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  • 1. Internationale Friedenswoche in Hannover

Singen für den Frieden

Nicol Matt über ein verdienstvolles Projekt, das heute in Hannover startet

Schön wär’s, wenn ein Knopfdruck genügen würde und die ganze Welt ist friedlich.
Schön wär’s, wenn ein Knopfdruck genügen würde und die ganze Welt ist friedlich.

Herr Matt, ist das Singen für den Frieden wieder wichtig?

Natürlich. Dringender denn je. In der Bevölkerung grassiert zwar nach zwei Jahren Pandemie noch immer die Angst, rauszugehen und sich in der Gruppe zu treffen. Auf der anderen Seite haben wir das Problem mit der Inflation und die schreckliche Situation eines Krieges in der Ukraine. Da sagen wir: Kommt zu uns nach Hannover und singt mit für den Frieden, weil das die Gemeinschaft und die Sensibilisierung gegen Kriege generell stärken kann.

Was steht auf dem Programm der 1. Internationalen Friedenswoche?

Am 6. August werden Chorsänger*innen mit einem der berühmtesten Komponisten unserer Zeit, John Rutter, ein Friedenskonzert bestreiten, sein »Requiem« intonieren. Zudem rufen wir bundesweit dazu auf, mit Udo Lindenberg seinen Song »Wir ziehen in den Frieden« als virtuelles Chorvideo zu performen. Das Ergebnis werden wir am 7. August im Kuppelsaal präsentieren. Bei uns lernt man außerdem in Meisterkursen Musik aus unterschiedlichen Ländern kennen. Ärzte zum Beispiel können eine Fortbildung zum Thema »Singen und Gesundheit« absolvieren. Beim gemeinsamen Singen wird das Kuschelhormon Oxytocin ausgeschüttet. Bei Bluthochdruck pegelt sich nach kurzer Zeit der Herzschlag ein. Für manche hört sich »Singen für den Frieden« vielleicht ein bisschen absurd an, aber dabei entsteht eine solch geballte Kraft, dass wir damit wirklich ein Zeichern setzen können.

Sie haben 2018 den World Choir For Peace unter der Schirmherrschaft der Deutschen Unesco-Kommission gegründet. Dieser Chor hat sich verpflichtet, weltweit als musikalischer Botschafter für den Frieden zu wirken. Wie muss man sich dies vorstellen?

Unser Ziel ist, die größte Chorgemeinschaft der Welt zu bilden. Wir wollen in den kommenden Jahren Hunderttausende aktive Mitglieder gewinnen, die dann zu bestimmten Events persönlich und virtuell zusammenkommen, um für den Frieden zu singen. Unser Partner »Stay At Home Choir« aus England realisierte in der Pandemiezeit virtuelle Chorprojekte mit 30 000 Sänger*innen aus 70 Ländern. Über das gemeinsame Singen vergeben wir Kompositionsaufträge zum Thema Frieden. Nächstes Jahr werden wir zum Beispiel ein Werk von Sir Karl Jenkins uraufführen. Die Menschen singen dabei nicht nur miteinander, sondern es findet auch ein kultureller Austausch statt. Über die Musik können wir aktiv einen Beitrag zur Völkerverständigung leisten.

Der World Choir for Peace besteht im Kern aus 36 professionellen Sängerinnen und Sängern aus 23 verschiedenen Nationen. Wie laufen da die Proben ab?

Erst einmal studieren wir mit John Rutter die Musik online ein. Und ab dem 4. August sehen wir uns live vor Ort. Mit dem Kernchor haben wir in Hannover bereits das Album »Peaceful Choir« für Sony Classical aufgenommen – mit 15 Weltersteinspielungen und Musik von Ola Gjeilo, Eric Whitacre, Max Richter, Hans Zimmer oder Arvo Pärt. Das neue Stück von Karl Jenkins werden wir dieses Jahr für Decca Records aufnehmen und nächstes Jahr uraufführen. Jeder, der möchte, kann ein Mitglied unserer großen Gemeinschaft werden, unabhängig von Alter, Hautfarbe oder Sprache. Es existiert kein anderer Weltfriedenschor außer uns. Und: Was gibt es besseres, als über die Musik mit Menschen aus anderen Ländern in Dialog zu treten.

Warum liegt Ihnen die internationale Förderung der Chormusik so sehr am Herzen?

Ich habe Kirchenmusik studiert. Ein Großteil der genialen Musik, die im Westen komponiert worden ist – von Monteverdi bis Bach –, war Vokalmusik. Ich war schon sehr früh von den Möglichkeiten der menschlichen Stimme fasziniert, die in der Gemeinschaft zu einem Instrument verschmelzen kann. Das ist eine energetische Geschichte. Mich hat immer die Vielfalt der Chormusik beeindruckt. Die südafrikanischen Länder haben zum Beispiel eine ganz andere musikalische Chortradition als die skandinavischen. Das Singen in der Gemeinschaft ist mit das älteste Ritual der Menschheit.

