Fantasie- und geheimnisvoll

Das Panorama-Museum Bad Frankenhausen zeigt 100 Werke aus dem Schaffen von Hans-Peter Müller

Hans-Peter Müller, "Calypso mit Granatapfel", 2017
Hans-Peter Müller, "Calypso mit Granatapfel", 2017

Wie Asche im Mund klingt die Kritik des Malers Michael Morgner jüngst in dieser Zeitung zum ewigen Thema Wiedervereinigung, die er in der Kunst vermisst: »In meinem Jahrgang gab es überhaupt keine.« (siehe „nd.Der Tag» v. 22.07.22) Eine Berliner Ausstellung wollte 2009 einen nationalen Kanon mit 60 besten Werken aus den letzten 60 Jahren deutscher Kunstgeschichte präsentieren, in dem dann allerdings nur die »freiheitliche« Kunst aus Westdeutschland und nicht auch Kunst aus Ostdeutschland vorkommen sollte.

Nicht allein die nach wie vor praktizierte Aburteilung von künstlerischem Schaffen in der DDR ist ärgerlich. Zur ernüchternden Bilanz der letzten Jahrzehnte gehört die Unfähigkeit des bundesdeutschen Systems, inspirierend zu wirken für neue Kunst, die in großen gesamtdeutschen Ausstellungen der Öffentlichkeit gezeigt werden kann. Zu den regelmäßigen Kunstausstellungen in Dresden (zuletzt 1988) strömten zu DDR-Zeiten Millionen. Ein bis dato nicht wiederholtes Erlebnis. An die Erfolge der großen nationalen Kunstdarbietungen in der Elbmetropole konnten auch nicht die ehrgeizigen Expositionen »Deutschlandbilder« (1997/98) oder »Point of No Return« (2019) heranreichen. Und abgesehen von den sozialen Problemen, mit denen sich Künstler heute konfrontiert sehen, fehlenden Aufträgen sowie überteuerten Ateliers, mangelt es an Angeboten von Kunstprojekten, wie sie der Staat in der DDR mit »Kunst am Bau« oder der Ausgestaltung und Belebung von Kulturhäusern ermöglicht hat. Ein Beispiel hierfür ist das grandiose Panoramagemälde von Werner Tübke in Bad Frankenhausen zum Deutschen Bauernkrieg.

Die Stadt im thüringischen Kyffhäuser lockt alljährlich Zigtausende Besucher aus Ost und West an. Tübkes Historiendrama ist ein Magnet. Aber auch die wechselnden Sonderausstellungen im Panorama-Museum sind einen Besuch wert. Die aktuelle ist dem 80-jährigen Maler Hans-Peter Müller gewidmet, der in Leipzig geboren wurde, an der Hochschule für Grafik und Buchkunst der Messestadt bei Tübke, Harry Blume, Wolfgang Mattheuer, Bernhard Heisig und Hans Mayer-Foreyt studiert hat und seit 2010 freischaffend in Weida mit seiner Frau ein Atelier teilt. Sie fühlten sich, wie ihr Kollege Morgner, in der DDR nicht in ihrem Denken und Schaffen diktatorisch geknebelt. Und weil die Kunst im Westen ebenso von ästhetischen Dogmen beherrscht war, hat Müller auch eine Wiedervereinigung in der Kunst nicht erwartet. Seine Einschätzung: Die Westkunst will ihren Kunstbegriff und die geordnete Wertfolge nicht durcheinanderbringen lassen.

Nach 1990 wurde die Kunst im Osten durch die Mangel der Evaluierungen gedreht. Dessen angesichts stieß Müller bei der Arbeit an seinem Werk »Wende« (1990–2000) auf das vielgestaltige »Verdrehungskunststück der Wut« des keltischen Cú Chulainn, einem Helden aus der Mythologie Irlands. Diese schien ihm als Sinnbild für die Wirren der Wende und Folgejahre treffend geeignet zu sein: Auf einem offenen Rumpf thront ein türkisfarbenes Dodekaeder (ein zwölfflächiger Körper mit kongruenten regelmäßigen Fünfecken) wie ein eingestecktes Diadem.

1993 hat sich Müller mit seiner Frau nach Frankreich gewandt und sich für den Salon d’Automne in Paris beworben. Sie stellten jährlich im Pariser Grand Palais aus, erlebten Kollegenschaft und Wertschätzung in internationalen Künstlergruppen. Die Gruppe »Libellule – Magic Realism« vereint die weltweit wichtigsten Vertreter der Malerei des magischen und fantastischen Realismus und richtete Ausstellungen in Brno, Chaumont, Florenz, Moskau, Paris, Prag, Tokio, Toledo, Wien, Yokohama und andernorts aus.

