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Ein kollektiver Lernprozess

Beim Chemnitzer Theoriefestival »Kantine Gramsci« können alle etwas mitnehmen, wie Julian Meinelt und Magdalena Freckmann im Interview berichten

Von Antonio Gramsci lässt sich einiges über das Verhältnis von Theorie und Praxis lernen. Das gemeinsam zu tun, darum geht es beim Theoriefestival »Kantine Gramsci«.
Von Antonio Gramsci lässt sich einiges über das Verhältnis von Theorie und Praxis lernen. Das gemeinsam zu tun, darum geht es beim Theoriefestival »Kantine Gramsci«.

Das Kantine-Festival widmet sich einmal im Jahr eine ganze Woche lang dem Leben und Werk politischer Denker*innen. Nach Karl Marx, Rosa Luxemburg, Walter Benjamin und Christine de Pizan ging es dieses Mal um den italienischen Kommunisten Antonio Gramsci. Wie kam euer Theoriefestival zustande?

Julian: Vor fünf Jahren wurde in Chemnitz, das ja mal Karl-Marx-Stadt hieß, der 200. Geburtstag von Marx gefeiert. In der Stadt steht schon der Nischel, der große Marx-Kopf, und zum Jubiläum gab es dann alles Mögliche: Marx-Mundwasser, -Schaumbad, ein Marx-Bier. Unterschiedliche Leute hatten sich zu einer Gruppe zusammengefunden, die sich entgegen der ganzen Folklore wirklich mit dem Leben und Werk des Theoretikers auseinandersetzen wollte. Und so kam es, dass wir direkt eine ganze Woche Programm organisierten, ein Festival sozusagen.

Wir hatten hier im soziokulturellen Zentrum »Subbotnik« in Chemnitz die Möglichkeit bekommen, eine Art Konferenz auszurichten. Zu DDR-Zeiten war das Subbotnik eine Schulkantine und diese Atmosphäre hier bot sich hervorragend an, gemeinsam Zeit zu verbringen. Es kann jederzeit Essen geben, Getränke, man kann draußen sitzen, eine Anlage aufbauen – es war perfekt geeignet, um mehr zu machen als einfach nur Theorievorträge. So kam auch der Name »Kantine« zustande.

Magdalena: Der Begriff Theoriefestival hat sich schnell aus dieser Vorbereitung entwickelt. Für uns steckt da auch drin, dass Theorie etwas Lustvolles sein kann, dass die intellektuelle Arbeit nicht getrennt sein muss von der Freude, gemeinsam eine gute Zeit zu haben. Das kann ineinandergreifen und gerade dadurch entsteht eine schöne und produktive Diskussion, die auch Hürden zur Theorie abbaut. Das ermöglicht oft erst die Frage, was die Theorie mit unseren Leben oder unseren politischen Auseinandersetzungen im Alltag zu tun hat.

Julian: Und das ist es auch, was die Kantine von anderen Veranstaltungsreihen abhebt. Wir versuchen, einen niedrigschwelligen Zugang zu schaffen, auch wenn die Themen natürlich anspruchsvoll sind. Es kommen Jung und Alt zu uns, ebenso wie Leute, die noch nie etwas von der Person und Theorie gehört haben, um die es geht. Aber es sind eben auch die unterschiedlichen Referent*innen hier, die sich in die Diskussionen einbringen. Es gibt eine Diskussionsatmosphäre, in der sich alle beteiligen können, von der einfachen Verständnisfrage bis zur hitzigen Debatte.

Bei dem Namen Kantine könnte man auch daran denken, dass fertige Portionen an alle verteilt werden, als wäre Theorie so konsumierbar. Wie seht ihr das Verhältnis von Wissensvermittlung und eigenständiger Theoriearbeit bei der Kantine?

