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Kluger Kopf eines kaputten Systems

Der Tod von Elizabeth II. erinnert an ein grundlegendes Demokratiedefizit Britanniens

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 7 Min.
Königin Elizabeth II.
Königin Elizabeth II.

​Das Leben ist so widersprüchlich. Wer sich als Demokrat fühlt, kann eigentlich weder Königin noch König billigen. Doch auch in meinem Bekanntenkreis gibt es demokratische Geister, die einen Narren am britischen Königshaus allgemein und an der Queen im Besonderen gefressen haben. Dieser Widerspruch ist Teil der Erfolgsgeschichte von Elizabeth II, die nun im Alter von 96 gestorben ist.

Elizabeth Alexandra Mary, so ihre Vornamen vollständig, war am 21. April 1926 im feinen Londoner Mayfair geboren worden und bereits seit Herbst 2015 die am längsten herrschende Monarchin unter allen gekrönten Häuptern Britanniens. Selbst den Rekord ihrer Ururgroßmutter Victoria, von 1837 bis 1901 auf dem Thron und Begründerin des nach ihr benannten Zeitalters, stellte Elizabeth in den Schatten. Thronbesteigung 1952 und Krönung 1953, brachte es die Tochter von König George VI. am Ende auf über 70 Jahre – damit war sie zugleich das dienstälteste Staatsoberhaupt der Welt. Auch dieses Stehvermögen sowie die eiserne Disziplin und ihre allzeit gewahrte Contenance inmitten öffentlicher Aufregungen trugen ihr Zuneigung und Verehrung ein, auch von Stammwählern der Labour Party.

Seit ihrem Dienstantritt in Buckingham Palace hatte die Königin, die nie eine öffentliche Schule oder Universität besuchte, aber ausgebildete Automechanikerin war, über 50 Ehrenränge des Empire und seines Commonwealth-Nachfolgers inne – vom Colonel-in-Chief des schottischen Regiments The Argyll and Sutherland Highlanders, über das Ehrenkommando der Scots, der Irish und der Welsh Guards, vom Kommandant h.c. der Königlichen Berittenen Kanadischen Polizei und Captain General des Königlichen Regiments der Neuseeländischen Artillerie bis zum Ehrenamt eines Air Commodore der Königlichen Hilfsluftwaffe von Edinburgh und dem Kapitäns-Amt der Britischen Handels- und Fischereiflotte. Als sie im Alter von beinahe 91 die Schirmherrschaft über 25 Wohltätigkeitsverbände an jüngere Mitglieder des Königshauses abgab, blieben Hunderte Organisationen übrig, die mit der Königin als Aushängeschild warben. Die Queen oder »Lilibet«, wie die Familie sie nannte, war eine Weltmarke, die nichts und niemand übertraf. Die Tatsache, dass Elizabeth II. kein Sinnbild von Demokratie, sondern einer Feudalordnung war, die nun auf ihren ältesten Sohn Charles übergeht, änderte daran nichts.

Tatsache bleibt, dass die Queen der gescheite und respektable Kopf eines un- und vor-demokratischen Systems, der Zuckerguss auf einer Torte der Scheinheiligkeit, Ablenkung und Zerstreuung gewesen ist. Sie war wie eine Blendgranate für viele Menschen. Für Schaulustige, die entweder nicht klarer sehen können. Oder für Menschen, die nichts so sehr erfüllt wie Geschichten und Bilder aus Königshäusern, im Idealfall aus Windsor und Buckingham Palace, Balmoral und Sandringham. Und wenn royale Weihnachten und Pfingsten auf einen Tag fielen, dann, bitte sehr, mit der Queen samt liebster Gefolgschaft – bis zu seinem Tod 2021 mit fast hundert, Prinz Philip, ihre Corgis und Pferde, ihre erlauchten und erleuchteten Hüte und Handtaschen. Etwa in dieser Reihenfolge.

Ungeachtet solcher Äußerlichkeiten haben Wirtschaftskönige und Finanzkaiser eine handfeste Erwartung an die Monarchie: Je größer die Zumutungen des globalisierten Kapitalismus für viele Menschen sind, desto größer die Erwartung dieser wahren Regenten, die royale Sideshow möge weiter so buntes und fesselndes Feuerwerk für Schmachter und Anbeter bereithalten. Kaum einer erledigte diese Aufgabe so clever wie die britische, keiner absolvierte sie so souverän wie Her Majesty The Queen. In der Summe ihrer Eigenschaften, der Dauer ihrer Regentschaft und in der Wahrnehmung ihrer Untertanen hat sie ein zweites Elisabethanisches Zeitalter geschaffen.

Auf ideeller Ebene hat das die Königin befähigt, wichtige politische Interessen wahrzunehmen, für die im Falle Britanniens kein anderer so tauglich gewesen wäre. Die Queen besaß keine exekutive Macht, aber erheblichen Einfluss. Das lag nicht allein an ihren fast 300 Visiten in über 100 Staaten. Mit ihrer Langlebigkeit, die sie alle 15 Premierminister, von Winston Churchill bis Liz Truss, kennen ließ, wurde Elizabeth II. zum Sinnbild gefühlter Stabilität. Das machte sie gerade in ihrer letzten Lebensphase, da sich das Königreich scharfen Zerreißproben gegenübersieht – Brexit, Coronavirus und Energiekrise, Wohlstandsgefälle zwischen englischem Süden und britischem Norden, Unabhängigkeitsbestrebungen in Schottland, Nordirland und Wales –, für viele zu einer der letzten Klammern eines Landes im Treibsand.

