Mehr Fußballstadion, weniger Frontalunterricht

Die Friedensbewegung braucht eine neue ästhetische Form, meint Daphne Weber

Ich starre auf ein blaues Plakat, in der Ecke eine Friedenstaube, mittig die Zeichnung einer ausgemergelten Frau von Käthe Kollwitz. Frieden, das ist was Ernstes. Da steht man betreten auf einem Platz und hört lange Redebeiträge an. Die Schrift auf dem Plakat wirkt altbacken. Ich bin froh, dass die Jahreszahl 2022 dabei steht und mir versichert, nicht ein Andenken an bessere Zeiten vor mir zu haben, als die Friedensbewegung noch tausende Menschen auf die Straße brachte.

Angesichts des Kriegs gegen die Ukraine und fast 30 weiterer Kriege auf der Welt sollte man eine starke Friedensbewegung im Herzen Europas vermuten. Doch die Menschenmengen lassen auf sich warten– und das in einer Zeit, in der Massenmobilisierungen wieder zugenommen haben. Als hartnäckige Friedensaktivisten halten wir die Fahnen hoch, doch wir bleiben meist unter uns. Die Losungen lauten: »Die Waffen nieder«, »Frieden schaffen ohne Waffen« – ein frisch zur Linken gestoßener Genosse hat viele Fragen; es wird ein langes Gespräch. Während die Beschimpfung von Friedensaktivist*innen als »Sofapazifisten« oder »Putin-Verharmloser« griffig sind, sind die Slogans der Friedensbewegung erklärungsbedürftig.

Der Erfolg von Parolen basiert darauf, dass sie allgemein verständlich sind, schnelle Zustimmung hervorrufen, Kollektive organisieren können und durch ihre Zuspitzung emotionalisieren. Eine erklärungsbedürftige Parole kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie bereits ein großes Kollektiv gesammelt hat oder stark emotionalisiert. Letzteres muss nicht unbedingt Zustimmung bedeuten, kann aber Medienöffentlichkeit erzeugen, was allerdings noch niemanden organisiert.

Meine Mitstreiter und ich sind überzeugt. Doch wie überzeugen wir andere Menschen? Das ist die entscheidende Frage. Offensichtlich gibt es derzeit eine große Lücke zwischen der Formsprache und Kommunikation der Friedensbewegung und dem Alltagsverstand der Leute, vor allem der meiner Generation.

Dabei gibt es auch andere Beispiele: Die Initiative »Deutsche Wohnen & Co enteignen« hat es geschafft, den Schmuddelbegriff des »Enteignens« zu popularisieren und ihn zu einem Trend zu machen. Das geschah auch mit durchdachten Schritten in Ästhetik und Kommunikation. Die Aktivist*innen setzten stark auf das Uralt-Symbol Fahne im wiedererkennbaren Design des markanten Farbkontrasts violett/gelb, um die Demos festlich und medientauglich zu gestalten. Mehr Fußballstadion, weniger Frontalunterricht. Das kann man in einem elitären Gestus verwerflich finden. Oder man versucht, diese sinnliche Seite des Menschen anzusprechen und mitzunehmen. Die Friedensbewegung versteht sich allerdings eher als Akteur, der den Trends trotzt, inhaltlich und formal. Design, Inszenierung, all diese Werbeelemente werden nicht nur in Teilen der Bewegung, sondern auch der Linken insgesamt nicht selten als etwas Schmutziges, Kapitalistisches abgelehnt. Nur kann man sich dem nicht entziehen, sobald man anfängt, via Medien zu kommunizieren – ob nun Flugblätter, Plakate oder Social Media. Die Konsequenz der Verweigerung ist eine Art Do It Yourself-Ästhetik – was bewusst als Retro-Element gesetzt werden kann, dann aber verfremdet werden muss, damit der Kommunikationscode »Retro« funktioniert.

Die Initiative »Rheinmetall entwaffnen« spricht in ihrem Mobilisierungsmaterial die Sprachen der Zeit; ihre aktuellen Aufkleber zum Protestcamp am Rande der Documenta in Kassel adaptieren in einer Form des Guerilla-Marketings das Werbedesign der Kunstschau. Es zeigt filigran gezeichnete Hände, ein Trend-Motiv der derzeitigen Populärkultur, ob als Gemälde oder Tattoo. Doch die Codes einer radikalen Initiative, die auch auf zivilen Ungehorsam setzt, sind nicht unbedingt die der Mehrheit der Bevölkerung. Wie die Klimabewegung eine breite Basis und einen radikalen Flügel hat, stünde es auch der Friedensbewegung gut, einerseits über eine zugespitzte Avantgarde zu verfügen und andererseits populär die Klasse zu erfassen.

Die Friedensbewegung hat die Aufgabe, Mainstream zu werden. Nicht, indem sie ihre inhaltlichen Positionen von Abrüstung, Diplomatie und Deeskalation anpasst, sondern indem sie diese (wieder) zum Mainstream macht. Dazu muss sie die ästhetische Formsprache der (politischen) Reklame neu lernen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal