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Gewaltig was auf die Ohren

»Organ & Bikes« – eine Radtour von Orgel zu Orgel entlang des Elberadwegs zwischen Meißen und Altkötzschenbroda

Thorsten Göbel fährt im Anzug vorweg.
Thorsten Göbel fährt im Anzug vorweg.

Die blankpolierten schwarzen Lederschuhe mit dem erhöhten Absatz und das Tablet mit den Noten sind im Rucksack verstaut, der Fahrradhelm liegt griffbereit daneben. Thorsten Göbel ist zufrieden. Jeden Moment können seine Gäste den steilen Burgberg hinaufkommen. Mit ihnen hat der Domkantor des Meißner Doms heute etwas Besonderes vor: Eine gemeinsame Fahrradtour, bei der sie gewaltig was auf die Ohren bekommen werden, auf der er sie mitnimmt durch ein ganz besonderes Stück sächsischer Geschichte, auf eine Sinnesreise durch eine Kulturlandschaft von europäischer Dimension. Thorsten Göbel wird mit ihnen gut 20 Kilometer auf dem Elberadweg von Meißen nach Altkötzschenbroda radeln und in drei Kirchen am Wegesrand zu besonderen Orgelkonzerten laden.

Start ist Punkt 12 Uhr im Meißner Dom, gewissermaßen in Göbels »Wohnzimmer«. Hierhin lädt der 46-Jährige zwischen Mai und Oktober jeden Tag um diese Zeit zu einem halbstündigen öffentlichen Orgelkonzert ein, 170-mal im Jahr. Dennoch ist es heute ein bisschen anders. Denn im Vorfeld der Tour durften sich die Tourteilnehmer aus mehreren Orgelstücken ihre Lieblinge aussuchen. Mit den beiden meistgenannten wird das Konzert beginnen und danach ein paar andere vom Kantor ausgewählte, die in der Kirche besonders gut klingen. »Die beiden ersten Stücke werden sie in jeder der drei Kirchen hören, die wir besuchen werden«, erklärt der Domkantor seinen Gästen. »Ich möchte, dass sie so die Orgeln besser kennenlernen und erkennen, dass jedes Stück auf jeder Orgel anders klingt. Ich will zeigen, welchen Einfluss die unterschiedlichen Kirchenräume auf den Klang haben.«

Interessiert hören die Gäste zu, keineswegs sicher, ob sie als Otto Normalverbraucher in Sachen Orgelmusik letztlich tatsächlich das heraushören werden, was Göbel da voller Leidenschaft erklärt. Bevor er auf der 1972 von der Bautzener Traditionsfirma Eule erbauten Orgel mit Johann Sebastian Bachs »Praeludium C-Dur« beginnt, hat er noch einen letzten Tipp: »Wer es laut hören will, setzt sich ganz nach vorn, wer es schön hören will, sollte einen Platz ganz hinten wählen, denn der Kirchenraum veredelt den Klang der Orgel.«

Den weiteren Ablauf übernehmen nun seine Hände und Füße. Töne erfüllen das Kirchenschiff, die die Zuhörer sofort in ihren Bann ziehen, sie mit auf eine Gedankenreise nehmen, und bald schon schaffen sich Bilder im Kopf Platz. Das zweite »Pflichtstück«, Robert Schumanns »Eintritt aus den Waldszenen«, das er 1848/49 komponierte, greift diese Stimmung auf – zart, fast zerbrechlich, sehr emotional. Hier möchte man verweilen – doch nein: Je länger Thorsten Göbel anschließend die »Suite gothique pour Grand Orgue« des 1897 mit nur 35 Jahren verstorbenen französischen Komponisten und Organisten Léon Boëllmanns spielt, desto mehr verdrängen die anfangs noch einschmeichelnden Töne die romantische Stimmung und durchfluten den Dom wie eine Naturgewalt. Am Ende bebt der ganze Körper, das Herz rast – und irgendwie ist es fast tröstlich, dass wir gleich aufs Rad steigen werden, um entspannt durch die liebliche Elblandschaft zum nächsten Ziel, der barocken Dorfkirche von Brockwitz, zu radeln.

Bevor die Gäste den steilen Burgberg hinunter zur Elbe rollen, erzählt Stadtführerin Katrin Knüpfer, die auf dieser Tour für kurzweilige historische Geschichten am Wegesrand zuständig ist, etwas über den besonderen Ort, an dem die Tour »Organ & Bikes« startet. Es ist die Wiege Sachsens, gegründet 926 von König Heinrich I., der hier an der Elbe eine Burg errichten ließ. Heute prägen die hoch über Meißen gelegene Albrechtsburg, der erste Schlossbau Deutschlands, und der Meißner Dom mit seinen charakteristischen Türmen die großartige Kulisse der Stadt.

Nun aber los, durch malerische Gassen, vorbei an der Frauenkirche mit ihrem weltweit ersten bespielbaren Glockenspiel aus Meissener Porzellan, deren 37 Glocken seit 1929 jede Viertelstunde kurz ertönen und sechsmal am Tag einen Choral erklingen lassen, über die Eisenbahnbrücke hinweg auf die rechte Elbseite und dann flussaufwärts vorbei an Feldern und Weinbergen Richtung Brockwitz zu Orgel Nummer zwei.

