Eine Flutschutzmauer mit Hintertür

20 Jahre nach dem extremen Hochwasser 2002 in Sachsen sind Städte wie Grimma besser geschützt, aber nicht perfekt

Die historische Altstadt von Grimma, die 2002 durch ein extremes Hochwasser verwüstet wurde, ist jetzt durch eine mehr als zwei Kilometer lange Mauer besser geschützt.
Die historische Altstadt von Grimma, die 2002 durch ein extremes Hochwasser verwüstet wurde, ist jetzt durch eine mehr als zwei Kilometer lange Mauer besser geschützt.

Der Mulde in Grimma fehlt es an Wasser. Sand- und Kiesbänke tauchen im Bett des Flusses auf; dass er in Richtung Elbe strömt, ist kaum noch zu erkennen. Axel Boppe fasst den Mangel, der durch den seit Wochen ausbleibenden Regen verursacht ist, in Zahlen: »Derzeit fließen hier acht Kubikmeter pro Sekunde vorbei«, sagt der Wasserwirtschaftler, der bei Sachsens Landestalsperrenverwaltung (LTV) Bereichsleiter für die Region ist: »Normal wären 60.«

Am 11. August 2002 war die Mulde noch leerer als heute. Dann öffnete der Himmel im Erzgebirge unvermittelt seine Schleusen. Bis zu 312 Liter je Quadratmeter gingen in der Region nieder. Enorme Flutwellen ergossen sich über deren Nebenflüsse in die Elbe, rissen Häuser, Bäume und Brücken mit und verwüsteten Ortschaften. In Dresden wurde ein Rekordpegelstand von 9,40 Meter erreicht. In Grimma stieg der Durchfluss der Mulde von vier auf 3000 Kubikmeter je Sekunde. Die Strömung war so stark, dass in den Straßen das Pflaster und darunter liegende Versorgungsleitungen herausgerissen wurden. Die historische Altstadt verwandelte sich in ein Trümmermeer. Die Schäden allein in Grimma wurden auf 220 Millionen Euro beziffert, in ganz Sachsen waren es sechs Milliarden. 21 Menschen starben.

20 Jahre später steht Boppe vor einem Bauwerk, das ähnliches Unheil künftig verhindern soll: eine zweieinhalb Kilometer lange Mauer. Sie schützt die Stadt dort vor Hochwasser, wo es keine natürlichen Geländeerhebungen gibt. Das Bauwerk ist insgesamt knapp 16 Meter hoch – davon allerdings zwölf Meter unter der Erde. Grimma steht, erklärt der Ingenieur, auf einem eiszeitlichen Geröllfeld voller Hohnräume. Wäre nur eine Schutzmauer mit üblicher Gründung errichtet worden, würde Wasser im Untergrund wie durch ein Sieb einsickern. »Binnen sieben Stunden stünde die Stadt unter Wasser«, sagt Boppe. Folglich musste das Bauwerk bis auf den Fels in zwölf Meter Tiefe abgedichtet werden – ein enormer technischer und finanzieller Aufwand, der zudem weitere Anlagen notwendig macht. Weil sich das Grundwasser sonst wie in einer Wanne sammeln und aufstauen würde, wird es in mehreren eigens angelegten Brunnen gesammelt und abgeleitet.

Flutschutz passend zum Denkmalschutz

Die Verhältnisse im Untergrund waren nicht die einzige Herausforderung. Grimma ist eine über 800 Jahre alte Stadt, die von Häusern aus der Renaissance geprägt ist, dazu Kirchen, eine historische Stadtmauer und Baudenkmale wie die Fürstenschule direkt am Ufer der Mulde. Diese hinter einem Wall aus Stahlbeton zu verstecken, wäre undenkbar gewesen. »Die Grimmaer Bürger promenieren sonntags gern am Ufer gegenüber«, sagt Boppe, »und sie wollen dabei das vertraute Stadtbild genießen.« Also wurden Sonderlösungen ausgetüftelt. In der Fürstenschule, einem heutigen Gymnasium, wurde die Schutzmauer ins Innere des Gebäudes verlegt. Die Verbindung zur Aula in einer früheren Klosterkirche stellt eine so genannte Pergola mit fünf stählernen Flutschutztoren her, die dem Kreuzgang von mittelalterlichen Klöstern nachempfunden wurden. Und von der Stadtmauer wurde vor dem Betonwall eine exakte Nachbildung angelegt – aus dem gleichen Porphyr und mit demselben Fugenmuster.

All das war teuer: 57 Millionen Euro wurden in den Schutz der Stadt investiert. Zudem handelt es sich um Meisterleistungen der Ingenieure. »Wir sind in Grimma immer wieder an Grenzen gestoßen«, sagt Boppe. Wie sie überwunden werden und wie eine Stadt zuverlässig zu schützen ist, interessiert angesichts des weltweit steigenden Risikos von Extremwetterereignissen auch Fachleute aus aller Welt. Techniker aus Asien etwa lassen sich in der sächsischen Stadt zeigen, wie schneller Flutschutz funktioniert. »Hier sind alle Fluttore binnen 90 Minuten geschlossen«, sagt der Ingenieur: »Das üben wir mit Feuerwehr und THW jedes Jahr im Mai.«