Der ehemalige Regierungschef der Konservativen, der intelligente, clowneske und immer für eine Lüge gute Boris Johnson, versuchte mit Sprüchen von einem neuen, weltweit operierenden Britannien die Illusion vom Gegenteil zu verbreiten. Der Wischmopkopf aus Number Ten bediente in seiner Politik – mit der verlogenen Brexit-Kampagne von 2016 ebenso wie mit dem nicht weniger täuschenden Trara um eine neue Weltmachtrolle von »Global Britain« – eine bei so manchen Landsleuten bis heute aktivierbare Sehnsucht nach der guten, alten Zeit. Eine Nostalgie rund um Glanz und Größe des Empire. Einen Hype um die Auserwähltheit der Insel und Insulaner. Und, damit verbunden, ein allgegenwärtiges Hochamt um die Queen. Das wurde vielleicht nirgends sichtbarer und inbrünstiger zelebriert als in Wembley, wenn heimische Fans wieder und wieder in neunzig Fußballminuten »God Save the Queen«, die erste Strophe der Nationalhymne anstimmten:

»Gott schütze unsere gnädige Königin!
Lang lebe unsere edle Königin,
Gott schütze die Königin!
Lass sie siegreich,
Glücklich und ruhmreich sein,
Auf dass sie lang über uns herrsche!
Gott schütze die Königin!«

Die englische Schriftstellerin Hilary Mantel, mit gefeierten Romanen auch über Monarchen hervorgetreten, sagte einmal auf die Frage des »Spiegel«, wer und was die Nation zusammenhalte: »Das liegt vor allem an der Queen. Ich bin 1952 geboren, meine Generation und alle, die jünger sind, werden es schmerzhaft spüren, wenn sie nicht mehr da ist. Auf einer psychologischen Ebene verbreitet sie Verlässlichkeit und Kontinuität, aber als Institution ist die Monarchie kaum relevant.« Mantel sprach damit an, was auch andere vorhersagen: Mit dem Ableben Elizabeths II. wird die britische Monarchie nicht verschwinden, aber ganz sicher einen Schwund ihres Einflusses erfahren. Bei Geburt der Dame aus dem Hause Windsor erstreckte sich das Empire über ein Viertel der Erde. Zu ihrer Krönung begannen die letzten Säulen des Kolonialreichs zu fallen. Das Mutterland verlor eine Welt, in der die Sonne nie unterging und das Blut nie trocknete, ohne bis heute eine neue und tragfähige Rolle wirklich zu finden. Die von Boris Johnson vor dem EU-Austritt verheißene Zurückgewinnung von Britanniens Selbstbestimmung (»Take back control«) offenbart mehr und mehr, wie sehr auch dieses Versprechen nur ein weiterer Akt von Selbsthypnose war.

Der neue König Charles III ist kein grüner Junge, sondern seit Jahren selbst im Rentenalter. Er besteigt den Thron mit fast 74, doch er verfügt nicht über Erfahrung, Ansehen und Bindekraft der Königin. Nicht nur nach innen. Elizabeth genoss gerade im Verbund des Commonwealth, in dem sie Oberhaupt von über 50 sowie konstitutionelle Monarchin von 15 Staaten war, große persönliche Reputation. Sie war insofern der letzte gemeinsame Nenner eines Commonwealth in seiner heutigen Gestalt. Das dürfte sich absehbar ändern und manch neue Bewegung weg von der britischen Krone anstoßen. Äußerungen hierzu gab es schon zu Lebzeiten von Elizabeth II., besonders in Kanada und Australien. Im Königreich selbst wünschten sich im Frühsommer 2022, zum Zeitpunkt des 70. Thronjubiläums der Queen, 41 Prozent der 18- bis 24-jährigen Briten die Abschaffung der Monarchie.

Tony Benn (1925 bis 2014), ein Leuchtturm der Linken, mit 50 Parlamentsjahren dienstältester Labour-Abgeordneter und einer der grundsätzlichen Kritiker der Monarchie, hat stets zwischen Kritik an der Königsfamilie und Kritik an der Monarchie unterschieden. Erstere hielt er für lässlich, letztere für unerlässlich. Die Royal Family habe sich »um ihren Job nicht beworben. Ihre Angehörigen wurden nur in den richtigen Betten der richtigen Eltern zur richtigen Zeit geboren – oder durch Heirat in die Familie geholt. Es geht nicht darum, die einzelnen Mitglieder der Königsfamilie anzugreifen. Das lenkt von der wichtigen Frage ab.« Die müsse auf die Monarchie zielen. Das Königshaus wurde aus Profiten aus dem Sklavenhandel, aus Plünderungen und selektiver Fortpflanzung innerhalb eines kleinen Genpools blaublütigen Weißseins errichtet. Und die britische Variante, so Benn, verschaffe durch ein System aus Vorrechten der Krone, in deren Namen sie handle, vor allem dem Premierminister enorme Macht. Etwa ohne demokratische Kontrolle das Land in einen Krieg zu führen – wie dies beispielsweise Labour-Premier Tony Blair 2003 im Falle Iraks tat.

Ganz sicher hätte Benn das Ableben von Elizabeth II. genutzt, um den Blick von der Herrscherin auf die Herrschaftsordnung, vom Schein aufs Wesentliche zu lenken. Ian McEwan, der große Schriftsteller und Landsmann Benns wie der Queen, machte in seinem Roman »Nussschale« eine belletristische Randbemerkung zu Britanniens Verfasstheit. Sie hätte garantiert Tony Benn gefallen, weil sie das Wesen im Blick behält – ohne den englischen Humor zu vergessen: »Ich hätte auch in Nordkorea zur Welt kommen können, wo die Thronfolge zwar ebenso unangefochten ist, Freiheit und Essen aber zu wünschen übriglassen.«

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