Steigende Lebensmittelpreise verschärfen Armut

Neue Sozialstudie berücksichtigt erstmals auch das Vermögen von Geringverdienern

  • Von Rudolf Stumberger
  • Lesedauer: 4 Min.
Für viele Menschen wird angesichts der horrenden Inflation selbst der tägliche Apfel zum Luxus.
Für viele Menschen wird angesichts der horrenden Inflation selbst der tägliche Apfel zum Luxus.

13,8 Millionen Menschen, die in Armut leben, gibt es in der reichen Bundesrepublik, so der Paritätische Wohlfahrtsverband. Nicht alle wollen das wahrhaben, kritisieren die Definition von Armut und verweisen darauf, dass mancher Bezieher von niedrigem Einkommen Vermögen in Form eines Häuschens haben könne. Diese Kritik hat jetzt die Wirtschaftswissenschaftlerin Irene Becker mit Kolleginnen vom Institut für empirische Sozial- und Wirtschaftsforschung (INES) in Berlin mit einer neuen Studie »Wohlstand, Armut und Reichtum neu ermittelt« aufgegriffen und entkräftet. Denn auch nach Berücksichtigung des Vermögens ergibt sich ein hohes Niveau der Armutsquote von rund 16 Prozent. Dabei wird deutlich, dass die arme Bevölkerung im Vergleich zur gesellschaftlichen Mitte hinsichtlich der Ernährung gravierende Rückstände aufweist. Ein Befund, der angesichts steigender Lebensmittelpreise noch alarmierender wird.

»Wie sollen die Leute über die Runden kommen?«, fragt sich Irene Becker angesichts der vorliegenden Daten aus der Studie. Die lassen nur den Schluss zu, dass, je geringer das Einkommen ist, desto größer der Rückstand bei den Ausgaben für Lebensmittel gegenüber der gesellschaftlichen Mitte ist. Bei Menschen mit den geringsten Einkommen kann der Rückstand gegenüber der Mitte an die 25 Prozent betragen, hier wird also ein Viertel weniger als beim »Normalbürger« für Ernährung ausgegeben. Anders ausgedrückt: Die Ausgaben für Nahrungsmittel steigen im unteren Bereich der Verteilung mit zunehmendem Einkommen stark an. Zusätzliches Einkommen wird in Haushalten mit wenig Geld also überwiegend zur Befriedigung der elementaren Grundbedürfnisse aufgewendet, der Rückstand gegenüber Haushalten mit mittlerem Einkommen zuerst auf diesem Gebiet verringert.

Es sei klar, dass bei steigenden Lebensmittelpreisen »staatliche Ausgleichsmaßnahmen notwendig sind«, um diese Preissteigerungen aufzufangen, sagt Sozialwissenschaftlerin Becker gegenüber »nd.dertag«. Geld sollte allerdings nicht »mit der Gießkanne« verteilt werden, sondern vor allem den Bedürftigen zugutekommen, denn die »oberen Bereiche brauchen keine Unterstützung«. Ein Indikator für die Situation dieser Armen seien die jüngsten Meldungen des Dachverbands der Tafeln vom Juli: So habe sich die Zahl ihrer »Kunden« um mehr als die Hälfte erhöht.

Die INES-Studie nutzt Indikatoren wie die Ausgaben für Nahrungsmittel, aber auch für Kleidung oder finanzielle Rücklagen, um zu einer empirischen Definition von Armut zu gelangen. Damit soll der Vorwurf zurückgewiesen werden, die Armutsdefinition sei beliebig. Und sie untersucht eben auch erstmals das etwaige Vermögen von Menschen mit geringem Einkommen. Ergebnis: Armut beginnt unterhalb eines Einkommens von rund 65 Prozent des mittleren Einkommens, sofern ein allenfalls geringes Vermögen vorhanden ist. Die Armutsgrenze ist also nicht sehr weit von den üblicherweise verwendeten 60 Prozent entfernt.

Mit Einkommen ist hier das sogenannte Nettoäquivalenzeinkommen gemeint: Abgaben an Staat und Sozialversicherung sind bereits abgezogen, Sozialtransfers berücksichtigt, und durch Gewichtungsfaktoren werden Unterschiede in der Haushaltsgröße berücksichtigt, sodass sich etwa Ein- und Vierpersonenhaushalte sinnvoll vergleichen lassen. Demnach liegt die Einkommensarmutsgrenze für einen Alleinstehenden bei 1446 Euro netto. Das betrifft an die 16 Prozent der Bevölkerung oder mehr als 13 Millionen Menschen, die ein so geringes Einkommen und kein erhebliches Vermögen haben.

Direkt oberhalb der Armutsgrenze sehen die Sozialwissenschaftlerinnen einen Prekaritätsbereich. Sie meinen damit eine finanzielle Ausstattung, die zwar für die Befriedigung grundlegender physischer Bedürfnisse ausreicht, mit der eine Teilnahme am »normalen« gesellschaftlichen Leben aber aus materiellen Gründen erschwert ist. Als Indikator dienen hier die Ausgaben für Bekleidung und soziokulturelle Teilhabe wie die Kosten für Mobilität, Handy, Internet oder einen Cafébesuch. Ähnlich wie bei den Nahrungsmitteln am unteren Ende der Verteilung zeigt sich hier ein großer ungedeckter Bedarf, der erst »an der Schwelle zum Übergang in den breiten Teilhabebereich« eine »vorläufige Sättigung« findet. Diese Schwelle verläuft bei etwa 80 Prozent des mittleren Einkommens.

Über welches Vermögen verfügen die Haushalte unter der Einkommensarmutsgrenze? Wenn überhaupt vorhanden, liege es bei Alleinlebenden deutlich unter 25 000 Euro. Lediglich 3,7 Prozent aller Haushalte mit Einkommen unter der Grenze von 65 Prozent des mittleren Betrags verfügen über ein höheres Vermögen.

Bedenklich erscheint den Sozialwissenschaftlerinnen, dass die Armut in den vergangenen Jahren sich auf hohem Niveau stabilisiert hat, anstatt zu schrumpfen. In Zeiten zunehmender sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung und wirtschaftlichen Wachstums sollte dies das Normale sein.

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