Systemrelevantes Morden

Der Streik der Bergleute von Marikana vor zehn Jahren war der versuchte Ausbruch aus Südafrikas kolonialem Wirtschaftssystem. Er endete im Kugelhagel der Polizei

  • Von Christian Selz, Kapstadt
  • Lesedauer: 6 Min.
Familienangehörige und Mitglieder der Gemeinde versammeln sich 2012 auf einem Hügel mit Blick auf den Schauplatz des Marikana-Massakers.
Familienangehörige und Mitglieder der Gemeinde versammeln sich 2012 auf einem Hügel mit Blick auf den Schauplatz des Marikana-Massakers.

Marikana war der Sündenfall des demokratischen Südafrika. Am 16. August 2012 schossen Polizeikräfte mit scharfer Munition aus halbautomatischen Schnellfeuerwaffen eine Versammlung streikender Bergarbeiter der Marikana-Mine nahe der gleichnamigen Kleinstadt im sogenannten Platingürtel nieder. 34 Bergleute fanden den Tod, 78 weitere wurden teils schwer verletzt. Gestreikt hatten die Arbeiter nicht nur für eine Erhöhung ihrer extrem niedrigen Löhne, sondern auch für bessere Lebensbedingungen. Zehn Jahre später hat sich die Situation für manche Bergleute tatsächlich verbessert, aber längst nicht für alle. Im Juni traten bei Subunternehmen beschäftigte Kumpel erneut in den Streik. Kurz darauf wurde ein Betriebsrat ihrer Gewerkschaft Numsa getötet. Das Klima an den Minen bleibt auch ein Jahrzehnt nach dem Massaker mörderisch.

2012 fand der Kugelhagel vor laufenden TV-Kameras statt, die verstörenden Bilder waren wieder und wieder in den Nachrichten zu sehen. Die Szenerie wirkte nahezu arrangiert – und auf eine perverse Art war sie das wahrscheinlich auch. Die Leichenwagen jedenfalls, das kam später durch die Arbeit der Falam-Kommission zur Untersuchung des Massakers ans Licht, waren schon vorab bestellt worden. Und während sich die von den ersten Salven getroffenen Bergarbeiter noch vor Schmerzen im Staub krümmten, setzten die Polizisten gar nach. Sie verfolgten die fliehenden Kumpel und erschossen etliche weitere, die allermeisten aus nächster Nähe von hinten. Das brutale Gemetzel erinnerte an die Gräueltaten des Apartheid-Regimes, an die Massaker von Sharpeville 1960 oder Soweto 1976. Doch 2012 stand eine schwarze Frau an der Spitze der Polizei, eingesetzt von einer frei gewählten Regierung, geführt von der ehemaligen Befreiungsbewegung African National Congress (ANC). Dennoch war es ein Gesetz aus jener dunklen Ära des institutionalisierten Rassismus, das der südafrikanische Staat anschließend bemühte, um in beispielloser Perfidität die Überlebenden wegen Beihilfe zum Mord an ihren eigenen Kollegen anzuklagen. Sie hatten ja schließlich den Aufstand angezettelt, so die abstruse Argumentation. Die Verfahren wurden letztlich eingestellt. Gegen die Verantwortlichen in der Staatsführung, beim Minenbetreiber Lonmin und bei der Polizei wurden sie aber erst gar nicht eingeleitet, sie blieben allesamt straffrei. Eine Untersuchungskommission erkannte schließlich zwar ein Fehlverhalten der Einsatzkräfte und eine Mitverantwortung des Bergbaukonzerns, tatsächliche Konsequenzen hatte ihr Wirken aber nur für etliche Zeugen aus den Reihen der Bergarbeiter, die unter nebulösen Umständen ermordet wurden.

Der Streik von Marikana war der versuchte Bruch mit dem System, das der südafrikanischen Wirtschaft seit Kolonialzeiten zugrunde liegt. Billige schwarze Arbeitskräfte, deren Vorfahren einst durch Landraub in die Armut und so schließlich in die Schächte getrieben wurden, holen gigantische Vorräte an Steinkohle und Edelmetallen aus der Erde, haben davon aber – abgesehen von den gesundheitlichen Folgen dieser Knochenarbeit – wenig bis nichts. Die Hungerlöhne, mit denen sie abgespeist werden, stellen sicher, dass auch ihre Kinder wieder in den Minen schuften werden. Mit radikalen Gehaltsforderungen drohten die Kumpel diesen Kreislauf zu durchbrechen. Weder Kapital noch Staat waren bereit, das zuzulassen. Entsprechend brutal wurde der Aufstand niedergeschlagen. Selbst die längst von den Bossen kooptierte Bergarbeitergewerkschaft Num stellte sich damals gegen die Kumpel. Sie ließ eine Woche vor dem Massaker gar den Sicherheitsdienst ihres Büros als erstes auf Streikende schießen, die sich davor versammelt hatten.