Während einer Radlerpause in einem Biergarten direkt am Elberadweg erfahren die Teilnehmer, wie es zu dieser besonderen Radtour kam und wer der Mann ist, dem sie diese zu verdanken haben: Als 12-Jähriger kam der 1976 geborene Thorsten Göbel über den Schulunterricht erstmals mit einer Orgel in Berührung. Das Instrument faszinierte den Jungen vom ersten Moment. Er erhielt Unterricht, zeigte von Anfang an eine wohl überdurchschnittliche Begabung, und schon ein Jahr später wurde er Organist in der kleinen Kirche seines Heimatortes bei Wiesbaden. Später studierte er in Frankreich Orgel und in Würzburg Kirchenmusik, Dirigieren und Orchesterleitung. Ab 2002 war er als Kantor der Kirchengemeinde Düsseldorf-Oberkassel als Organist, Dirigent und Chorleiter tätig, 2019 wurde er als Domkantor an das Hochstift Meißen berufen. Hier fühlt er sich inzwischen angekommen. Göbel ist begeistert von der Fülle an Orgeln, die rund um Meißen zu finden sind. Oftmals setzt er sich aufs Rad, um die eine oder andere besser kennenzulernen. Im vergangenen Jahr ist er dann mal mit einigen Bekannten durch Meißen von Orgel zu Orgel geradelt, hat ihnen vorgespielt und von den wechselvollen Geschichten der Instrumente erzählt. Die Begeisterung war groß, und schnell bekam Christina Czach, die Leiterin der Touristinformation Meißen davon Wind. Auch sie ist eine leidenschaftliche Radlerin und hatte sofort ein »Näschen« dafür, dass solche Orgel- und Bike-Touren doch auch ein wundervolles touristisches Angebot sein könnten. Bei Torsten Göbel rannte sie damit offene Türen ein. Schnell war man sich einig, einen Versuch zu starten. Die Radler heute sind gewissermaßen Testpersonen. Es könnte der Beginn einer schönen neuen Tradition werden.

Gut gestärkt sitzen alle bald wieder im Sattel. Thorsten Göbel fährt vorweg – im Anzug, mit Helm und Lederschuhen. »Der Königin der Instrumente trete ich selbstverständlich angemessen bekleidet entgegen«, sagt er grinsend. Die Schuhe allerdings wird er in Brockwitz gegen die höherhackigen speziellen Orgelschuhe wechseln, die er in seinem Rucksack hat. »Die sind einfach besser zum Spielen«, erklärt er.

Die 1737 erbaute weiße Barockkirche leuchtet schon aus der Ferne. Ganz anders als der respekteinflößende Meißner Dom wirkt sie ländlich schlicht. Der 1984 liebevoll sanierte Innenraum mit seinen illusionistischen Malereien strahlt eine angenehme Ruhe aus und verschafft der neuen Orgel, die am Reformationstag 2006 eingeweiht wurde, einen perfekten Rahmen. Selbst für ungeübte Ohren ist sofort ein Unterschied zu hören, als Göbel Bachs »Praeludium« anspielt. Die meisten verstehen zwar nicht, was er damit meint, dass der »Raum sehr trocken« sei, aber dass die Töne sekundenlang im Raum stehenbleiben, merkt jeder sofort. Es klingt einfach schön satt und an jeder Ecke des Raumes anders. Da Thorsten Göbel dazu aufgefordert hatte, herumzulaufen, auch mal hoch zu ihm auf die Empore zu kommen, lassen sich die meisten das nicht zweimal sagen. Wann sonst kann man schon mal dem Organisten direkt über die Schulter schauen?

Zuletzt zieht Thorsten Göbel im wahrsten Sinne des Wortes noch einmal alle Register: Bachs »Toccata, Adagio und Fuge C-Dur« erschüttert den Raum wie ein plötzlich aufkommendes Gewitter einen lauen Sommerabend. Fasziniert schauen die Gäste zu, wie er die Tasten und Pedalen mit Händen und Füßen bearbeitet, sogar seine Nase hat zu tun, mit der er übers Tablet streicht, um die Notenseiten »umzublättern«. Den Applaus nach dem letzten Ton hat er sich wirklich redlich verdient – und er genießt ihn sichtlich!

Inzwischen ist es Nachmittag geworden, noch ein paar Kilometer radelt die Gruppe auf dem Elberadweg, dann ist das Ziel, die Friedenskirche in Altkötzschenbroda, erreicht. Begann die Tour an der Wiege Sachsens, so endet sie an jenem Ort, wo Sachsen seinen (vorübergehenden) Frieden wiederfand. Hier nämlich wurde am 27. August 1645 der Waffenstillstand zwischen dem sächsischen Kurfürsten Johann Georg I. und dem schwedischen General Lennart Torstensson unterzeichnet, der für Sachsen den Dreißigjährigen Krieg beendete. Der Tisch, an dem das historische Ereignis stattfand, steht noch heute in der Kirche. So schlicht dieser Tisch, so imposant ist die gewaltige Orgel der Dresdner Firma Jehmlich aus dem Jahr 1885. Hier schlägt Göbel musikalisch noch einmal einen weiten Bogen – von Bachs »Praeludium C-Dur« aus dem Jahr 1744 bis zu »Te Deum per organo« des Lettischen Komponisten Peteris Vasks aus dem Jahr 1991. Ein kraftvoller Abschluss einer musikalischen Sinnesreise durch Zeit und Raum.

Zum Schluss gibt es noch einen Genuss ganz anderer Art – eine kleine Verkostung von Spitzenweinen sächsischer Winzer. Zufrieden und glücklich machen sich danach alle auf den Heimweg oder genießen noch ein Stück Fahrt auf dem Elberadweg. Dresden ist schon in Sichtweite.

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