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Der Guru der Abstraktion in neuem Licht

Die Ausstellung »Mondrian Evolution« bei Basel zeigt weniger bekannte Seiten von Piet Mondrian

Auch das ist ein Mondrian: Eine Version des »Bauernhofs bei Duivendrecht«, um 1916.
Auch das ist ein Mondrian: Eine Version des »Bauernhofs bei Duivendrecht«, um 1916.

Piet Mondrian ist bekannt als der Maler mit den schwarzen Linien und den Farbflächen. Dass er viel mehr zu bieten hat und dass sein abstrakter Formalismus Ergebnis einer lebenslangen Suche nach der Essenz von Form und Schönheit war, wird in der üppigen Jubiläumsausstellung zum 150. Geburtstag des Künstlers, »Mondrian Evolution«, in der Fondation Beyeler bei Basel nahe der deutschen Grenze deutlich.

Bereits der erste von insgesamt neun Ausstellungsräumen in dem idyllisch gelegenen Museumsbau überrascht. Denn einem ikonischen Werk, der aus rechtwinklig verklebten bunten Farbstreifen über weißgrauem Grund gebildeten Komposition »New York City 1« aus dem Jahre 1941, ist ein Waldstück aus Öl auf Leinwand aus dem Jahr 1908 gegenübergestellt. Die New York-Komposition ist abstrakt. In dem geordneten System der Linien mag man das Schachbrettmuster Manhattans erkennen. Zugleich scheinen die Linien zu flirren. Die wechselnden Abstände, in denen sie sich schneiden, scheinen musikalische Rhythmen aufzunehmen. Mondrian war als Jazzfan bekannt, New York eine Jazzmetropole. Derart für Rhythmus und Lebendigkeit der Abstraktion sensibilisiert, entdeckt das Auge in der mehr als drei Jahrzehnte zuvor gemalten Waldlandschaft verblüffende Ähnlichkeiten. Schlank ragen die Baumstämme in den Himmel. Auch sie wirken wie Linien. In der Stimmung der Abendsonne lässt Mondrian die Baumstämme rot, blau und violett schimmern. Sie sind farbige Linien, die senkrecht von oben nach unten das Bild durchlaufen – ähnlich den Farbstreifen von »New York City 1«.

Dieses Verfahren der Gegenüberstellung von abstrakten und gegenständlichen Werken aus dem Oeuvre Mondrians setzt Ausstellungskurator Ulf Küster über den gesamten Bilderparcours fort. Er greift dabei bestimmte Themen heraus wie vertikale Bildkompositionen, Flechtwerk, Wachstum und Kubismus. In einer Serie von Kirch- und Leuchttürmen aus den Jahren 1908 bis 1911 wird deutlich, wie Mondrian die in den Himmel aufragenden Gebäude zunehmend in bunte Bildpunkte auflöste. So verfuhr er auch mit Himmelsdarstellungen. Es scheint dann geradezu logisch, dass er in einem jahrzehntelangen Abstraktionsprozess bei einem Werk wie der »Komposition mit Blau und Weiss« aus dem Jahre 1936 anlangte. Die Form des Turms findet man hier in den zwei senkrechten schwarzen Linien auf weißem Grund wieder. Die Farbigkeit ist in einem kleinen blauen Rechteck am oberen rechten Bildrand komprimiert.

Ob Mondrian selbst diesen Entwicklungsprozess so linear darstellen würde, ob er die gegenständlichen Turmgemälde tatsächlich als Vorgänger seiner in die Vertikale strebenden Linien- und Flächenarrangements ansehen würde, bleibt spekulativ. Überliefert ist, dass er um »reine Farbe« und »reine Form« als Ausdruck des Universellen rang. Seine künstlerische Entwicklung verlief aber keineswegs geradlinig, sondern eher mäandernd und suchend.

Mehrfach malte Mondrian in den Jahren 1914 bis 1917, also in der Zeit, in der Europa durch den Ersten Weltkrieg verwüstet wurde, einen Bauernhof bei Duivendrecht. Dabei skelettierte er mit dem Pinsel förmlich das Bauernhaus. Die Linien der Fassaden setzten sich fast nahtlos fort im dunklen Geäst der Bäume, die sich auf dem Hof befanden. Das organische Netzmuster ließ Mondrian sich in einem Tümpel vor dem Hof spiegeln. Die Bauernhofansichten sind gegenständlich, befinden sich aber in einem Auflösungsprozess der Formen. Wenige Jahre vor dieser Werkserie kam Mondrian in Paris mit dem Kubismus in Berührung. 1912 und 1913 malte er abstrakte kubistische Netzwerkkompositionen, deutlich früher als die Bauernhofmotive also. Und er kehrte danach zur Gegenständlichkeit zurück.

Wie sehr die Bauhaus-Philosophie Mondrian beeinflusste oder inwiefern er selbst eher als Inspirator der Bauhaus-Bewegung betrachtet werden muss, bleibt offen. Die Konzentration auf Primärfarben und vertikale und horizontale Linien spricht für eine deutliche ästhetische Verwandtschaft. 1925 brachte das Bauhaus auch ein Buch von Mondrian heraus, das sich mit dem Verhältnis von Malerei, Architektur und Design beschäftigte. Mondrian gehörte bis Mitte der 1920er Jahre zudem der mit dem Bauhaus verwandten De Stijl-Bewegung an. Die setzte in ihrem Manifest ebenfalls das Universelle über das Individuelle. Das klingt abstrakt, stellt aber auch eine Konsequenz von Künstlern aus dem Menschenschlachten des Ersten Weltkriegs dar. Die alte Welt wurde dabei als eine des individuellen Egoismus gesehen. Die neue Welt, die auf den Trümmern des Krieges errichtet werden sollte, würde zur »Bildung einer internationalen Einheit in Leben, Kunst, Kultur« führen, hieß es im Manifest von de Stijl.

Mondrians Spätwerk gehört zu beiden Welten. In Katalogen der Inneneinrichter werden Möbelgarnituren gern mit Mondrians Farbkompositionen aufgewertet. Auf Auktionen erzielen seine Werke zweistellige Millionenbeträge. Sein Ringen um universellen Ausdruck und reine Form findet interessanterweise aber auch Entsprechungen in indigenen Kunstformen, vor allem in Webereien, Stickereien und Körperbemalungen.

Dieser Aspekt fehlt in »Mondrian Evolution« leider, wie auch die philosophischen Auseinandersetzungen Mondrians etwa mit theosophischem Gedankengut. Seinen spannenden Weg zwischen Abstraktion, Figuration und Naturalismus zeichnet die Ausstellung aber umfassend, gründlich und sehenswert nach.

»Mondrian Evolution«, bis 9. Oktober, Foundation Beyeler, Riehen bei Basel (Schweiz)

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