Die Verbitterung unter den Bergleuten hat die Konzerne dennoch einiges gekostet. Nach dem Massaker kollabierte die staatsnahe Num, ihr Einfluss insbesondere in den niedrigeren Lohngruppen ist heute nahezu verschwunden. Die neue Macht an den Minen heißt seit AMCU, damals eine junge, radikale Gewerkschaft, die im Rahmen des Streiks von Marikana rasant Mitglieder gewonnen hatte und nun die Mehrheit der Beschäftigten im Platingürtel organisiert. 2014, keine zwei Jahre nach dem Massaker, streikten die Kumpel wieder, mit Unterstützung der AMCU, ganze fünf Monate lang. Angetrieben wurden sie dabei auch vom Andenken an die erschossenen Kollegen. Immer wieder war das Argument zu hören, dass die Toten von Marikana nicht umsonst gestorben sein durften. Seitdem hat die AMCU in mehreren Tarifrunden Abschlüsse deutlich über der Inflationsrate erzielt. Gewerkschaftsführer Joseph Mathunjwa sprach zuletzt Ende Juni nach einem Tarifabschluss beim Platinförderer Impala gar davon, dass die Bergarbeiter nun auf einem Pfad ökonomischer Mobilität seien. Auf 21 000 Rand (1200 Euro) soll das Einstiegsgehalt der Kumpel dort zum Ende der Laufzeit des nun unterzeichneten Abkommens ansteigen – das allerdings erst in fünf Jahren. Als Hungerlohn lässt sich das Gehalt in Südafrika nicht mehr bezeichnen, wirtschaftliche Prosperität verspricht es bei Lebenshaltungskosten, die nicht weit unter denen in Deutschland liegen, aber auch nicht.

Die Konzerne haben allerdings längst eine neue Variante des Teilens und Herrschens gefunden: Etwa ein Viertel der Bergarbeiter ist inzwischen über Subunternehmen und Zeitarbeitsfirmen angestellt und verdient deutlich weniger als ihre festangestellten Kollegen. Die Gewerkschaft Numsa, die sonst hauptsächlich Arbeiter in der Metallindustrie organisiert, rief deshalb im Juni bei drei Subunternehmen von Impala zum Streik auf. Während AMCU sein Tarifergebnis für Festangestellte feierte, erklärte die Numsa fast zeitgleich, die beim gleichen Bergbaukonzern Impala tätigen Subunternehmen beuteten Arbeiter aus und zahlten teils nur ein Drittel dessen, was die Stammbeschäftigten erhielten. Die Subunternehmen wiesen die Vorwürfe zurück. Zwei der drei Firmen erwirkten zudem eine einstweilige Verfügung gegen den Streik und weigerten sich, mit der Gewerkschaft zu verhandeln, da die Numsa bei ihnen nicht die Mehrheit der Beschäftigten vertrete. Noch während des Streiks wurde ein Numsa-Betriebsrat bei einer der Firmen von zwei Angreifern in seinem Haus erschossen. Bereits vor einem Jahr war ein anderer Numsa-Gewerkschafter, der ebenfalls versucht hatte, bei Impala Bergarbeiter zu organisieren, getötet worden. Die Täter wurden nie gefasst, die Gewerkschaft appellierte nun noch einmal an die Polizei, die Mörder zu ermitteln.

Bereits 2012 hatte es in den Tagen vor dem Massaker mehrere Tote gegeben, auch damals hatte sich das bestreikte Bergbauunternehmen geweigert, mit der Gewerkschaft der Streikenden zu verhandeln, weil diese auf dem Papier keine Mehrheit im Betrieb hatte. Es ist offensichtlich, wie leicht entflammbar die Situation auch jetzt wieder ist, zumal auch bei den Lebensbedingungen kaum Fortschritte zu erkennen sind. 5000 Häuser wollte Lonmin schon lange vor dem Streik 2012 für seine Bergleute gebaut haben und brüstete sich dafür auch in Hochglanzprospekten. Wirklich entstanden waren lediglich zwei Vorzeigebauten. Der Mann, der im Aufsichtsrat des Bergbaukonzerns für die Sozialprogramme zuständig war, schrieb dann während des Streiks eine E-Mail an die Polizeiführung und verlangte »entschlossenes Handeln« gegen die »kriminellen Elemente«. Sein Name ist Cyril Ramaphosa, er war in jungen Tagen Gewerkschaftsführer an den Minen, stieg dann im ANC auf, wurde mit Unternehmensbeteiligungen zum Milliardär und ist heute Staatspräsident Südafrikas. Bis auf eine kurze Entschuldigung für seine Wortwahl in besagter E-Mail hat er nie Schuld eingestanden, geschweige denn Reue gezeigt.

»Als ich Anfang 2022 die Bergleute von Marikana besuchte, konnte ich wieder einmal sehen, dass die dortigen Lebensbedingungen noch schlimmer sind als zu Zeiten des Streiks von 2012«, schrieb Johannes Seoka, bis 2015 Bischof von Pretoria, in seinem jüngst erschienenen Buch »Marikana – Eine offene Wunde«. Der Kirchenmann war einer der wenigen Funktionsträger, die die Kumpel bereits 2012 unterstützt hatten. »Vor Ort ist von einer Verbesserung nichts zu sehen. Wie in den meisten rohstoffreichen Ländern – wie Sambia, Kongo oder Angola mit ihren Gold-, Diamanten-, Platin-, Erdöl-, Kupfer- und Bauxitvorkommen, um nur einige zu nennen – sterben die Menschen auch in Marikana trotz des Reichtums an natürlichen Ressourcen an Hunger und viele sind arbeitslos«, konstatiert er nun. Nicht einmal eine Gedenkstätte für die Opfer gebe es in dem kleinen Ort 80 Kilometer westlich der südafrikanischen Hauptstadt, bemängelt Seoka. Die Opfer drohen so irgendwann in Vergessenheit zu geraten. Das System, dem sie zum Opfer fielen, hat weiter Bestand.

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