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Weit mehr als Hitlers »Frontschwein«

Die Bundeswehr will sich noch immer nicht von unseligen Traditionen lösen

Wo geht's hier zur Aufarbeitung? Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) beim Truppenbesuch.
Wo geht's hier zur Aufarbeitung? Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) beim Truppenbesuch.

Es gibt nicht wenige, die sehen in Jakob Knab einen Quälgeist. In der Tat, der 71-Jährige ist stur. Knab versucht, altem und wiederauflebendem Nazigeist zu wehren. Weshalb er sich in besonderer Weise der Traditionspflege in der Bundeswehr annimmt. Der weithin geachtete Publizist Ralph Giordano hatte in seinen »Erinnerungen eines Davongekommenen« über Knab geschrieben, er sei »einer der raren Alltagshelden der Republik«.

Durchaus denkbar, dass man das im Verteidigungsministerium, in dem immer wieder »mit gebührender Hochachtung« abgefasste Schreiben Knabs landen, nicht so sieht. Dort und in nachgeordneten Bundeswehr-Truppenteilen orientiert man sich – trotz immer wieder verschärfter Traditionserlasse – an anderen »Helden«, die wohl auch nach Meinung der SPD-Hausherrin Christine Lambrecht sinnstiftend für die deutsche Parlamentsarmee sind. Einer heißt Walter Gericke. Das Stabsgebäude der zentralen Ausbildungsstätte der Bundeswehr-Fallschirmtruppe in Altenstadt trägt den Namen des einstigen Generalmajors.

So etwas gehört sich nicht, meint Knab und ist daher im Streit mit dem Lambrecht-Ministerium. Es gebe jede Menge Gründe, die gegen eine Ehrung von Gericke sprechen. Der Mann kommandierte als Bataillonskommandeur deutsche Fallschirmjäger beim Überfall auf Kreta, kämpfte als Regimentskommandeur in Italien und wurde im Zuge der westdeutschen Wiederbewaffnung im Range eines Generalmajors Chef der 1. Fallschirmjäger-Division der Bundeswehr. So verkürzt ist Gerickes Biografie nicht besonders aufregend.

Die Linke fragte nach, inwieweit sich die Gericke-Ehrung mit dem geltenden Traditionserlass der Bundeswehr vereinbaren lasse. Thomas Hitschler, Parlamentarischer Staatssekretär beim Verteidigungsministerium, teilte daraufhin mit: »GenMaj a. D. Gericke ist ein Angehöriger der Aufbaugeneration der Bundeswehr, die aufgrund der persönlichen Erfahrung des Missbrauchs militärischer Macht den Aufbau demokratischer Streitkräfte bewusst und gezielt einleitete, verwirklichte und verantwortete. Es ist das Verdienst der Gründergeneration, die Achtung und Wahrung der Grundrechte des Menschen zum ethischen Fundament des Dienstes in der Bundeswehr gemacht zu haben.« Für den 1982 geborenen Hitschler ist Gericke mit Sicherheit ein Guter, schließlich lässt sich schon bei Wikipedia nachlesen, dass er 1965 vom damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland erhalten hat.

Doch Gericke ist auch Träger des Ritterkreuzes mit Eichenlaub. Das verlieh der Massenmörder Adolf Hitler. Gericke war also kein beliebiges »Frontschwein« in einer Elitetruppe. Der professionelle Krieger war zugleich ein Verführer des Todes, denn er propagierte den verbrecherischen, von den Nazis begonnenen Zweiten Weltkrieg. In seinem Buch »Soldaten fallen vom Himmel«, verfasst 1940, beschreibt er den Überfall auf die Niederlande als »Ruhmesblatt deutschen Führertums« und huldigt dem »Heldentum des deutschen Soldaten«. In seinem Buch »Von Malemes bis Chania«, 1943 herausgegeben, liest man: »Warte, Du Schwein! Und am Weinberg erwischten sie ihn. Eine geballte Ladung fliegt. Qualm und Eisensplitter wirbeln hoch empor. Erledigt …« Die »stolzeste Erinnerung für alle Zeit« bleibt für Gericke »jener Empfang beim Führer«. Weiter heißt es: »Getreu dem Befehl des Führers tragen wir die Fahne voran.« Bald darauf trug er sie in die Weiten der Sowjetunion.

Die 2018 unter Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) erlassenen »Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege« zielen darauf ab, dass die Bundeswehr ihre Traditionen weit mehr als bislang aus ihrer eigenen Geschichte schöpfen soll. Doch Gerickes Leistungen beim Aufbau der Bundeswehr-Fallschirmjäger-Truppe lassen sich kaum mit den Grundsätzen einer demokratischen Armee in Übereinstimmung bringen. Die »Skandale von Nagold« kleben an dem Mann. Dort wurden Rekruten bei der Ausbildung zu Tode geschunden. Während seine Soldaten bei Hitzemärschen reihenweise ins Koma fielen, ließ sich ihr Chef in Uniform beim Bieranstich in Schongau fotografieren.

Das alles ist mühelos nachzulesen. Dennoch gab das Verteidigungsministerium nun erst einmal ein Gutachten zu »GenMaj a. D. Walter Gericke« in Auftrag. Es soll beim Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam erarbeitet werden. Davon, dass man dem »Quälgeist« Knab danken und sich vor der demokratischen Öffentlichkeit entschuldigen will, war aus dem Lambrecht-Ministerium bislang nichts zu vernehmen.

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