Mit dem Titel »Jenseits von Eden« zeigt das Panorama-Museum fast 100 Werke aus verschiedenen Lebenszeiten von Hans-Peter Müller, darunter fünf patinierte Bronzen, die wie ein antiker Fund anmuten, Zeichnungen und Gemälde mit historischen Sujets, so zum Versuch der Nazi-Machthaber, den inhaftierten KPD-Vorsitzenden Thälmann zu bestechen, oder zur Bombardierung von Dresden im Februar 1945, dargestellt als »Anglo-amerikanisches Bouquet« (2017). Aber auch Bilder mit biblischen Assoziationen finden sich hier, etwa »Noah und Söhne« aus diesem Jahr. Die ungewöhnlich veränderte Ikonografie zeigt, wie intensiv sich Müller mit christlichen, griechischen, sumerischen, germanischen und keltischen Mythologien befasste und zusammenfasst, vermischt, bewusst synthetisiert und zu etwas Neuem formt: »Ja, ich bin ein Synkretist«, bekennt er. Beim Sohn Cham von Noah findet er hinter dem Mythos unvollständig Übermitteltes und, wie Klaus Freyer im Katalog ausführt, »eine rabbinische Auslegung«. Nach erbrechtlicher Erklärung wollte Cham seinen Vater am Weiterzeugen hindern, indem er ihn entmannt.

Die Malerei von Hans-Peter Müller bietet dem Schauenden ein Spiel fantasievoller Verwandlung. Das Vorbild ist Giuseppe Arcimboldo, ein italienischer Maler der Spätrenaissance, der aus Gurken, Kirschen oder Knoblauch opulente Bildnisse schuf. Als kopfgestaltiges Stillleben porträtierte Müller den Ingenieur Carl Zeiss aus Küchengemüse. Wie der spanische Maler Salvador Dalí mit dem Kopf Raffaels steigert Müller den verblüffenden Spaß, indem er der Schädelhöhle eine Renaissance-Kuppel übertrug. Mit architektonischen Elementen arbeitet er oft. In einem Selbstporträt sind die Augenhöhlen mit Mauern verbaut, ein Fuß ist durchnagelt. Die Zeichnung nannte er »Der Kontakt mit der Realität«.

Seit etwa 2004 kultiviert Müller die diaphane (durchscheinende, durchsichtige) Struktur monochromer, lasierend aufgetragener, zarter Farbtöne. Die Gegenstände treten blass hervor, als sollten sie ein Verschwinden andeuten. Die vorgetäuschte Durchsichtigkeit symbolisiert auf andere Weise das Vergehen als Vanitas (Vergeblichkeit).

Müller fasziniert der Gegensatz zwischen amorpher Meeresmuschel, dem Sinnbild des Geheimnisvollen und Unerkennbaren, und den berechenbaren archimedischen Körpern, vor allem aus regulären Fünfecken gebildet. Einflüsse von Albrecht Dürer und des antiken Naturphilosophen Euklid sind erkennbar. Aus einem Dodekaeder formte Müller den Apfel des Paris. Die Aufgabe, die Schönste der drei »Göttinnen« zu erwählen, übertrug Müller dem »Antonius in Saintes-Maries-de-la-Mer« (2005). In Grisaille gemalt, einer Stilrichtung, die ausschließlich in Grau, Weiß und Schwarz ausgeführt wird, steht er vor drei Frauen, die wie Steinskulpturen wirken. Er wendet sich nicht zur linken, in der Mythologie Athene, sondern der schwangeren rechten Frau zu, Aphrodite mit den zwei verschlungenen Schlangen der Unsterblichkeit und Weisheit. Ein weiteres, fünf Jahre später entstandenes Bild zeigt, wer den verwandelten Apfel von Antonius-Paris aus des Malers Hand dann in Wirklichkeit empfängt: Im blassbraunen »Bildnis Alexandra« bekommt die Frau des Künstlers den Schönheitspreis als Liebesbeweis. Der Farbton des Bildes verdämmert scheinbar wie ein getontes Foto, aber bleibt unverändert. Hans-Peter Müller kann wie Dürer versichern, dass sein Bild »500 Jahr’ sauber und frisch sein wird«.

»Jenseits von Eden – Hans-Peter Müller«, Panorama-Museum Bad Frankenhausen, Am Schlachtberg 9, bis 16.10.; Di bis So und feiertags 10 bis 17 Uhr, Eintritt 8 €.

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