Ob derlei technischer Hochwasserschutz, also das Errichten, Erhöhen und Befestigen von Dämmen, Deichen, Schutzmauern und Rückhaltebecken, die einzig angemessene Antwort auf das durch den Klimawandel steigende Flutrisiko ist, darüber wurde nach 2002 viel gestritten. Naturschützer betonten, dass Flüsse nicht zuletzt deshalb so stark anschwellen und zu reißenden Strömen werden, weil sie vielerorts zwischen Deiche gezwängt und begradigt wurden. Eine Konsequenz des verheerenden Hochwassers war, dass sie mehr Raum erhalten sollten. In einer Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt stellte die Bundesregierung das Ziel auf, bis 2020 die Rückhaltefläche der Flüsse um zehn Prozent zu steigern. Das habe man klar verfehlt, kritisiert die Naturschutzorganisation WWF. Unter deren Regie wurde zwar im Lödderitzer Forst bei Dessau eines der größten Projekte zur Rückverlegung von Deichen umgesetzt; es entstanden 600 Hektar zusätzlicher Überflutungsfläche. Bundesweit aber, bilanziert der WWF, sei die Fläche entsprechender Auen seit 1983 nur um 7100 Hektar gestiegen, magere 1,5 Prozent.

Zweite Flut ließ Gegenwehr erlahmen

Immerhin: Auch die Mulde erhält nahe Grimma, bei Groß-Sermuth, mehr Raum, sagt Boppe. In der Stadt selbst habe es »keine Alternative zu technischem Hochwasserschutz« gegeben, fügt er an. Das war umstritten. Zwei Bürgerinitiativen wehrten sich erbittert. Die Flut 2002 galt als Hochwasser, wie es statistisch in 500 Jahren nur einmal vorkommt; mancher Bürger hielt die geplanten Schutzmaßnahmen für überzogen. Dann freilich kam 2013 die nächste Flut, nur anderthalb Meter niedriger als 2002 – das zweite Jahrhundertereignis innerhalb von elf Jahren. Erneut gab es Millionenschäden. Danach flaute der Widerstand spürbar ab. Klagen gegen die geplanten Baumaßnahmen gab es trotzdem, und einzelne Grundstücksbesitzer wurden sogar enteignet, um Schutzanlagen errichten zu können.

Derlei Bauwerke gibt es zwei Jahrzehnte nach der Flut nicht nur in Grimma, sondern überall in Sachsen. Insgesamt seien 749 »teilweise hochkomplexe« Maßnahmen angegangen worden, von denen 570 abgeschlossen sind, bilanziert Umweltminister Wolfram Günther (Grüne). Dafür seien 3,3 Milliarden Euro von Freistaat, Bund und EU investiert worden. Neue Rückhaltebecken erhöhten den Stauraum für Hochwasser von 122 auf 168 Millionen Kubikmeter. Ein modernes Landeshochwasserzentrum hat Möglichkeiten zu Information und Warnung im Vergleich zu 2002 deutlich verbessert.

Die Stadt Grimma fühle sich dank der Flutschutzanlagen heute sicherer, sagt Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos) kurz vor dem 20. Jahrestag. Den will er ausdrücklich nicht als »Jubiläum« bezeichnen. Ein Bürgerfest, das am Samstag stattfindet, diene vielmehr dazu, die Schutzeinrichtungen »in Besitz zu nehmen«. An Gästen wird es wohl nicht mangeln.

Wie stark die Flut ansonsten noch in den Köpfen der Bürger präsent ist, darüber darf spekuliert werden. Zwar war diese nur der Auftakt für eine ganze Reihe von Hochwasserereignissen in Sachsen: 2006 und 2006 an der Elbe, 2010 an Spree und Neiße, 2013 erneut an der Elbe und ihren Nebenflüssen. »Anfangs verfiel man bei jedem starken Regen in Panik«, sagt Berger. Aber nach ein paar Jahren habe eine »Hochwasser-Demenz« eingesetzt. Höchstens Katastrophen wie im Ahrtal im Juli 2021 weckten die Erinnerung an den eigenen Albtraum. Zugleich aber lenkten zahlreiche Krisen die Aufmerksamkeit der Bürger ab, sagt Gerd Lippold (Grüne), Staatssekretär im Umweltministerium, bei einem Besuch in Grimma. Sorgen bereiten den Sachsen derzeit Extremereignisse anderer Art: Der Freistaat kämpft mit den Folgen anhaltender Dürre, zu denen auch beispiellose Waldbrände wie in der Sächsischen Schweiz gehören.

Dennoch ist ein neues Hochwasser jederzeit möglich. »Die Wahrscheinlichkeit für lokale und regionale Extremwetter hat durch die Klimakrise zugenommen«, sagt Umweltminister Günther. Einen absoluten Schutz gibt es dabei nicht – auch nicht für Grimma mit der neuen Flutmauer. An dieser prangen Flutmarken: eine von 1845, eine von 2013. Die von 2002 fehlt. »Sie läge über der Mauerkrone«, sagt Boppe. Laut Gesetz müssen Schutzanlagen so bemessen sein, dass sie vor einem Hochwasser schützen, wie es rechnerisch alle 100 Jahre auftritt. Die Flut von 2002 war schlimmer. Würde sie sich wiederholen, flösse das Wasser erneut in die Stadt. Immerhin hat die Flutmauer quasi eine Hintertür; sie ist so ausgeführt, dass Grimma langsam geflutet würde statt mit einer reißenden Flutwelle, sagt Boppe: »Die Schäden wären deutlich geringer.«

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