Beamte ihn damit erpresst, dass er das Handy sonst nie wieder sehe. »Sehr bedrohlich« sei das gewesen, sagt Kabir, zumal ein anderer Polizist gute zehn Minuten seine Schulter an die Wand gedrückt habe, bis er von einem Kollegen dazu aufgefordert worden sei, ihn loszulassen. Ein anderer Freund habe eigentlich Probleme mit dem Rücken, und gerade an der Wand zu stehen, habe ihm Schmerzen bereitet. Schließlich rücken alle vier ihre Passwörter heraus, woraufhin der Beamte auf den Handys gespeicherte Videos löscht. Unter anderem habe einer der Freunde gefilmt, wie Rafid Kabir zu Boden gedrückt wurde – der Videobeweis sei nun weg.

Die Handys aber auch, denn die wurden von den Polizist*innen beschlagnahmt, bevor sie erst Kabirs drei Freund*innen in die eine, fünf Minuten später Kabir selbst in die andere Richtung gehen ließen. So war der junge Aktivist nach der gewaltvollen Erfahrung also allein, ohne Handy – in einer Großstadt, die er kaum kennt, denn eigentlich lebt Kabir in Wiesbaden. In Berlin war er als Mitglied der Grünen Jugend und als Aktivist von Fridays for Future. Beim Klimafestival Carbonale in der Malzfabrik in Schöneberg hat er zuvor eine Rede gehalten. An dem Abend wollte er mit seinen drei Freund*innen den Geburtstag des einen feiern. Doch die Polizei machte ihnen einen Strich durch die Rechnung.

Er sei »relativ traumatisiert von dem Ganzen« und versuche, das Geschehen zu verarbeiten, indem er an die Öffentlichkeit geht, sagt Kabir. Er ist nicht nur Klimaaktivist, sondern auch Influencer gegen Rassismus. Auf der Social-Media-Plattform Tik Tok folgen ihm etwa 30 000 Abonnent*innen. Unter anderem dort hat er ein Video geteilt, in dem er von der Polizeigewalt erzählt, die ihm widerfahren ist.

»Die Polizei Berlin nimmt derlei Vorwürfe sehr ernst«, teilt die erste Kriminalhauptkommissarin Anja Dierschke auf nd-Anfrage mit. Allerdings lägen »keine Hinweise auf ein derartiges Vorgehen während einer Polizeikontrolle« vor, heißt es weiter. Laut Polizei sei in jener Nacht in der Skalitzer Straße eine Person wegen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz kontrolliert worden. Eine Gruppe junger Erwachsener habe sich eigenständig in den Bereich der Maßnahme begeben und diese gefilmt. Auf Wunsch des tatverdächtigen Mannes hätten die Beamt*innen die jungen Menschen aufgefordert, das Filmen zu unterlassen. Dem seien sie nicht nachgekommen und daher ihre Handys beschlagnahmt worden.

Rafid Kabir betont jedoch, dass er und seine Freund*innen noch gar kein Video beginnen konnten, als er schon zu Boden gebracht worden sei. Von der Polizei heißt es, er habe versucht, sich der Maßnahme zu entziehen, um sich geschlagen und Widerstand geleistet. Daher musste »der 19-Jährige zu Boden gebracht und mittels unmittelbaren Zwangs fixiert werden«. Obwohl Kabir die Gewalt ausübenden Polizisten nicht angezeigt hat, habe man aufgrund seines Videos Strafermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Körperverletzung und Nötigung im Amt eingeleitet, so Anja Dierschke. Die Handys der Aktivist*innen seien aber nach wie vor bei der Polizei und würden ausgewertet.

Fridays for Future hat unterdessen erklärt, man müsse anerkennen, »dass wir keinerlei Infrastruktur, kein Unterstützungssystem und keinen Verhaltenskodex für Aktivist*innen bieten, die rassistischer Gewalt ausgesetzt sind«. Das müsse sich ändern. Es gehe darum, »als Klimabewegung etwas selbstkritischer zu sein«, sagt auch Kabir. Er kommt aus Bangladesh. »Mein Land ist am meisten von der Klimakrise betroffen«. Aber die hiesige Bewegung repräsentiere vor allem die weiße Mehrheitsgesellschaft. Deshalb habe er mit einigen Freund*innen bereits »BIPoC for Future« gegründet.

Beeinflusst haben Rafid Kabir, der vor sechs Jahren nach Deutschland gezogen ist, die Klima- und die Black-Lives-Matter-Bewegung. Nach dem Tod von George Floyd sei er den Grünen und der Grünen Jugend beigetreten. Die nun selbst erlebte Polizeigewalt werde seinen Aktivismus noch einmal verändern, sagt er: »Ich will mich dafür einsetzen, dass wir die Polizei neu aufstellen und mehr gegen Racial Profiling tun«, erklärt Kabir.

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