Ist »schlechter Sex« einvernehmlich?

Kann eine Begegnung, in der die Bedingung von Konsens nicht gegeben ist – also »Nein« sagen zu können –, überhaupt einvernehmlich sein?

»Das Wort ›Nein‹ scheint beim einvernehmlichen Sex schwer auszusprechen zu sein«, schreibt Heike Kleen.
»Das Wort ›Nein‹ scheint beim einvernehmlichen Sex schwer auszusprechen zu sein«, schreibt Heike Kleen.

Neulich saß ich mit einem Schwulen und einer Hetero-Frau an einem Tisch, und wir erzählten uns unsere jüngsten, vor Klischees strotzenden Sex- und Dating-Erlebnisse. Die Hetero-Frau schilderte freudig ihre Begegnungen und fragte irgendwann, inwiefern ich mich denn mit »männlicher Sexualität« auskenne.

Das war ihr Vorfühlen für das, was danach kam. Männer hätten es nämlich so an sich, dass sie beim Sex das machten, was meine Gesprächspartnerin ihrem Ex-Freund immer untersagt habe: Sie entledigten sich ins Gesicht der Frauen. In diesem und wohl in vielen weiteren Fällen ungefragt. Trotzdem war sie ganz entschlossen, hatte ihr die Begegnung große Freude bereitet. Ich habe keinen Grund, ihr das nicht zu glauben.

Kurz nach Beginn der #MeToo-Bewegung prägte die Berichterstattung über die Kurzgeschichte »Cat Person« das Aufkommen eines Seitenstrangs der Debatte um männlichen Machtgebrauch und sexuelle Gewalt. Die Rede war nun immer wieder von »schlechtem Sex«. Diese Geschichten waren seitdem unter dem Vorzeichen konstruiert, dass der Geschlechtsverkehr »einvernehmlich« sei, also kein Zwang vorliege – und dennoch zierten sich Frauen, ihn abzubrechen oder, schlimmer noch, würden ihren Sexualpartnern erst hinterher Übergriffigkeit, gar Vergewaltigung vorwerfen.

Doch die These von der im Normalfall zwanglosen Sexualität hält einer näheren Betrachtung kaum stand. Jüngst schrieb »Spiegel«-Kolumnistin Heike Kleen über »schlechten Sex«. Der Aufhänger war eine Bemerkung unter Kolleginnen. Ein Mann ging am Tisch der Frauen vorbei. Eine witzelte: »Finger im Po, Mexiko.« Großes Gelächter sei daraufhin ausgebrochen, denn alle hätten verstanden, dass sich das auf die »sexuellen Vorlieben« des Mannes bezogen hatte. Der pflege nach jeder Produktion »erfolgreich eine Frau ins Bett zu quatschen«.

Was dann als »schlechter Sex« gelabelt wird, beschreibt Kleen so: »Er liebte es auch, der Dame des Abends in einem völlig unerwarteten Moment seinen linken Zeigefinger in den Anus zu rammen. Ohne Vorankündigung, aber dafür mit großer Vehemenz.« Alle Kolleginnen, denen das passiert sei, seien davon erschrocken und irritiert gewesen und hätten ihre Lust verloren. Trotzdem habe keine den Verkehr abgebrochen. Kleens Moral aus der Geschicht’: »Das Wort ›Nein‹ scheint beim einvernehmlichen Sex schwer auszusprechen zu sein.« Frauen sollten darum von der queeren Community lernen, sexpositiv über ihre sexuellen Vorlieben zu sprechen.

Doch wieso lässt sich ausgerechnet bei einem Mann, der dieselbe sexuelle Handlung zulasten seiner Sexualpartnerinnen immer wieder überfallartig durchzieht, nicht hinterfragen, ob das überhaupt einvernehmlich ist? Muss ich tatsächlich bestimmte Formen von Geschlechtsverkehr – und bei Analverkehr mag das noch mal deutlicher einleuchten – über mich ergehen lassen, nur weil ich Sex prinzipiell zugestimmt habe? Oder kann sich nicht auch eine freiwillig eingegangene Situation durch konkretes Verhalten in eine unfreiwillige wandeln? Und: Kann eine Begegnung, in der die Bedingung von Konsens nicht gegeben ist – also »Nein« sagen zu können –, überhaupt einvernehmlich sein?

Hier zeigt sich eine binäre Konstruktion von Sex, der frei von Zwängen ablaufe, und Geschlechtsverkehr, der erzwungen – und darum Vergewaltigung – sei. Diese Vorstellung hat jedoch wenig damit zu tun, wie mehrdeutig und machtdurchzogen alle sexuellen Begegnungen tatsächlich ablaufen, sondern mehr mit unseren Bedürfnissen: Sexuelle Gewalt ist etwas, was bei bösen Männern oder schwachen Frauen passiert. Unser eigenes Sexualleben hingegen muss im Nachhinein als stets freiwillig gelabelt werden können. So bleibt unsere für unser psychisches Funktionieren und die Vermeidung kognitiver Dissonanz so wichtige Identität als Nicht-Opfer und Nicht-Täter gewahrt.

Die Rede vom »schlechten Sex« schützt also davor, das strukturelle Machtungleichgewicht ernst zu nehmen, das die Möglichkeit konsensueller Begegnung einschränkt. Und manchmal auch davor, sexuelle Gewalt beim Namen zu nennen.

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