»Für aufgeklärte Muslime sollten ›Die satanischen Verse‹ kein Problem darstellen«

Der Investigativ-Journalist Günter Wallraff spricht über seinen langjährigen Freund Salman Rushdie, Religionen und die Freiheit der Kunst

Herr Wallraff, Sie haben Salman Rushdie 1993 bei sich in Köln aufgenommen, als nach der Veröffentlichung des Romans »Die satanischen Verse« eine Fatwa gegen ihn verhängt wurde. Die Forderung der Religionsführer, Rushdie zu ermorden, hat seitdem weiter bestanden. Hat Sie der Anschlag in New York am 12. August überrascht?

Ich war schockiert und bin es immer noch. Wir haben uns zuletzt vor einigen Jahren auf einer Veranstaltung in Dänemark getroffen, da wirkte er sehr unbekümmert, obwohl er auch da Personenschutz hatte und es immer eine latente Bedrohung gab.

Die Fatwa gegen Rushdie wurde nie aufgehoben – die iranischen Staatsmedien haben den Attentäter jetzt frenetisch gefeiert …

Das ist widerlich. Erfreulich, dass die Bundesinnenministerin Nancy Faeser und der Kanzler Olaf Scholz den Anschlag so entschieden verurteilen und den iranischen Staat dafür verantwortlich machen. Als ich Salman Rushdie bei mir in Köln aufnahm und versuchte, Gespräche mit wichtigen Politikern zu vermitteln, da haben sich viele weggeduckt. Der damalige Kanzler Helmut Kohl ließ mir ausrichten, dass er sich aus politischen Gründen nicht imstande sehe, Rushdie zu empfangen, obwohl enge Berater ihm dazu geraten hatten. Veranstaltungen mit Rushdie wurden reihenweise abgesagt, die Lufthansa weigerte sich aus Sicherheitsgründen, ihn zu befördern – deswegen habe ich eine Privatmaschine für ihn gechartert und in Zeitungsanzeigen dazu aufgerufen, die Lufthansa zu boykottieren. Ein Aufklärer und Weltbürger wurde mit dem Tode bedroht und erhielt viel zu wenig Solidarität. Ich habe mich damals fremdgeschämt.

Das Buch »Die satanischen Verse« führte zu einer internationalen Debatte darüber, wie weit Kunstfreiheit gehen dürfe. Ähnliches geschah nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen durch den dänischen Zeichner Kurt Westergaard oder jene in der französischen Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo. Auf Westergaard wurde ein Anschlag verübt, auf das Redaktionsbüro von Charlie Hebdo auch – zwölf Menschen wurden ermordet. Welche Folgen könnte der Anschlag auf Rushdie haben?

Durch solche Attentate und Bedrohungen sollen Aufklärer und Islamkritiker eingeschüchtert werden. Ich fand es damals beschämend, dass gar nicht so wenige Intellektuelle meinten, man dürfe sogenannte »Heilige Bücher« nicht dem Spott aussetzen. Menschen, die so etwas täten, müssten damit leben, bedroht zu werden, meinten doch tatsächlich nicht wenige unverhohlen. Das Recht zu kritisieren, zu polemisieren, gerade auch mit Spott und Ironie etwas Verbohrt-Doktrinäres zu glossieren, dient doch der Aufklärung und ist weitaus schützenswerter als das Recht, nicht beleidigt zu werden. Menschen, die sagen, man dürfe religiöse Gefühle durch Kunst nicht gefährden, sind entweder denkfaul, feige oder nicht besonders interessiert an Demokratie und Menschenrechten.

Aber ist es nicht so, dass religiöse Kritik, die als beleidigend empfunden werden kann, immer wieder eher spaltet und Wut erzeugt, als aufzuklären?

Fundamentalisten und Islamisten, die sich im Besitz der reinen Wahrheit wähnen, verstehen keinen Spaß, die meinen es todernst mit ihrer Absolutheitslehre. Salman Rushdie ist auch Satiriker und Spötter – es ist also kein Zufall, dass er mit einer Fatwa belegt wurde und jetzt Opfer dieses Anschlags wurde. Korangelehrte behaupten, ihr Prophet Mohammed habe nie gelacht. Das Lachen sei ihm, so wörtlich, »wie ein Signal an den Satan« erschienen und als »Zeichen von Schwäche und Mangel an Durchsetzung anzusehen«. Was bei einem Kriegsherren und Eroberer ja noch seine Richtigkeit haben mag. Wenn Menschen aber über sich selbst lachen können, ist das ein Durchbruch zu mehr Weltoffenheit und Gelassenheit. Wie viele Fatwas hätte der Papst schon aussprechen müssen, wenn er auf jede Schmähkritik reagieren würde? Wenn Fundamentalisten sich gegen Menschenrechte wenden, weil sie keinen Spaß verstehen, sollte eine Gesellschaft nicht einknicken – im Gegenteil, sie sollte offensiv für die Kritiker von Fundamentalisten und totalitären Gesellschaften eintreten.

Sie wollten im Zuge des Streits um den Bau der Großmoschee in Köln-Ehrenfeld 2007 eine Lesung aus den »Satanischen Versen« in einer Moschee veranstalten. Warum: Um die Leute zum Lachen zu bringen?

