Alles andere ist Schall und Rauch

Ist Techno auch nur kulturelle Aneignung? Das fragt eine Ausstellung im Kreuzberger Bezirksmuseum

  • Von Robert Mueller-Stahl
  • Lesedauer: 5 Min.
Isoliertes Stampfen im Techno-Bunker? Der Ursprung elektronischer Musik liegt in ihrer gemeinschaftsbildenden Kraft.
Isoliertes Stampfen im Techno-Bunker? Der Ursprung elektronischer Musik liegt in ihrer gemeinschaftsbildenden Kraft.

»Die Ausstellung ist mir auch ein ganz persönliches Bedürfnis gewesen, denn mit der Clubkultur hier habe ich lange gehadert«, sagt Arastu Salehi. Er ist Gründer der Berliner Kunstagentur Art is the Place und Kurator der Ausstellung mit dem seltsam deutsch-englischen Titel »The Birth of Techno. From Detroit nach Berlin«, die derzeit im FHXB Friedrichshain-Kreuzberg-Museum zu sehen ist.

Techno ist in der Ära seiner Musealisierung angekommen. Nicht nur die Ausstellung »Berlin Global« im Humboldt-Forum hat in ihrem Geschichtspanorama pflichtbewusst einen Raum jener Musik zugesprochen, die oft und gern zum Soundtrack der Stadt erklärt wurde. Auch der Tresor, Berlins lange wohl wichtigster Techno-Club, hat eine viel beachtete Jubiläumsschau im Kraftwerk Mitte entwickelt. Nun also auch noch – eine Nummer kleiner – »The Birth of Techno« im Bezirksmuseum an der Adalbertstraße in Kreuzberg.

Erst einmal ist das natürlich Ausdruck des Erfolgs. Ausstellen ist Auswählen und die Wahl immer auch eine Würdigung. Doch mit dem Lob kommt schnell auch die Belanglosigkeit. Zumindest besiegelt die Ankunft in den städtischen Erinnerungslandschaften einmal mehr die Abkehr von den radikalen Anfängen. Andererseits aber kann gerade der Abstand zu den Ursprüngen ein neues Nachdenken über Geschichte und Gegenwart bewirken. Genau dafür steht die Ausstellung »The Birth of Techno«.

Um die Musik selbst geht es hier nur am Rande. An der Eingangstür im zweiten Stock verweist ein QR-Code zwar noch auf einen Mix, den der Detroiter Deephouse-DJ und -Produzent Rick Wade exklusiv für das Museum aufgenommen hat. Im Ausstellungsraum dahinter aber tritt sie erst einmal in den Hintergrund. Nicht der in Detroit im US-Staat Michigan in den 80er Jahren »geborene« und von dort aus später nach Berlin geschwappte Sound steht hier im Zentrum, sondern die Industrie, die um sie herum entstand.

Was bleibt eigentlich, wenn die Bässe verstummt sind? Auf der Suche nach Antworten führt die Ausstellung gleich zu Beginn weg vom Club und geradewegs hinein in den – digitalen – Hörsaal, wo Alexander Ghedi Weheliye, Professor für African American Studies an der Northwestern University in Illinois, den Transfer des Techno von Detroit nach Berlin als umfassende Problemgeschichte erzählt. In der rasanten Verwandlung von einer nischigen Avantgarde-Bewegung zur Millionen-Industrie habe sich schnell eine Asymmetrie eingestellt. Die dezidiert Schwarzen Ursprünge des Techno seien in der deutschen Hauptstadt schnell an den Rand gedrängt worden, sagt Ghedi Weheliye, der im thüringischen Nordhausen geboren wurde und unter anderem in Berlin studiert hat.

