Noch ausreichend Fischstäbchen

Kutterfischer in Nord- und Ostsee leiden unter hohen Spritkosten

  • Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Geschäfte könnten eigentlich schlechter laufen. Zwar sank der Pro-Kopf-Verbrauch an Fisch und Meeresfrüchten im vergangenen Jahr in Deutschland, aber im neunten Jahr in Folge haben die Verbraucher wieder mehr Geld ausgegeben, meldet das Fisch-Informationszentrum in Hamburg. 5,4 Milliarden Euro waren es 2021. Für dieses Jahr wird ein ähnlich gutes Ergebnis erwartet. Weniger Fisch, aber mehr Umsatz – hinter dieser Entwicklung verbirgt sich ein verändertes Einkaufsverhalten. So ist der teure Lachs nun die Nummer 1. Er stammt fast ausschließlich aus Norwegen.

Von dem Auftrieb der Fischwirtschaft spüren die deutschen Fischer daher wenig. Das Gesamtaufkommen an Fischerei- und Aquakulturerzeugnissen beträgt im Jahr etwa 2 Millionen Tonnen – das Gesamtvolumen der Einfuhren 1,8 Millionen Tonnen. Rund 90 Prozent der Fische, die hierzulande verzehrt werden, stammen also aus Importen.

Fischerei in Deutschland ist vor allem Kutterfischerei. Diese hat mit dem Brexit, insbesondere durch Quotenverluste, zu kämpfen. Die extrem gestiegenen Treibstoffkosten machen den Kutterfischern in Nord- und Ostsee nun das Leben zusätzlich schwer. Dieses Thema dürfte die dreitägige Jahrestagung ihrer Lobbyorganisation, des Deutschen Fischerei-Verbandes (DFV), in Berlin prägen. Präsident Gero Hocker sieht die Fischer trotz staatlicher Finanzhilfen »in ihrer Existenz bedroht«.

Die Zahl der Kutter gibt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft mit 1222 an. Vor zehn Jahren waren es noch mehr als 1500. Aktuell ließen in der Ostsee die Quotenentscheidungen der EU überhaupt keine Fischerei mehr zu, klagt DFV-Präsident Hocker. Im Oktober hatte die EU entschieden, dass die gezielte Fischerei auf Dorsch und Hering in diesem Jahr nahezu eingestellt wird. Die Fachminister folgten damit wissenschaftlichen Empfehlungen, besonders des Thünen-Instituts für Ostseefischerei in Rostock.

Die Situation der Krabbenfischer ist ebenfalls schwierig. Auf wirtschaftlich sehr schlechte Jahre folgten Coronakrise und nun der Treibstoffkosten-Blues. Die Nachfrage nach Krabben soll allerdings ungebrochen sein, die Preise also recht hoch. Unterm Strich, so der DFV, sei aber »eine auskömmliche Krabbenfischerei unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum möglich«.

Die Hochseefischerei spielt ohnehin nur eine kleine Nebenrolle. Lediglich sieben deutsche Trawler tummeln sich vor Grönland, im Nordostatlantik oder Südpazifik. Ein Grund, warum rund 75 Prozent des in Deutschland konsumierten Alaska-Seelaches – hierzulande der zweitbeliebteste Fisch – sogar aus Russland stammen. Ein Großteil des von russischen Trawlern gefangenen Fischs wird dann zum Handfiletieren nach China gebracht. Tiefgefroren und in Containern gelangt der Seelachs dann nach Deutschland und Europa, wo er hauptsächlich zu Fischstäbchen und anderen Industrieprodukten verarbeitet wird.

Leichte Entwarnung verspüren die Fischer an der Umweltfront. Mit Blick auf klimarelevante Emissionen seien Fische der Fleischproduktion meilenweit voraus, zeigt sich die Branche überzeugt und verweist auf wissenschaftliche Studien. Die Kritik von Umweltverbänden an extensiver Fischerei kontern die Fischer mit dem Hinweis, dass gerade die hierzulande beliebten Fische aus kalten Gewässern wie der Nordsee sich stärker vermehrten als in der Vergangenheit. Und das Thünen-Institut für Fischereiökologie in Bremerhaven hat außerdem festgestellt, dass Mikroplastik, das beim Zerfall von Plastikmüll entsteht, weniger schädlich für Fische ist als befürchtet. Untersuchungen zeigten keine Beeinträchtigung der Gesundheit.

Im Gegensatz zu vielen Medien lobt der Fischerei-Verband die polnischen Behörden für ihr zügiges Eingreifen in der Oder: Freiwillige Helfer aus der Anglerschaft und Berufsfischer seien gut angeleitet und koordiniert worden. Seltene Störe, die kürzlich angesiedelt worden waren, konnten gerettet werden. Und es gebe Sichtungen von Fischbrut, die Oder sei keinesfalls »fischfrei« geworden.

Ähnlich hatten sich Regierungsvertreter in Warschau geäußert. Sie warfen der deutschen Seite dramatisierende Falschmeldungen vor. In Polen habe man inzwischen 26 Sperren in den Fluss gelegt, um tote Fische einzusammeln, auf deutscher Seite seien es nur drei, sagte Vizeaußenminister Szymon Szynkowski vel Sęk. Ausmaß und Ursache des Fischsterbens sind weiterhin ungeklärt.

Niedrigwasser in Rhein, Elbe und anderen Flüssen beeinträchtigt neben der Binnenschifffahrt auch die wenigen verbliebenen professionellen Flussfischer. In der Elbe soll es noch drei Elbfischer geben, die vor allem Stinte fangen. Die meisten der etwa 600 sogenannten Erwerbsfischer im Haupt- und Nebenberuf bewirtschaften Seen und Talsperren. Doch im Bodensee, dem ertragreichsten Gewässer, sinken seit zwei Jahrzehnten die Erträge. Fische haben zu wenig Nahrung und zu viele Fressfeinde. Für die Fluss- und Seenfischerei steht daher die Lösung der Probleme mit Prädatoren wie Kormoran, Reiher und Otter im Vordergrund der Verbandstagung.

Das triste Bild der Profi-Fischerei in einer an sich wachsenden maritimen Lebensmittelbranche runden die Aquakulturen ab. Während sich die weltweite Produktion in den letzten 20 Jahren verdoppelt hat – oft zulasten der Umwelt –, gab es in Deutschland sogar einen Rückgang. Hier gibt es ebenfalls große Probleme mit Prädatoren, die ein Wachstum der Produktion verhindern. Außerdem beklagen die Fischer wie andere Branchen überbordende Vorschriften. Insbesondere das Umwelt- und Wasserrecht erschwere immer mehr eine Zunahme der Erzeugung.

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