Magdalena: Das Selbstverständnis des Festivals ist eigentlich permanent im Wandel. Aber es gibt schon diesen Wunsch, dass die Kantine ein Ort sein kann, an dem wirklich Theorieproduktion stattfindet und sich konkrete Überlegungen für die politische Praxis etwa hier in Chemnitz ergeben. Aber wir finden es ebenfalls eine gute Sache, wenn die Teilnehmenden auch einfach das für sich rausziehen, was sie eben wollen und was ihnen etwas bringt.

Julian: Natürlich gehört zu einem Festival eine gewisse Konsument*innenhaltung. Leute campen hier auch einfach, wir haben eine Dusche gebaut und einen Pool aufgestellt. Abends schnappen sich Leute einen Grill und essen zusammen. Und das ist schon ziemlich schön. Trotzdem gab es auch die Überlegung, das Ganze verbindlicher für drängende Fragen der Gegenwart zu organisieren. Etwa, indem wir uns weniger auf Personen und ihr Werk konzentrieren, also etwa Marx, Rosa Luxemburg, Walter Benjamin, sondern eher auf Themenkomplexe und aktuelle Fragestellungen.

Magdalena: Letztes Jahr haben wir mit der »Kantine de Pizan« die Auseinandersetzung mit der französischen Philosophin Christine de Pizan auf das Thema feministische Utopien ausgeweitet. Das war der Versuch, das mal anders aufzuziehen. So konnten wir zwar den Bogen zu gegenwärtigen feministischen Auseinandersetzungen spannen, aber wir hatten auch den Eindruck, dass dadurch keine so fokussierte Diskussion entstehen konnte.

So kamen wir dieses Jahr dann auf Gramsci, weil sich an und mit ihm Fragestellungen bearbeiten lassen, die wir gerade für aktuell und wichtig halten. Da steckt nicht nur sehr viel zur Analyse gegenwärtiger Krisenerscheinungen drin, sondern es spielen auch strategische Überlegungen eine Rolle.

Julian: Zumindest für Chemnitz erscheint es mir paradigmatisch, dass es an Theoriearbeit fehlt. Vor kurzem ist Elisabeth Lenk gestorben, die damals eine relativ bekannte Rede auf einem SDS-Kongress hielt, bei der sie ihren Genoss*innen vorwarf, zu wenig Theoriearbeit und zu viel Praxis zu machen. Es braucht aber diese Reflexionsrolle, letztendlich auch für die Praxis. Und ich glaube, da lässt sich viel von Gramsci lernen.

Ein ganz wichtiger Punkt ist aber auch, dass diese Themensetzungen nicht daher kommen, dass wir vorher schon wüssten, was uns das bringt. Das Meiste ist entstanden, weil wir erst einmal Interesse hatten und neugierig waren. Aber im Laufe des Jahres der Vorbereitung haben wir uns dann immer mehr damit beschäftigt und teilen unsere Einsichten auch mit den anderen. Es ist ein gemeinsamer Lernprozess, den wir hier organisieren.

Was gehört denn konkret zu diesem gemeinsamen Lernprozess dazu? Was erwartet denn die Leute auf dem Festival?

Magdalena: Das meiste sind relativ klassische Vortragsformate mit anschließender Diskussion. Aber wir haben auch gemeinsame Workshops, wo etwa Texte zusammen gelesen werden und es gab Lesekreise zur Vorbereitung. Dazu gibt es Stadtspaziergänge, um die Stadt Chemnitz mit einzubeziehen, Konzerte oder andere musikalische Formate. Und natürlich Rahmenprogramm wie etwa Kickboxen und Siebdruck.

Julian: Das Programm ist über die Jahre auch gewachsen. Im ersten Jahr war alles vergleichsweise sehr klein und dadurch irgendwie familiär. Es sind Leute von außerhalb gekommen, die ja zum Teil geblieben sind und wiederkommen wollten. So trifft man hier neben neuen Leuten eben auch alte Bekannte. Es entsteht daraus eine Art Netzwerk. Das ist ein weiteres Merkmal der Kantine, das ich sehr schätze.

