Die Offline-Konsequenzen von digitaler Gewalt

Hass und Hetze im Internet sind Teil des »realen« Lebens und nicht getrennt davon zu betrachten. Sibel Schick fordert deshalb mehr Sicherheit im Netz

Immer wieder gibt es Gewalt und Hass gegen trans, nicht-binäre und intersex Personen, sowohl on- als auch offline.
Immer wieder gibt es Gewalt und Hass gegen trans, nicht-binäre und intersex Personen, sowohl on- als auch offline.

Im Juli hatte die Berliner Humboldt-Universität einen Vortrag der Biologiedoktorandin Marie-Luise Vollbrecht abgesagt, der Termin wurde allerdings rasch nachgeholt. Als Begründung für die Verlegung äußerte die Uni Sicherheitsbedenken, aus dem einfachen Grund, dass eine Demonstration angemeldet wurde – der Fall erinnert stark an die Causa Lisa Eckart. Vollbrecht versteht sich als Feministin, das Nachrichtenportal queer.de bezeichnet sie als eine »offensiv transfeindliche Aktivistin«. In dem besagten Vortrag geht es darum, dass es biologisch gesehen nur zwei Geschlechter gäbe.

Die Verlegung des Vortrags löste eine Debatte aus, doch statt über Transfeindlichkeit wird über Wissenschaftsfreiheit diskutiert. Im Rahmen dieser Debatte interviewte die Frankfurter Rundschau die Medizinsoziologin und Wissenschaftshistorikerin Dana Mahr. In dem Beitrag definierte die Expertin Vollbrechts Ideologie als transfeindlichen Radikalfeminismus. Diese Einschätzung diente wiederum als Projektionsfläche für Hass und Hetze. Mahr berichtet, sie sei mehrfach von Vollbrecht heftig angegangen worden und habe massenhafte Hassnachrichten von Vollbrechts Publikum bekommen. Auch Mahrs Wohnadresse soll veröffentlicht, ihr ein Fenster eingeworfen und »etwas Ekelhaftes in den Briefkasten gesteckt« worden sein. Die Wissenschaftlerin sei mit Frau und Kind aus ihrer Wohnung geflohen.

Inzwischen gab Marie-Luise Vollbrecht auf Twitter ihr Vorhaben bekannt, gegen ihre Kritiker*innen juristisch vorzugehen. Laut eigener Aussage habe sie die Anwaltskanzlei Höcker engagiert, die in der Vergangenheit die AfD, verschiedene AfD-Politiker*innen und den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan verteidigte – interessante Wahl für eine Person, die sich Feministin nennt. Sie sei im Zuge der Verlegung ihres Vortrages verleumdet worden, so Vollbrecht auf der Spendenseite, die sie für ihre Anwaltskosten errichtete. Die Täter*innen-Opfer-Umkehr ist eine beliebte Methode, vor allem unter TERFs, also trans exkludierenden Radikalfeminist*innen, um sich vor Kritik für ihr gewaltvolles Verhalten trans Menschen gegenüber zu schützen. Auch Vollbrecht scheint sich vielmehr als Opfer zu präsentieren und scheint dabei nicht einmal Shoah-Relativierungen zu scheuen. Das kommt bei Rechten offenbar besonders gut an: Der Welt-Kolumnist Don Alphonso aka Rainer Meyer teilte Vollbrechts Spendenaufruf, bis Redaktionsschluss wurden knapp 30.000 Euro gesammelt. Denkbar, dass der gemeinsame Sinn hier nicht der Feminismus, sondern allein die rechte Gesinnung ist.

Natürlich ist es unschön für die Betroffene, wenn der Vortrag verlegt wird. Viel unschöner ist allerdings, wenn marginalisierten Gruppen die Existenz abgesprochen wird. Oder, wenn marginalisierte Menschen Hassnachrichten und Drohmails bekommen, ihre sensiblen personenbezogenen Daten gegen ihren Willen veröffentlicht oder verbreitet und sie dadurch tätlich angegriffen werden und Angst um ihre eigene Sicherheit und um die ihrer Familie haben müssen. Ganz objektiv betrachtet werden hier wieder dieselben Menschen gecancelt – jene, für dessen Schicksal sich die Mehrheitsgesellschaft am wenigsten interessiert.

Viele Betroffene berichteten bisher von ihren Erfahrungen mit Gewalt in den sozialen Netzwerken. Diese Opfergeschichten – so wichtig wie sie sein können – führten bisher nicht zu einer substanziellen Verbesserung der Sicherheits- und Präventionsmaßnahmen. Wir konsumieren diese Gewaltgeschichten wie kostenlos verfügbare True-Crime-Folgen, und vergessen, dass hier Rechte verletzt, Menschen traumatisiert und an ihrer Arbeit gehindert werden.

Das Geschehen im Netz ist ein Teil des »realen« Lebens und nicht getrennt davon zu betrachten. Wenn wir die Sicherheit auf der Straße selbstverständlich einfordern können, so sollten wir auch die Forderungen nach Sicherheit im Netz ernstnehmen und Betroffene endlich effektiv schützen. Auch gegen selbsternannte Feministinnen, die sich mit Rechten gemein machen.

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