Von Kriegsmüdigkeit keine Spur

Die Menschen in der Ukraine üben sich in Alltagsleben und schauen nach vorn

  • Von Denis Trubetskoy, Kiew
  • Lesedauer: 5 Min.
Die zerstörte russische Militärtechnik ist bei den Kiewern ein beliebtes Fotomotiv.
Die zerstörte russische Militärtechnik ist bei den Kiewern ein beliebtes Fotomotiv.

Innerhalb von drei bis vier Tagen sollte Kiew nach dem Angriff auf die Ukraine fallen. Dann, so der Wunsch des russischen Präsidenten Wladimir Putin, sollten seine Soldaten in der ukrainischen Hauptstadt eine Siegesparade abhalten. Sechs Monate später ist die russische Armee weiter denn je von Kiew entfernt. Statt triumphierender russischer Soldaten säumt zerstörte russische Militärtechnik die Kiewer Prachtstraße Chreschtschatyk im Vorfeld des ukrainischen Unabhängigkeitstages am 24. August und des Halbjahrestags des Krieges.

Völlig unbeschwert können die Kiewer den Unabhängigkeitstag nicht genießen. Immerhin könnte Russland das Datum zum Anlass nehmen, die Stadt verstärkt zu beschießen, so die Befürchtung. Im Regierungsviertel haben die Behörden ihren Mitarbeitern ab Montag vorsorglich vier Tage Homeoffice empfohlen. Am Wochenende hatte das sonnige Wetter noch viele Menschen zur Freiluftausstellung auf den Chreschtschatyk gelockt. So viele Menschen haben sie seit Februar nicht mehr im Zentrum gesehen, sagen die meisten Besucher offen.

»Ich bin stolz auf das, was unsere Armee gegen einen starken Gegner geleistet hat. Ich hätte nie gedacht, dass mich zerstörte Panzer so erfreuen würden«, sagt die junge Juristin Olena, die sich gerne vor den Ungetümen aus Metall fotografieren lässt. Auch Rentner Andrij schaut sich die Parade mit der Militärtechnik gerne an. Er stammt ursprünglich aus der Westukraine, lebt aber seit 35 Jahren in Kiew. »Es ist eine verrückte Wirklichkeit, aber ich habe irgendwie immer daran geglaubt, dass die Russen uns irgendwann angreifen«, betont er. »Ich hätte aber nicht damit gerechnet, dass dies so brutal passiert. Umso schöner ist es, hier die Beweise für die Schlagkraft unserer Streitkräfte zu sehen.«

Die Menschen haben sich mit dem Krieg arrangiert

Der Krieg ist den Menschen anzumerken. Die vergangenen Monate haben Spuren hinterlassen. Von Kriegsmüdigkeit ist in Kiew, wie auch im Rest des Landes, ein halbes Jahr nach dem 24. Februar jedoch nichts zu spüren. »Bei diesem Krieg steht die Existenz unseres Landes auf dem Spiel. Man kann müde sein, doch wenn das überwiegen würde, würde das irgendwann den Verlust des Staates bedeuten. Und so etwas kommt überhaupt nicht in Frage«, erklärt der Sportjournalist Roman Sintschuk. »Daher ist die Stimmung so, dass man nicht klagen und irgendwie doch weiterleben möchte. Neben der Lage an der Front mache ich mir natürlich Sorgen um den Winter, die Heizung wird bestimmt ein Problem werden. Doch all das ist nichts im Vergleich zur Bewahrung der ukrainischen Staatlichkeit.«

»Die Gesellschaft hat sich längst an den Krieg angepasst«, glaubt Mykyta Manujilow, Direktor eines Restaurants im Podil, einem historischen Kiewer Stadtviertel. »Selbstverständlich ist die Stimmung nicht gut. Es ist halt ein großer Krieg. Jeder kennt mittlerweile jemanden, der bei den Kämpfen gestorben ist oder verletzt wurde. Man hat sich jedoch angepasst, und zu uns kommen zuletzt mehr Menschen, obwohl viele stark an Einkommen eingebüßt haben. Man will eine gewisse Normalität beibehalten, solange es geht.« Manujilow glaubt, dass die Menschen ihre Einstellung kaum noch verändern werden: »Der Winter wird natürlich hart, wir wissen aber als Gesellschaft, wofür wir kämpfen. Und das ist das Wichtigste.«