Magdalena: Generell finde ich, dass Theoriearbeit in der Linken zu oft losgelöst vom Handeln oder auch der eigenen Orientierung in der Welt stattfindet. Es ist eher ein Selbstzweck geworden. Bei vielen linken Theorieveranstaltungen macht mich das häufig unzufrieden, denn es ist wie verschenktes Potenzial. Man geht relativ schnell wieder auseinander, nachdem man Input bekommen hat. Es kann sich auch gar nicht ein Gefühl dafür einstellen, was eigentlich die anderen denken, was für Ideen und Gedanken im Raum stehen. Und genau das versuchen wir zu ermöglichen: eine hohe Intensität des Austauschs, durch diese lange Zeit, die man zusammen verbringt, durch den gemeinsamen Ort, der auch einfach dazu einlädt, sich kennenzulernen und auszutauschen.

Gibt es denn auch in der Organisation oder Konzeption des Festivals Lernprozesse? Habt ihr euch professionalisiert?

Magdalena: Professioneller ist es in den letzten Jahren auf jeden Fall geworden. Unser Budget hat sich erweitert und das Netzwerk ist gewachsen. Daraus ergibt sich aber auch ein gewisses Spannungsverhältnis.

Julian: Das erste Jahr hatte noch einen deutlichen DIY-Charakter, einfach weil wir auf vieles nicht vorbereitet waren. Da mussten dann auch die Teilnehmenden mit anpacken. Jetzt haben wir – mit den Mitteln des Subbotnik – die Möglichkeiten, vorweg schon viel zu planen, damit wir uns während des Festivals nicht damit beschäftigen müssen. Aber darunter leidet natürlich auch die Spontanität, die ihren ganz eigenen Charme hatte. Das ist der Preis, wenn man größer werden und mehr Reichweite oder Relevanz haben will.

Spielt es in dem Zusammenhang für euch eine Rolle, dass Chemnitz 2025 Kulturhauptstadt wird?

Julian: Ja, die Webseite des Kulturhauptstadt-Marketings hatte unser Festival beworben. Das ist schon merkwürdig, denn in dem Rahmen, in dem wir uns in der Stadt bewegen, begleiten wir den Prozess rund um die Kulturhauptstadt sehr kritisch. Wir wollen uns da nicht vereinnahmen lassen.

Magdalena: Ich glaube, für fast alle Linken in Chemnitz ist es gerade eine relevante Frage, wie man sich dazu verhält. Es ist unfassbar, wie viele Fördergelder es gibt und dadurch auch Möglichkeiten, gute Projekte voranzubringen. Aber gleichzeitig zwingt es einen auch zu Kompromissen. Die Bedeutung des Ganzen ist momentan noch nicht abzusehen und wir versuchen, die nötige Distanz zu wahren.

Julian: Für genau diese Auseinandersetzung konnten wir von Gramsci in dieser Woche einiges lernen. Man muss erst einmal verstehen, wo überhaupt die Schnittpunkte zum Eingreifen liegen. Einerseits vereinnahmt die Stadt sehr viel unter dem Schlagwort Kultur, andererseits werden dadurch auch ganz andere Sachen für uns möglich. Veranstaltungen können abends und nachts länger laufen, man kann sich Räume aneignen und mit dem Argument Kulturveranstaltung viel mehr durchsetzen. Da kann die Stadt nicht einfach sagen, das ginge nicht. Im Rahmen der Kulturhauptstadt müssen sie sich jetzt immer dazu verhalten.

Man kann das auch als eine Chance begreifen. Wir können dafür sorgen, dass alternative Räume an den Geldern und Möglichkeiten beteiligt werden und nicht nur die »hohe Kultur«, die man in Chemnitz immer so gerne haben will. Das muss nicht gleich Unterordnung und schlechte Kompromisse bedeuten. Mit Gramsci kann man auch erkennen, dass man der konkreten Situation gerecht werden muss. Da macht Theorie eben wirklich den praktischen Unterschied.

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