Auch Kurator Arastu Salehi sagt über die Berliner Clubkultur: »Die Szene war mir oft zu verschlossen, der Sound zu mechanisch, fast militant. Darin habe ich mich, wie viele andere People of Color auch, nie wirklich wohlgefühlt.« So war es bereits in den 90er Jahren. Während es einer überschaubaren Gruppe Detroiter DJs vorbehalten blieb, fortwährend in Berlin aufzutreten, entwickelte sich hier eine Szene, deren Protagonisten immer weniger am Austausch mit der Geburtsstadt des Techno gelegen war. Bezeichnend dafür war eine kleine Verschiebung in der Schreibweise. Aus Techno wurde bald Tekkno, etwa bei den Tekknozid-Parties, wo ein härterer, schnellerer, weniger souliger Sound propagiert wurde.

Gelegentlich, berichtet Alexander Ghedi Weheliye, habe sich noch ein drittes »k« dazugesellt. Darin habe zwar keine bewusste Anknüpfung an den rassistischen Ku-Klux-Klan gelegen. Vielmehr sei es Ausdruck einer schlichten Unwissenheit gewesen – und gerade dadurch symptomatisch für die Verfremdung, die die Musik im wiedervereinten Berlin nach 1990 erfahren hat.

Die Ausstellung erzählt die Geschichte des kometenhaften Aufstiegs des Techno in Berlin als eine Geschichte der kulturellen Aneignung und Ausbeutung, genauso aber auch der Auflehnung dagegen. Zugleich führt die Ausstellung hinein in die Tiefe der lokalen Techno-Szene im postfordistischen Detroit, zu der gerade auch weibliche Produzentinnen und DJs wie die im vergangenen Jahr verstorbene K-Hand gehörten, die für die Entstehung und Etablierung von Techno nicht weniger prägend waren, deren Wege aber ungleich seltener nach Berlin und Europa führten.

In Detroit aber konnten sie auch jenseits des berühmten Motown-Sounds an ein reiches Erbe musikalischer Gemeinschaftsbildung anknüpfen, etwa auch den Independent Jazz der 70er Jahre. »Diese Ursprünge möchten wir in das Bewusstsein zurückholen«, sagt Arastu Salehi, der für die Recherchen auch nach Detroit gereist ist. »Die Ausstellung ist eine Huldigung an die Künstler, die im gängigen Bild von Techno nur selten auftauchen.« Über all dem steht die mythologische Fabelwelt des Afrofuturismus, die etwa für das einflussreiche Elektro-Duo Drexciya in den frühen 90er Jahren untrennbar mit der Entwicklung des Techno verbunden war.

Es ist dieser Abschnitt, der am weitesten von Berlin wegführt. Und zugleich die direkteste Kritik an der hiesigen Clubkultur formuliert. Denn mehr noch als ein fachkundiger Streifzug durch die elektronische Musikgeschichte lässt sich die Ausstellung als Aufruf verstehen, eine neue Perspektive auf das Hier und Jetzt zu entwickeln.

»Wir brauchen diese Räume mehr als je zuvor«, sagt Sarah Farina. Die DJ, Musikproduzentin und Aktivistin hat gemeinsam mit ihrer Kollegin Senu im Vorfeld der Ausstellung kostenlose DJ-Workshops angeboten, bei denen sie Kreuzberger Jugendliche an die Welt des Auflegens herangeführt hat. Dabei ging es nicht nur um das technische Know-how, sondern erst einmal darum, eine Vorstellung von den Funktionen, ja vom Versprechen einer Party zu entwickeln. »Der geschichtliche Kontext ist dafür unabdingbar, denn er zeigt, dass Techno im Kern ein Ausdruck von Widerstand und Unabhängigkeit sein kann.«

Das ist es dann auch, was »The Birth of Techno« vermittelt. Es ist eine Erinnerung an die gemeinschaftsbildende, emanzipatorische Kraft des Techno. Musik – das ist ein Miteinander. Alles andere ist nur Schall und Rauch.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 11. September im FHXB Friedrichshain-Kreuzberg-Museum, Adalbertstraße 95A, 10999 Berlin. Öffnungszeiten: Di bis Do 12 bis 18 Uhr, Fr bis So 10 bis 20 Uhr, Eintritt frei.

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