Die Einstellung der Ukrainer zeigt sich auch in allen Umfragen. Mehr als 90 Prozent glauben an einen Sieg gegen Russland, mehr als 80 Prozent lehnen jegliche territorialen Zugeständnisse an Moskau ab. In beiden Fällen ist die Zustimmung zuletzt leicht angestiegen, auch in der Ostukraine. Offen bleibt hingegen die Frage, wie denn ein Sieg der Ukraine aussieht: Wäre die ukrainische Gesellschaft mit der Rückkehr zum Status Quo von vor dem 24. Februar zufrieden oder ist der Sieg erst dann erreicht, wenn auch die von Russland annektierte Halbinsel Krim zurückgeholt wird?

Ukrainer glauben an den Sieg

»Dazu gibt es in der Tat unterschiedliche Auffassungen«, sagt der Politologe Olexij Haran von der Kiewer Mohyla-Akademie. »Mein Gefühl sagt mir aber, dass in der Ukraine der Konsens herrscht, dass die Rückkehr zu den faktischen Grenzen vom 23. Februar ein Mindesterfolg wäre, den man akzeptiert.« Die Ukrainer seien hier schon realistisch, wollten aber natürlich irgendwann alle besetzten Gebiete zurück. Das glaubt auch die Buchhalterin Alina Losynska: »Die Explosionen in Militäreinrichtungen der Russen auf der Krim vor Kurzem heben die Stimmung, trotzdem muss man auf dem Boden bleiben. Wichtig ist, dass die Ukraine unter keinen Umständen ein Kapitulationsabkommen, wie es einst die Minsker Abkommen waren, unterschreibt.«

Im Februar 2015 hatte Minsk II die Ukraine vor einer Niederlage im Donbass bewahrt und der Armee acht Jahre Zeit verschafft, um sich auf den russischen Angriff vorzubereiten. »Mittlerweile ist die Lage an der Front völlig anders als 2014 und 2015. Die Kräfteverhältnisse sind ausgeglichen und die meisten Menschen glauben, dass zumindest der Süden zurückgewonnen werden kann«, sagt die 26-Jährige. Ein Friedensabkommen, ist Losynska überzeugt, könne die Ukraine nur aus einer der Position der Stärke abschließen. »Nach dem 24. Februar haben so gut wie alle kapiert, dass ein weiteres Einfrieren des Krieges für Putins Russland nur die Vertagung des Konflikts für eine gewisse Zeit bedeuten würde«, meint sie.

Fußballiga startet als Zeichen der Normalität

Während die Bevölkerung mit Sorgen auf die Sicherheitssituation rund um den 24. August blickt, startete der Staat am Tag zuvor, dem Tag der ukrainischen Nationalflagge, die neue Fußball-Saison. Das hatte sich auch Präsident Wolodymyr Selenskyj gewünscht. Das Auftaktspiel fand am Abend im Kiewer Olympiastadion statt. Damit möchte man ein Zeichen setzen. Zuschauer sind bei den Spielen nicht zugelassen. Und im Umkreis von 500 Metern muss sich ein Luftschutzkeller befinden, in den sich Spieler und Betreuer im Falle eines Luftalarms begeben können.

»Diese Meisterschaft wird historisch sein. Unser Geist und unsere Unbesiegbarkeit werden in die Geschichte des Weltfußballs eingehen«, sagt Andrij Pawelko, Präsident des ukrainischen Fußballverbandes. Die Austragung einer kompletten Fußball-Meisterschaft während des russischen Überfalls ist in jedem Fall ein ambitioniertes Vorhaben. Im Ausland wird man die Saison mit Interesse verfolgen. Und im Inland werden die Menschen bei Laune gehalten.

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