Ich dachte, dass sich die Einstellung einiger gläubiger Menschen zu diesem Buch und vielleicht auch zu ihrer Religion dann entspannen würde. Die meisten Muslime kennen »Die satanischen Verse« ja gar nicht. Es durfte in keinem islamischen Land erscheinen. Und Menschen, die sich dafür einsetzten, wurden bedroht oder umgebracht. Ich selbst habe dank der »Satanischen Verse« die Suren des Koran akribisch gelesen. So wurden mir viele der Anspielungen in dem Buch erst richtig verständlich. Für aufgeklärte Muslime sollten »Die satanischen Verse« kein Problem darstellen. Sollte es einen demokratischen islamischen Staat geben, wäre dieser Weltbestseller sicher unter Anleitung als Schullektüre zu empfehlen.

Aber dass so eine Lesung viele als Provokation empfunden hätten, ist doch klar …

… na und? Auf die Idee hatte mich der damalige Ditib-Chef Bekir Alboga gebracht, der mich in einem Live-Interview aufforderte, in den Kölner Moschee-Beirat einzutreten. Das Buch »Ganz unten« sei ja Kult unter Türken, mit mir würden sich viele Muslime identifizieren. Als ich ihm daraufhin vorschlug, aber dann sollte man doch vorher mal eine Veranstaltung zu den »Satanischen Versen« in der Ditib-Moschee ermöglichen, um die eigene Weltoffenheit unter Beweis zu stellen, ging er erst mal darauf ein. Zu meiner Verwunderung erfolgte bald eine offizielle Erklärung aus der Türkei, ich hätte »mit meinem Ansinnen die Gefühle der Muslime weltweit verletzt«.

Woraufhin Sie 2010 Morddrohungen erhielten.

Ich wurde danach massiv bedroht, hundertfach aus aller Welt. Ich galt als Muslimfeind und Prophetenbeleidiger. Und ich nahm wegen der Familie Polizeischutz in Anspruch.

Damit waren Sie plötzlich in einer ähnlichen Situation wie Rushdie oder der Musiker Shahin Najafi, der nach einem angeblich blasphemischen Lied ebenfalls mit einer Fatwa belegt wurde und den Sie ebenfalls bei sich versteckten.

Gar nicht zu vergleichen! Nach einigen Wochen ebbte das bei mir wieder ab. Bei Rushdie herrschte die höchste Sicherheitsstufe, als er bei mir wohnte. Er war ständig von Personenschützern umgeben, vor meinem Haus standen gepanzerte Fahrzeuge. Trotzdem wollte er unbedingt raus. Sich zu verstecken, ist ihm wesensfremd.

Und das haben Sie dann auch gemacht. Es gibt Fotos von Ihnen gemeinsam mit dem türkischen Schriftsteller Aziz Nesin auf einem Boot auf dem Rhein.

Ich habe ein Gespräch zwischen den beiden vermittelt, da Rushdie Nesin vorwarf, er habe aus den »Satanischen Versen« Passagen unautorisiert in seiner Zeitschrift veröffentlicht. In der Folge gab es nach dem Freitagsgebet des örtlichen Mullahs in Sivas, der vom »Teufel Aziz Nesin« sprach, den es »zu vernichten galt«, einen Anschlag auf ein Hotel, in dem Nesin und viele andere Intellektuelle eine Tagung abhielten. Es gab 36 Tote.

Der Streit zeigt, dass der Fall zu einer Einschüchterung vieler Intellektueller führte – und zu Debatten, die den Radikalen nützten.

Leider ist das so. Rushdie selbst hat den Gegnern freier Gesellschaften immer die Stirn geboten. Als er bei mir war, wollte er immer raus. Wir waren mal in einem Restaurant, da hat ihn ein arabischstämmiger Kellner erkannt und die Bedrohung verurteilt. Der Kellner sagte aber auch, dass es doch sehr gefährlich sei, sich so öffentlich zu zeigen.

Auch Shahin Najafi hat bei Ihnen in Ehrenfeld mehr als ein Jahr versteckt gewohnt. Nach einem ironischen Lied über einen Iman erklärte ein Ajatollah ihn im Mai 2012 für vogelfrei, es wurde ein Kopfgeld auf seine Ermordung ausgesetzt. Der Fall ging durch die Weltpresse.

Najafi hat im gleichen Zimmer im Dachgeschoss geschlafen wie Rushdie und Wolf Biermann nach seiner Ausbürgerung aus der DDR. Im Gegensatz zu Rushdie, der das als Selbstaufgabe betrachtet hätte, hat sich Najafi von meiner Maskenbildnerin optisch so verändern lassen, dass er nicht mehr zu erkennen war. Als die Information über seine Unterkunft bei mir im Internet kursierte, habe ich ihm eine andere Wohnung besorgt. Shahin Najafi ist als Musiker ähnlich wie Salman Rushdie als Schriftsteller für aufgeklärte Iraner ein Held: Weil er öffentlich für Gleichberechtigung einsteht und gegen eine klerikale Diktatur. Und natürlich auch, weil er sich über die bigotten Vorstellungen von einem Gottesstaat lustig macht. Dazu braucht es sehr viel Mut. Ich bewundere solche Menschen.

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