Ausgraben, Aneignen, Ausprobieren

Die Ausstellung »Tresor 31: Berlin, Techno und die große Freiheit« – im Kraftwerk in der Köpenicker Straße erzählt die Anfänge von Techno

Sorry, Berghain. Man kann es drehen und wenden, wie man will. Der Tresor ist der wichtigste Club Berlins.
Sorry, Berghain. Man kann es drehen und wenden, wie man will. Der Tresor ist der wichtigste Club Berlins.

Club-Betreiber sind auch Archivare. Diese bei Organisatoren des Berliner Nachtlebens nicht unbedingt vermutete Eigenschaft wird bei der liebevoll zusammengestellten Schau »Tresor 31: Berlin, Techno und die große Freiheit« zu mehr als drei Jahrzehnten Techno deutlich. Klar, vor allem für das Finanzamt müssen auch die letzten Abrechnungsschnipsel aufgehoben werden. Und das Feld von Verwertungsrechten im Musikgeschäft ist nicht ohne. Schließlich waren auch die vordigitalen Zeiten, in die die Ausstellung beim Erzählen der Anfänge vorstößt, stark geprägt vom manuellen Herstellen von Flyern, Plakaten und Fanzines, die man voller Inbrunst sammelte und die sogar manchen Umzug, manche Räumung und manchen Wechsel der Lebenspartner mit ganz unterschiedlichen Interessen überstanden. Dennoch verblüfft die Fülle an dokumentarischem Material auf Papierbasis, das in der Ausstellung zu sehen ist und zum Startpunkt für imaginäre Reisen in so etwas Flüchtiges wie Konzerte, Raves und Klubnächte wird.

Dreh- und Angelpunkt ist der Tresor, Berlins wichtigster Klub, zumindest in der heroischen Phase der 1990er Jahre. Flyer aus den legendären Anfangszeiten sind fein säuberlich in Glasvitrinen ausgelegt. Aufschlussreich ist die Korrespondenz mit Musikproduzenten wie mit Ausstattern von Beschallungsanlagen. Unter anderem wird deutlich, dass Techno Boxen brauchte, die die Hersteller anfangs eher nicht im Sortiment hatten.

Die Erzählung greift aber auch über den Tresor hinaus und erinnert an das Berlin Atonal Festival, das bereits seit den frühen 1980er Jahren Avantgarde-Bands wie den Einstürzenden Neubauten, Haut oder auch Laibach aus Slowenien eine Plattform bot.

Auch der historische Kontext wird mitgeliefert. So ist unter anderem ein Maschine beschriebenes Blatt mit den Änderungen zur Reiseregelung für DDR-Bürger zu sehen. Dieses Dokument war der Auslöser für den Mauerfall. Das Verlesen dieses Inhalts führte im Herbst 1989 erst zum neugierigen Strom der Menschen von Ost nach West. Wenig später entfalteten die leeren Räume des deindustrialisierten Ostens eine Sogwirkung vor allem für die kreative Jugend aus beiden Teilen des zusammentaumelnden Landes. Zahlreiche Fotografien aus den 1990er Jahren laden zum Eintauchen in diese Zeit ein. Man sieht den Potsdamer Platz als eine Brache. Die Gemäuer, in denen die Klubs einzogen, waren komplett unsaniert und es gab vor allem viele Räume zum Ausprobieren aller möglichen Ideen.

Wie diese Brachen durchkapitalisiert wurden, gerade auch mithilfe des Kunst- und Unterhaltungsgeschäfts, zeigt mit Rückblenden bis in die 1920er Jahre der Film »Die leere Mitte« der Videokünstlerin Hito Steyerl, der neben anderen Videoarbeiten unter anderem zu den oft verkannten schwarzen Wurzeln von Techno sowie dem Einfluss der Detroiter Szene auf Berlin zu sehen ist.

Wie anders die Zeiten jetzt sind, demonstriert ein großes Flugblatt gleich im Eingangsbereich der Ausstellung. »Jugend braucht Raum« ist es übertitelt. Und mit Bezug auf die wilden 1990er Jahre, als es eben diesen Raum noch für vergleichsweise wenig Geld gab, wird hier geworben für Orte und Räume einer heutigen Jugend, die ebenfalls experimentieren möchte. Ja, Techno hat und hatte stets auch eine politische Komponente.

Den schönsten Beitrag hat das Kuratorenteam sich aber für die oberste Etage des baulich sehr beeindruckenden Kraftwerks aufgehoben. Der Künstler Anne de Vries hat Unmengen märkischen Sands in den ehemaligen Tempel der Industriekultur karren lassen und daraus eine Nachbildung des Tresors geformt. Man sieht Reste des Tresens, umgekippte Barhocker davor, aus Sand gefertigte Flaschen dahinter. Boxen liegen halb ausgeweidet auf dem Boden. Alle Objekte sind mit einer Sandschicht versehen – gerade so, als würden Ärchologen die Anlage gerade mit Schaufel, Spachtel und Pinsel freigelegt haben. Über Kopfhörer, die man im Eingangsbereich erhält, taucht man auch akustisch in Clubnächte ein. Und ganz besonders lohnt sich der Aufenthalt im ebenfalls im Maßstab 1:1 reproduzierten Toilettenbereich. Dort kann man in Interviews mit Machern, Künstlern und Besuchern eintauchen.

Die Großinstallation »Stomping Ground« spielt mit Historisierung der Techno-Kultur; die Szene wird im Zuge dessen gelegentlich auch überhöht und in einem Maße institutionalisiert, die mit der Freiheit der 1990er Jahre wenig zu tun hat. Den Tresor zum Ausgrabungsareal zu machen, hat aber auch bitteren Charme. Denn gerade die Freiräume, die diesen Club wie viele andere möglich gemacht hatten, gibt es nicht mehr. Fern wie die Römerzeit erscheinen die 1990er Jahre zuweilen.

Und auch jede Menge Lokalkolorit spielt herein. Vor 31 Jahren, als ein paar junge Abenteurer um Dmitri Hegemann den Tresor in der Nähe des Potsdamer Platzes eröffneten, war der noch eine wahre Sandwüste. Der Sand von damals scheint sich jetzt zum Nachbau des Clubs verdichtet zu haben.

Der historische Rückblick wird mit einem Konzertprogramm im Kraftwerk und im neuen Tresor, der im Kraftwerk sein aktuelles Domizil hat, begleitet.

Bis 28. August, Kraftwerk Berlin, Köpenicker Str. 70, 10179 Berlin.

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