Sie arbeiten gern mit Sängerinnen und Sängern vor Ort zusammen?

Ich bin weltoffen und mit sehr vielen Kulturen in Berührung gekommen: in den meisten Ländern Europas, in Kanada, den USA, in Südafrika und sogar in Indien. Der indische Subkontinent ist noch ein Exot in Sachen Chormusik. In den Vereinigten Arabischen Emiraten unterrichtete ich im Auftrag des Bildungsministeriums zwei Jahre das Fach Chorleitung. Ziel war, dass an privaten und öffentlichen Schulen im Musikunterricht auch gesungen wird. Krass: An vielen Schulen dort ist das Singen nach wie vor verboten. In den Emiraten gibt es keine Musikhochschulen, weshalb sie sich ihre gut bezahlten Musiklehrer aus Ländern wie Tunesien oder Frankreich holen. Die haben dann die spannende Aufgabe, gemeinschaftliches Singen in die Landestradition zu übertragen.

Wie haben Sie sich auf die Internationale Friedenswoche in Hannover vorbereitet?

Wir hatten zwei Jahre Zeit, uns darüber Gedanken zu machen und haben beobachtet, was in der Weltpolitik passiert. Die Gesellschaft muss sich wandeln, denn unser kapitalistisches System wird irgendwann kollabieren, weil es allein hinsichtlich der Umwelt und des Klimas sehr viel Schaden anrichtet. Wir müssen uns jetzt aktiv Gedanken machen, wie es für uns und unseren Planeten weitergeht. Eigentlich sollten wir aus unserer Geschichte gelernt haben, dass so etwas wie der Krieg in der Ukraine nicht mehr passiert.

Warum ist es so schwer, Frieden in die Welt zu tragen?

Letztendlich liegt es auch daran, dass die Superreichen, die maßgeblich mit an diesem System beteiligt sind, ihre Pfründe nicht aufgeben wollen. Der Nachteil des Kapitalismus ist, dass Besitztum in dem Ausmaß nur durch Ausbeutung möglich ist. Milliarden Menschen müssen für eine Handvoll Superreicher bluten. Und deshalb muss man viel mehr Leute aus verschiedenen Kulturen über das Singen zusammenbringen. Darüber vergessen sie nach ein paar Tagen völlig, ob sie Jude oder Moslem sind. 2000 Leute auf der Bühne entfachen eine gewaltige Kraft.

Hat Kunst wirklich die Kraft, in Krisenzeiten Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und Weltanschauung zu verbinden?

Absolut. Bei Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra spielen Musiker aus Israel und Palästina zusammen. Man fragt sich immer wieder, warum das in der Kunst so gut funktioniert, aber in der Welt nicht. Es geht immer um wirtschaftliche Interessen und die Erhaltung des kapitalistischen Systems. Im Bundestagsgebäude zum Beispiel sitzen die Vertreter des Volkes, wie es heißt, Lobbyisten gegenüber. Es ist schade, dass es keine Weltregierung gibt, die die globalen Probleme wirklich lösen könnte. Der Reichtum auf der Welt ist immens, aber falsch verteilt. Man könnte ihn locker so verteilen, dass niemand hungern oder sterben müsste. Viele sind obrigkeitshörig in dem Sinne, dass sie der Politik blind vertrauen. Gemeinsames Singen hingegen hat etwas mit Verantwortung zu tun, weil man ja auf den anderen hören muss. Diese Werte möchten wir pflegen.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Wenn ein Junge in einem Internatsknabenchor wie dem Thomanerchor groß wird, dann lernt er von klein auf, für sich selber und andere Verantwortung zu übernehmen. Auf diese Weise werden Kinder zu hochsensiblen sozialen Wesen, was wichtig ist im Umgang mit anderen.

Sollte Kunst bei den Vereinten Nationen eine noch größere Rolle spielen?

Unbedingt. Jedes System hat seine Vor- und Nachteile. Mit Kunst lässt sich bei uns im Westen nicht viel Geld verdienen; der Vorteil an den kommunistischen Staaten war, dass sie immer Kultur gefördert haben. Kultur zeichnet uns Menschen aus und sollte mehr gefördert werden. Ohne Kultur kein friedliches Miteinander von Menschen und keine Zukunft für die Menschheit.

1. Internationale Friedenswoche, Hannover 4. bis 7.8., www.internationalweekforpeace.org

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