Experimente im Flachbau

Kunst und Kollektiv (4): In den 2010er Jahre wollte man in Berlin linkes Theater neu erfinden. Akademiker gegen Praktiker: Ab und zu kam es zum Eklat

Sind sich hier auch alle einig?
Sind sich hier auch alle einig?

Allein machen sie dich ein, wie Rio Reiser im gleichnamigen Lied von Ton Steine Scherben singt. Institutionen haben es eben so an sich, dass Einzelne oft an und in ihnen scheitern. Und künstlerische Kollektivanstrengungen entstehen nicht selten aus der schon frühen Erfahrung innerkulturbetrieblicher Frustration: Einrichtungen, die dazu da sind, ihre ambitionierten Schützlinge im sogenannten Handwerk zu unterweisen, neigen dazu – nicht zuletzt aufgrund der schmerzhaften Einsicht im Lehrkörper, dass stets Neue nachkommen, die zeitgeistige Ideen haben, die er nicht versteht und von denen einige möglicherweise künstlerisch an ihm vorbeiziehen werden – den irgendwie Unangepassten und daher oft Großspurigen, wo es nur geht, eins auszuwischen. Stattdessen fördert man zwinkernde Abgeklärtheit, die von Anfang an darauf aus ist, sich selbst zu verorten, um im Betrieb treffsicher mitzuspielen.

Mitte der Zehnerjahre begab es sich, dass ein sehr reicher Mann aus Südwestdeutschland, der Städte und ihre Bewohner als störrische Spielfiguren betrachten muss, um mit ihnen umspringen zu können, wie er will, seiner vernachlässigten Tochter, die Schauspielerin werden wollte und auch wurde, einen kleinen Flachbau auf Zeit vermachte. Der befand sich im Berliner Niemandsland zwischen Kreuzberg und Mitte neben einem sehr hohen Turm in Kanalnähe. Der Flachbau, eine ehemalige Postbankfiliale, sollte abgerissen werden, das Grundstück umgestaltet; was heute in dem Turm ist, heißt Gewerbe und hilft keinem. Aber knapp zwei Jahre lang konnte ein Haufen von Studenten und Absolventen von Schauspielschulen, Kunst- wie auch normalen Unis, die sich irgendwie mit den darstellenden Künsten und dem kritischen Denken beschäftigten, in sechs unterschiedlich großen Räumen Pläne verfolgen. Dort fanden zwar auch Diplomaufführungen statt und es gab Leute, die für ihr Vorsprechen an Schauspielschulen übten, doch vor allem ging es darum, in relativ freier Assoziation Bühnenstücke, Videos und Auftritte zu machen ohne die Aufsicht etablierter Besserwisser. Und darum, sich mit Leuten zu konfrontieren, die man in der eigenen höheren Schule nicht kennengelernt hätte.

Im Jour-Fixe-Format wurden Szenen, Tänze, Texte und Musik denjenigen vorgestellt, die Lust hatten, dabei zu sein – und nun mal wen kannten, der schon dabei war. Es gab Lesekreise und Seminare. In der Regel profilierten sich dort die diskussionserprobten Philosophen vor unbedarften Praktikern, die nicht so recht Lust hatten, fertig- und ja doch nur ausgedachte Theorien dem Publikum und sich selber vorzuspielen. Aber genau diese Konflikte halfen dabei, dass gespenstisch-vergeistige Selbstgespräche von edgy Akademikern genauso wenig als der Wahrheit letzter Schluss betrachtet wurden wie die aktuellen oder aktualisierten Trends der Diskurs- und Kunstindustrie. Das Arbeitsumfeld selbst war als weitgehend geschichtslose Ruine selbst Akteur: In einem Raum befand sich ein riesiger Tresor außer Gebrauch, eine Tür am Ende des Ganges hätte bei Beschädigung angeblich sofort die GSG 9 auf den Plan gerufen. Die Rauchmelder waren modern und die in weiße Kurzarmhemden gezwängten Sicherheitsbefugten sorgten dafür, dass um zehn Uhr abends Schluss war. Interesse konnten wir keins bei ihnen wecken. Wir durften an einem entkernten Arbeitsplatz für Bankangestellte rumspinnen, der musste aber die Form wahren.

Organisationsstress auf sich zu nehmen verleiht Autorität, macht aber auch garstig, denn wer Mailverteiler unterhalten, viele Quadratmeter putzen muss und auch noch Essen beschafft, sieht darin die eigenen Anlagen nicht verwirklicht. Es half auch nichts, Aufgabenbereiche nach Ministerien zu benennen. Künstlerische Kollektivität kriegt schnell etwas Gekünsteltes. Immer wieder kam es zu Eklats. Karrieristen nutzten Räume als Abstellkammer für Kostüme und Requisiten, die bei einer bezahlten Produktion ganz woanders zum Einsatz kommen würden; Redaktionsräume für revolutionäre Broschüren wurden nicht bereitgestellt, woraufhin der Kleinbürgervorwurf grassierte; ein engagiertes Mitglied hat eine modelnde Medienkünstlerin nicht gefragt, ob man Material aus ihrer brandneuen Internetserie für eine Reflexionssitzung verwenden darf und wurde deshalb bei ihr verpfiffen (ohne rechtliche Konsequenzen); einem netten Teilzeit-TV-Kommissar wurde nach einer Darbietung dialektgetränkter Bob-Dylan-Cover ein Selbstmordattentat nahegelegt. Meinung, Ahnung, Einsatzbereitschaft mögen stark divergiert haben und, klar, libidinöse Verstrickungen strangulieren auch öfters Produktionsabläufe.

Manche machten im Anschluss Vorzeigekarrieren in Häusern mit Namen oder landeten auf der Leinwand mit öffentlich-rechtlich bereitgestellten Geldern; andere fanden in der sogenannten Provinz Möglichkeiten, offenere, kollektivere Formen des Theatermachens weiter zu erproben; wieder andere haben mit den Künsten beruflich nichts mehr zu tun. Aus den kollektiven Bemühungen in einem Gebäude wurde kein Label, sondern eine Freiwilligenzeit mit Freud und Leid: Man hat was versucht. Ungeil ist Scheitern nicht, wenn es um eine stalinistische Youtube-Soap geht, bei der hoffentlich niemand auf die Idee kommt, ihr einen Preis umzubinden. Und als ich mir im Rahmen eines Mai-68-Stücks, das unter anderem den Besuch des Schahs in West-Berlin und die dazugehörigen Proteste nachstellte, von dem eingangs erwähnten Geldgeber-Daddy aus dem Ländle eine Badenudel auf den Kopf schlagen ließ, die für den Holzpflock eines sogenannten Jubelpersers stand, wurde mir wenigstens wieder klar, dass die meisten von uns noch immer lieber ästhetische Ansprüche aus fetischisierten Widerständen der Vergangenheit ziehen, als die Aufführung (und damit auch die Selbstinszenierung) aufzugeben und Klartext über die Verhältnisse zu reden – ich inklusive.

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